Mindestens 111 Tote nach schwerem Erdbeben
Ein schweres Erdbeben der Stärke 7,4 hat Kolumbien erschüttert und nach jüngsten offiziellen Angaben mindestens 111 Menschen das Leben gekostet. Zudem wurden bislang 87 Verletzte registriert, wie Präsident Abelardo de la Espriella mitteilte. Die Behörden befürchten weiterhin, dass die Zahl der Opfer noch steigen könnte.
In vielen Orten spielten sich dramatische Szenen ab: Menschen rannten in Panik auf die Straßen, Autos schwankten, Fensterscheiben klirrten und Gebäude stürzten ein. Videos in sozialen Netzwerken zeigen unter anderem, wie an einer Kreuzung ein großes Gebäude zusammenbricht, während sich eine Staubwolke ausbreitet.
Nach Angaben des Präsidenten wurden landesweit außerdem mehr als 1.500 Wohnhäuser beschädigt. Zudem seien bislang 61 eingestürzte Gebäude registriert worden.
Besonders betroffen ist die Stadt Pereira westlich von Bogotá. Dort wurden nach Angaben von Polizeichef Óscar Leonel Ochoa inzwischen 47 Todesopfer registriert. Aufnahmen zeigen dort eingestürzte Gebäude und Rettungskräfte, die in den Trümmern nach Überlebenden suchen.
Im Departamento Valle del Cauca kamen nach Angaben von Gouverneurin Dilian Francisca Toro mindestens 27 Menschen ums Leben, darunter drei Kinder. Diese Zahl umfasst die Hauptstadt Cali weiterhin nicht.
Aus Manizales wurden drei Tote gemeldet. Nach Angaben von Bürgermeister Jorge Rojas stürzten dort zehn bis zwölf Gebäude ein, weitere Häuser wurden schwer beschädigt. Auch die Kathedrale der Stadt wurde erheblich in Mitleidenschaft gezogen: Ein Seitenturm neigte sich auf Aufnahmen deutlich zur Seite. Eine Anwohnerin schilderte dem Radiosender La FM, sie habe zunächst an ein leichtes Beben gedacht, dann aber um ihr Leben gefürchtet.
In Cali meldete der Bürgermeister mehr als 20 eingestürzte Gebäude, in denen Menschen eingeschlossen sein sollen. Bereits zuvor waren aus der Stadt Schäden an Gebäuden bekannt geworden.
Schäden und Ausfälle in Chocó
Im Departamento Chocó meldete die Regionalregierung vorläufig vier Tote und zahlreiche Verletzte. In mehreren Gemeinden wurden Schäden an Wohnhäusern, anderen Gebäuden sowie an öffentlicher und privater Infrastruktur festgestellt. Die Behörden betonten, dass die Zahlen weiterhin vorläufig seien und noch steigen könnten.
In Quibdó, der Hauptstadt des Departamentos Chocó, herrschte nach dem Hauptbeben und mehreren Nachbeben zeitweise Panik. Gouverneurin Nubia Carolina Córdoba berichtete dort ebenfalls von Verletzten und schweren Gebäudeschäden.
Die Auswirkungen auf die Infrastruktur sind erheblich: Stromversorgung, Telefonie und andere Kommunikationsverbindungen sind in betroffenen Gebieten beeinträchtigt. Nach Angaben des Präsidenten sind derzeit außerdem sechs Flughäfen wegen Schäden an ihrer Infrastruktur für den kommerziellen Flugverkehr außer Betrieb.
Epizentrum im Westen Kolumbiens
Das Beben ereignete sich um 7.34 Uhr Ortszeit. Nach Angaben des Kolumbianischen Geologischen Dienstes (SGC) lag das Epizentrum nahe San José del Palmar im westlichen Departamento Chocó in einer Tiefe von 96 Kilometern. Der US-Geologische Dienst (USGS) verortete das Beben in 107 Kilometern Tiefe.
Der kolumbianische Geologische Dienst bezeichnete das Erdbeben als das stärkste in Kolumbien seit mindestens zehn Jahren. Die Erschütterungen waren laut Behörden und Medienberichten in zahlreichen Städten des Landes zu spüren, darunter Bogotá, Medellín, Cali, Popayán, Armenia, Pereira und Manizales.
Das Erdbeben war nicht nur in Kolumbien zu spüren: Auch aus den Nachbarländern Venezuela, Ecuador und Panama wurden Wahrnehmungen der Erschütterungen gemeldet.
Kurz nach dem Hauptbeben registrierte der Kolumbianische Geologische Dienst zudem ein Nachbeben der Stärke 4,6 in Nóvita, ebenfalls im Departamento Chocó.
Regierung mobilisiert Hilfe
Der erst kürzlich vereidigte Präsident Abelardo de la Espriella ordnete die Einrichtung eines gemeinsamen Krisenstabs in San José del Palmar an. Das Gremium soll die Hilfe für die Betroffenen koordinieren. Zugleich verlangte der Präsident einen detaillierten Bericht zur Lage und zum dringendsten Unterstützungsbedarf.
De la Espriella kündigte außerdem an, die staatliche Reaktion persönlich zu koordinieren und alle zwei bis drei Stunden über die weitere Entwicklung der Lage zu informieren. Zudem wollte er nach Pereira reisen.
Unterdessen boten zahlreiche Länder Unterstützung an. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva erklärte, sein Land stehe Kolumbien für notwendige Hilfe zur Verfügung. Auch die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, bekundete ihre Solidarität und teilte mit, der europäische Satellitendienst Copernicus sei zur Unterstützung der Rettungsmaßnahmen bereitgestellt worden.
Das Beben weckt zudem Erinnerungen an die schweren Erdstöße im Nachbarland Venezuela vor wenigen Wochen. Dort hatten am 24. Juni binnen kurzer Zeit zwei Beben der Stärke 7,2 und 7,5 den Norden des Landes erschüttert; dabei kamen Tausende Menschen ums Leben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber