Allgemein

Muttertag: Nur Kommerz – oder mehr?

Blumen zum Muttertag? Hinter dem Feiertag steckt ein viel größeres Tabu: Was über Mütter romantisiert – und verschwiegen wird.

08.05.2026, 08:00 Uhr

Blumen, Pralinen und ein paar freundliche Worte: Für viele erschöpft sich der Muttertag noch immer in kleinen Gesten. Gleichzeitig zeigt sich im Alltag ein anderes Bild. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts übernehmen Frauen mit kleinen Kindern weiterhin mehr Sorgearbeit und sind deutlich seltener erwerbstätig als Väter in vergleichbaren Familiensituationen. Gerade darüber wird rund um den Muttertag jedoch nur selten gesprochen.

Durch Werbung erscheint der Tag heute oft vor allem als kommerzielles Ereignis. Doch welche Rolle spielt er noch in einem Land, in dem Mutterschaft längst weniger selbstverständlich ist als früher? Ein Blick auf das Thema aus kulturwissenschaftlicher Perspektive.

Hat der Muttertag heute in Deutschland noch Gewicht?

Nach Einschätzung des Regensburger Kulturwissenschaftlers Gunther Hirschfelder erfüllt der Muttertag heute kaum noch die Funktion, gesellschaftlich etwas zu verändern oder neues Bewusstsein zu schaffen. Vielmehr sei er stark vom Konsum geprägt und fülle ähnlich wie der Valentinstag eine symbolische Lücke im Kalender, da traditionelle kirchliche Feste an Bedeutung verlieren.

Betrachte man den Tag kritisch aus kultureller und konsumbezogener Sicht, wirke er mitunter sogar respektlos, so Hirschfelder. Über die reale Lebenssituation von Müttern werde in der Öffentlichkeit nur wenig gesprochen. Stattdessen nähmen sie an diesem Tag vor allem eine passive Rolle ein, indem sie Geschenke entgegennehmen. Dadurch bekomme der Muttertag leicht einen dekorativen oder verharmlosenden Charakter. In eher ländlichen oder weniger akademisch geprägten Milieus habe er heute oft mehr Stellenwert als in klassischen bürgerlichen Kreisen.

Muttertag
Blumen zählen zu den beliebtesten Geschenken am Muttertag. (Symbolbild) Quelle: Boris Roessler/dpa

Welche Impulse kann der Muttertag dennoch geben?

Aus Sicht Hirschfelders macht der Tag vor allem ein demografisches Problem sichtbar. Mutter zu werden sei in Deutschland keine Selbstverständlichkeit mehr. Der frühere Bundeskanzler Konrad Adenauer soll 1957 in der Rentendebatte noch gesagt haben, dass die Menschen immer Kinder bekämen. Ein Blick auf die Entwicklung zeigt jedoch, dass diese Annahme nicht aufgegangen ist.

Während bei den Jahrgängen 1938 bis 1940 nur rund elf Prozent der Frauen kinderlos blieben, liegt der Anteil heute laut Statistischem Bundesamt seit Längerem bei etwa 20 Prozent – unabhängig davon, ob dies gewollt oder ungewollt ist. Ohne Zuwanderung könnte die Bevölkerung nur dann wachsen, wenn 80 Prozent der Frauen mehr als zwei Kinder bekämen. Tatsächlich liegt die Geburtenrate bundesweit aber bei lediglich 1,35 Kindern pro Frau.

Was hat sich im Vergleich zu früher verändert?

Hirschfelder verweist auf die zunehmende Auflösung des klassischen bürgerlichen Familienmodells. In Patchwork-Familien könne bereits die Frage kompliziert werden, wer am Muttertag bedacht werden soll: nur die leibliche Mutter oder auch die Partnerin des Vaters.

Hinzu komme das Mutterbild in manchen Familien mit Einwanderungsgeschichte. Dort fänden sich teilweise sehr traditionelle Rollenvorstellungen, die mit Blick auf Frauenrechte problematisch sein könnten. Zugleich gebe es dort häufig eine Form der Wertschätzung gegenüber Müttern, die in Deutschland seltener geworden sei. Vergleichbare Beobachtungen macht Hirschfelder auch in Teilen der postsowjetischen Staaten, etwa in Moldau oder der Ukraine.

Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland

Zwischen Ost und West sieht Hirschfelder vor allem verschiedene Traditionen. In Westdeutschland der frühen 1960er Jahre bot der Muttertag Frauen zumindest einmal im Jahr eine öffentliche Bühne. Damals galt weithin die gesellschaftliche Erwartung, dass Frauen zu Hause blieben, Kinder bekamen und sich vor allem über ihre Pflichterfüllung definierten. Vor diesem Hintergrund hatte der Tag damals durchaus Bedeutung. In den 1970er Jahren reagierte die westdeutsche Frauenbewegung darauf mit dem Satz: „Danke für die Blumen. Rechte wären uns lieber!“

In der DDR stellte sich die Lage anders dar. Dort waren Frauen überwiegend berufstätig, und der gesellschaftliche Fokus lag stärker auf dem Internationalen Frauentag als auf dem Muttertag, der eher privat begangen wurde. Eine Verklärung der Situation im Osten lehnt Hirschfelder jedoch ab: Zur Erwerbsarbeit kam für viele Frauen zusätzlich die Sorgearbeit für die Kinder hinzu.

Für wen ist der Muttertag heute wichtig?

Einer repräsentativen YouGov-Umfrage vom April 2024 unter 2.122 Erwachsenen zufolge verbinden Mütter mit dem Muttertag höhere Erwartungen als Väter mit dem Vatertag. 62 Prozent der befragten Mütter wünschen sich etwas von ihren Kindern – etwa gemeinsame Zeit (36 Prozent), Blumen (22 Prozent), Schokolade oder Pralinen (9 Prozent) oder andere Aufmerksamkeiten. Bei Vätern misst dagegen nur etwa jeder Zweite dem Vatertag besondere Bedeutung bei.

Nach Einschätzung des Handelsverbands Deutschland wollen in diesem Jahr rund 30 Prozent der Menschen in Deutschland ein Muttertagsgeschenk kaufen. Die Ausgaben liegen demnach im Schnitt bei 18,72 Euro pro Person. Insgesamt rechnet der Verband mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro.

Woher stammt der Muttertag?

Seinen Ursprung hat der Muttertag in den USA. Dort wurde der zweite Sonntag im Mai im Jahr 1914 zum nationalen Feiertag erklärt. In Deutschland brachten ihn Anfang der 1920er Jahre vor allem die Blumenhändler voran. Hirschfelder sieht in ihm für diese Zeit auch eine Art Trostsymbol für Frauen, die im Ersten Weltkrieg ihre Söhne verloren hatten.

Die Wuppertaler Erziehungswissenschaftlerin Astrid Messerschmidt ordnet die Einführung zudem in eine Zeit ein, in der sich bereits nationalistische und autoritäre Ideologien abzeichneten. Mit dem Ideal der „Soldatenmutter“ sei ein Gegenbild zur emanzipierten Frau der Weimarer Republik geschaffen worden. Später vereinnahmten die Nationalsozialisten den Muttertag politisch und luden ihn propagandistisch auf: Mutterschaft wurde als Dienst am Volk inszeniert und staatlich geehrt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen