Richard Gadd, der schottische Komiker und Autor, feierte mit „Baby Reindeer“ (deutsch: „Rentierbaby“) einen unerwartet großen Erfolg. Die Serie, die Psychodrama und bitteren Humor verbindet, brachte ihm mehrere Golden Globes und Emmys ein. Darin verarbeitete Gadd sehr offen eigene Erfahrungen mit Stalking und Missbrauch. Nun legt er mit der neuen Miniserie „Half Man“ nach, in der er erneut eine der zentralen Rollen übernimmt. Anders als „Rentierbaby“, das bei Netflix lief, ist „Half Man“ bei HBO Max zu sehen. Die Serie umfasst sechs Episoden, die freitags bis zum 29. Mai veröffentlicht werden.
Ein Störenfried am Hochzeitstag
Für Niall (Jamie Bell) sollte es eigentlich ein Festtag werden: seine Hochzeit. Doch plötzlich taucht dort Ruben (Richard Gadd) auf, ein Mann mit bedrohlicher Ausstrahlung. Während draußen gefeiert wird, stehen sich die beiden in einer Scheune gegenüber: Niall eher schmal, geschniegelt in Jackett und Kilt, Ruben kräftig, oberkörperfrei, die Hände bandagiert wie vor einem Kampf.
Wie es zu diesem verstörenden Moment kommt, erzählt „Half Man“ in Rückblenden.
Richard Gadd und Jamie Bell prägen die Serie zwar entscheidend, stehen aber erst in der zweiten Hälfte stärker im Mittelpunkt. In den ersten drei Folgen tragen Mitchell Robertson und Stuart Campbell als jüngere Versionen von Niall und Ruben die Handlung.
Kindheit in einem düsteren Umfeld
Die Geschichte beginnt in den 1980er Jahren in einem trostlosen Ort nahe Glasgow. Dort lebt der junge Niall mit seiner verwitweten Mutter Lori (Neve McIntosh) und deren Partnerin Maura (Marianne McIvor). In der Schule ist Niall ein stiller Außenseiter, der von Mitschülern schikaniert wird und sich kaum wehrt.
Noch schlimmer wird seine Lage, als Mauras Sohn Ruben bei ihnen einzieht. Der gewalttätige Jugendliche ist gerade aus einer Jugendstrafanstalt entlassen worden. Sein Ruf ist furchteinflößend: Er soll jemandem die Nase abgebissen haben.
Zwischen Abhängigkeit und Gewalt
Kaum angekommen, macht Ruben klar, wer das Sagen haben will. Er wirft Nialls Sachen weg, reißt Poster von der Wand und zwingt ihn zur Unterordnung. Gleichzeitig entsteht zwischen den beiden eine seltsame Nähe, nachdem Ruben einen Jungen verprügelt, der Niall zuvor regelmäßig gedemütigt hatte.
Aus dieser Dynamik entwickelt sich eine enge, aber höchst ungesunde Verbindung. Niall hilft Ruben beim Lernen für eine Prüfung. Ruben wiederum sorgt auf seine grobe und grenzüberschreitende Weise dafür, dass Niall seine Jungfräulichkeit verliert – eine von vielen Szenen, die beim Zuschauen Unbehagen auslösen.
„Wir sind jetzt Familie“, sagt Ruben. Doch diese angebliche Brüderlichkeit ist von Dominanz, Einschüchterung und emotionaler Abhängigkeit geprägt. Niall blickt zu Ruben auf, ist ihm aber auch ausgeliefert, weil er ihm körperlich nichts entgegenzusetzen hat. Mal behandelt Ruben ihn brutal, mal beinahe zärtlich. Gerade diese Mischung macht ihre Beziehung so verstörend.
Beklemmend und zugleich fesselnd
Von Anfang an erzeugt „Half Man“ eine drückende Atmosphäre. Vieles ist schwer auszuhalten, und doch zieht die Serie in ihren Bann. Das liegt zum einen an Gadds Gespür für Figuren, Sprache und präzise Beobachtungen, zum anderen an den starken schauspielerischen Leistungen.
Ein Neuanfang, der keiner wird
Für den intelligenten und schriftstellerisch begabten Niall scheint die Universität die Chance auf einen Neustart zu sein – möglichst weit weg von Ruben. Doch auch das Leben in einer WG mit den lebensfrohen Studentinnen Joanna (Julie Cullen) und Celeste (Philippine Velge) sowie dem selbstbewussten Alby (Bilal Hasna) überfordert ihn zunächst.
Trotz aller Warnzeichen sucht Niall schließlich wieder den Kontakt zu Ruben. Dessen Auftauchen in der WG löst eine Kette dramatischer Entwicklungen aus, die Niall in eine fast aussichtslose Situation treiben. Die Folgen dieser Ereignisse reichen bis in die Gegenwart und prägen das Leben beider Männer dauerhaft.
Über Jahre hinweg trifft Niall immer wieder fatale Entscheidungen und fällt in zerstörerische Muster zurück. Zwar gibt es auch kurze Momente von Humor, doch insgesamt führt Gadds Serie vor allem dorthin, wo es weh tut – im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. Nicht nur die Gewaltszenen sind schwer zu ertragen.
Richard Gadd als bedrohliche Figur
In „Baby Reindeer“ verkörperte Gadd das Opfer, in „Half Man“ spielt er den Täter – wobei die Serie immer wieder andeutet, dass auch Ruben selbst von eigenen Verletzungen und Traumata geprägt ist. Mit Muskelkörper, struppigem Bart, Topfschnitt und fiebrigem Blick wirkt Gadd in dieser Rolle äußerst einschüchternd. Jamie Bell wiederum vermittelt Nialls Leid sehr eindringlich.
Nicht jede Handlung der Figuren wirkt dabei völlig schlüssig; manches erscheint überzeichnet oder beinahe absurd. Trotzdem entfaltet die Serie große emotionale Wucht.
Eine düstere Studie über zerstörerische Bindungen
„Half Man“ erzählt von kaputten Beziehungen, toxischer Männlichkeit und seelischen Abgründen. Die Serie verhandelt Themen wie Schuld, Moral, Loyalität, Trauma und sexuelle Identität – und zeigt, dass in dieser Geschichte niemand unversehrt bleibt. Das Ergebnis ist intensiv, verstörend und manchmal kaum auszuhalten, zugleich aber auch eine packende Charakterstudie.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion