Politik

Waffenruhe verlängert – aber wie lange noch? Was jetzt im Libanon wirklich auf dem Spiel steht

Hunderte Tote, ein Fünftel der Menschen vertrieben: Nach den heftigsten Angriffen seit Langem soll die Feuerpause im Libanon jetzt überraschend drei weitere Wochen halten. Ist das die Wende, auf die alle in diesem Krieg hoffen?

24.04.2026, 05:00 Uhr

Libanon hofft trotz neuer Angriffe auf Aufschub im weiter schwelenden Krieg

Während der Blick vieler Staaten auf den Iran und die Straße von Hormus gerichtet ist, wächst im Libanon die Sorge vor einer neuen Eskalationsstufe. Auch dort stehen sich Israel und die vom Iran unterstützte Hisbollah gegenüber. Eine fragile Feuerpause, die am späten Sonntagabend geendet hätte, soll nach Angaben von US-Präsident Donald Trump nun um weitere drei Wochen verlängert werden. Doch ob das Land damit wirklich aufatmen kann, ist offen.

Schon kurz nach der angekündigten Verlängerung gab es erneut Tote: Nach Angaben libanesischer Sicherheitskreise wurden in der Nacht bei einem israelischen Angriff auf ein Haus in dem südlibanesischen Ort Tulin zwei Mitglieder der Hisbollah getötet. Die israelische Armee erklärte später, der Einsatz sei eine Reaktion auf Raketenbeschuss der Miliz gewesen.

Israel teilte zudem mit, militärische Anlagen der Hisbollah in Tulin sowie in einem weiteren Ort im Südlibanon angegriffen zu haben. Diese Einrichtungen seien für Angriffe genutzt worden. Nach der geltenden Vereinbarung zur Waffenruhe darf Israel gegen geplante, unmittelbar bevorstehende oder bereits andauernde Angriffe vorgehen.

Warum kämpfen Israel und die Hisbollah?

Die Hisbollah ist im Libanon nicht nur eine schiitische Miliz, sondern auch eine einflussreiche politische Kraft. Sie wird vom Iran unterstützt, lehnt Israels Existenz ab und gilt neben verbündeten Gruppen im Jemen und Irak als einer der wichtigsten Partner Teherans in der Region. Deshalb ist der Konflikt eng mit der Konfrontation zwischen Israel, den USA und dem Iran verknüpft. Zugleich reicht die Feindschaft zwischen Israel und der Hisbollah bis in die 1980er Jahre zurück.

Die jüngste Gewaltwelle steht im Zusammenhang mit der breiteren regionalen Eskalation. Nach erneuten Angriffen der Hisbollah auf Israel flog die israelische Armee wieder massive Luftschläge im Libanon. Seither wurden dort mehr als 2.000 Menschen getötet, rund 1,2 Millionen mussten ihre Heimat verlassen – etwa ein Fünftel der Bevölkerung.

Wie könnte es nun weitergehen?

Die zunächst auf zehn Tage angelegte Waffenruhe wäre am Sonntagabend ausgelaufen. Trump erklärte jedoch nach einem ungewöhnlichen Treffen israelischer und libanesischer Vertreter im Weißen Haus, dass sie um drei Wochen verlängert werde.

Im Libanon reagierten viele Menschen Augenzeugen zufolge mit vorsichtiger Erleichterung auf die Ankündigung. Gleichzeitig ist das Misstrauen groß: Viele fürchten, dass sich beide Seiten nicht an die Vereinbarung halten werden. Die neuen Angriffe in Tulin dürften diese Sorge weiter verstärken.

Die libanesische Regierung, die in dem aktuellen Konflikt keine aktive Kriegspartei ist, warnt seit längerem davor, dass die Feuerpause durch neue Verstöße ausgehöhlt werden könnte. Auch die Hisbollah hat trotz bestehender Ruhe mehrfach Ziele in Israel attackiert.

Von einem Kriegsende kann daher keine Rede sein. Der Historiker Makram Rabah von der Amerikanischen Universität in Beirut geht davon aus, dass die Kämpfe wegen der eher lockeren Bedingungen der Verlängerung weitergehen dürften. Gleichzeitig könnten die Gespräche in Washington der Auftakt für ein späteres, umfassenderes Abkommen sein. Trump will dazu bald auch Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und den libanesischen Präsidenten Joseph Aoun empfangen.

Welche Bedeutung hätte ein Treffen zwischen Aoun und Netanjahu?

Ein solches Treffen hätte vor allem hohen symbolischen Wert. Israel und der Libanon befinden sich seit der Staatsgründung Israels 1948 offiziell im Kriegszustand. Schon dass die Botschafter beider Länder in den USA nun direkt miteinander sprechen, weckt vorsichtigen Optimismus, dass ein größeres Abkommen irgendwann denkbar werden könnte.

Allerdings sind die Streitpunkte erheblich. Im Zentrum steht die Frage, ob und wie der libanesische Staat beziehungsweise seine Armee die Entwaffnung der Hisbollah durchsetzen könnten – etwas, das die Miliz strikt ablehnt. Ebenso wichtig ist, ob sich Israel dauerhaft aus dem Südlibanon zurückzieht, wo seine Truppen seit anderthalb Jahren wieder militärisch präsent sind. Sowohl der Iran als auch die Hisbollah lehnen die Gespräche in den USA ab.

Was wollen Regierung und Hisbollah?

Präsident Joseph Aoun geht härter gegen die Hisbollah vor als viele seiner Vorgänger. Große Teile der libanesischen Regierung sehen in einer Entwaffnung der Miliz die beste Möglichkeit, die israelischen Angriffe zu beenden. Die Regierung will den Einfluss der Hisbollah im Land eindämmen.

Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2025 wünschen sich inzwischen rund 80 Prozent der Libanesen, dass die Hisbollah ihre Waffen niederlegt. Viele machen sie direkt für die Verwüstungen und die humanitäre Notlage im Land verantwortlich.

Dennoch verfügt die Organisation weiterhin über großen politischen Einfluss und starken Rückhalt, vor allem in der schiitischen Bevölkerung. Ein Grund dafür sind ihre sozialen Angebote in Bereichen wie Bildung, Entwicklung und Finanzierung, mit denen sie dort einspringt, wo der Staat oft versagt. Militärisch ist die Hisbollah jedoch deutlich geschwächt. Ihr Arsenal, das 2023 noch auf etwa 150.000 Raketen geschätzt wurde, soll inzwischen nur noch rund 20.000 umfassen. Komplett entwaffnen wird sie sich wohl vorerst nicht. Zudem gibt es die Sorge, dass ein solcher Schritt neue konfessionelle Spannungen oder sogar einen weiteren Bürgerkrieg auslösen könnte.

Welche Zukunft hat die UN-Mission?

Seit fast fünf Jahrzehnten überwacht die UN-Friedensmission Unifil das Grenzgebiet zwischen Israel und dem Libanon. Doch ihr Mandat könnte Ende des Jahres auslaufen. Israel und die USA halten den Einsatz für wenig wirksam, wenn es darum geht, militärische Aktivitäten der Hisbollah zu verhindern. Der Libanon wiederum hofft, dass auch 2027 noch UN-Kräfte vor Ort sein werden. Die endgültige Entscheidung liegt beim Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.

Nach UN-Angaben sind derzeit mehr als 7.500 Blauhelmsoldaten aus rund 50 Staaten in dem Gebiet stationiert. Der Einsatz zählt zu den gefährlichsten weltweit. Erst vor wenigen Tagen kamen bei einem Angriff zwei französische Soldaten ums Leben. Zwar ist es Unifil bislang nicht gelungen, den Südlibanon tatsächlich waffenfrei zu machen. Dennoch bleibt die Mission ein letzter unabhängiger Puffer in einer Region, die heftig umkämpft ist und in der seit anderthalb Jahren wieder israelische Bodentruppen im Einsatz sind.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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