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Letzte Spuren – was eine Tatortreinigerin sieht

Sie entfernt Blut, Verwesung und Müll – doch was Bernadeta Lotze in fremden Wohnungen vorfindet, trifft noch viel härter.

26.05.2026, 04:00 Uhr

Schweigend und mit routinierten Bewegungen streifen Bernadeta Lotze und ihr Team Schutzanzüge und Masken über. Dann steigen sie hintereinander die schmale Treppe in das Dachgeschoss eines Hauses im Thüringer Wald hinauf. Oben kämpfen sich die vier durch meterhohe Ansammlungen aus Verpackungen, verdorbenen Lebensmitteln und Müll. Geübt stopfen sie den Unrat in große blaue Säcke. Trotz der Masken liegt ein süßlich-fauliger Geruch in der Luft, auf dem Boden finden sich sogar bereits verpuppte Maden. „Wir wissen vorher nie, was uns erwartet“, sagt Lotze.

Unzählige Säcke müssen gefüllt werden, bis die Wohnung geräumt ist.

Die 47-Jährige ist zertifizierte Tatortreinigerin. Mit ihrem Unternehmen aus Zella-Mehlis in Südthüringen hat sie sich auf die Reinigung von Leichenfundorten spezialisiert. Sie entfernt Blut, Körperflüssigkeiten und Spuren der Verwesung, entrümpelt vermüllte Wohnungen und sorgt dafür, dass Räume nach Gewaltverbrechen, Unfällen, Suiziden oder natürlichen Todesfällen wieder bewohnbar werden. Dabei geht es nicht nur um Sauberkeit, sondern auch darum, Bakterien, Schimmel, Viren und Sporen zu beseitigen.

Eigentlich wollte Lotze einst zur Polizei. Als dieser Weg versperrt blieb, entschied sie sich, nicht Spuren zu sichern, sondern sie professionell zu beseitigen. Ihr Motto: Wenn es geradeaus nicht klappt, öffnet sich vielleicht eine Tür an anderer Stelle.

Die letzten Zeugen

Vor zwölf Jahren machte sich die staatlich geprüfte Desinfektorin selbstständig. Heute beschäftigt sie in dem Familienbetrieb elf Menschen, darunter ihren Bruder, ihre Schwägerin und ihren ältesten Sohn. Bei jedem Einsatz pflegt das Team ein festes Ritual: Es betritt die Wohnung mit einem „Guten Tag“. Das sei nicht nur eine Frage des Respekts, sagt Lotze. Tatortreiniger seien oft die Letzten, die einen Ort noch genauso sehen, wie ihn die Verstorbenen hinterlassen haben. „Wir sehen Dinge, die nach uns niemand mehr zu Gesicht bekommt“, sagt sie. „Und wir sprechen nicht darüber.“

Tatortreiniger im Thüringer Wald im Einsatz
Tatortreiniger arbeiten in Ganzkörper-Schutzanzügen, mit Atemschutzmasken und Spezialhandschuhen, um sich vor Infektionen durch Krankheitserreger zu schützen. Quelle: Jacob Schröter/dpa

Der Beruf von Lotze ist psychisch und körperlich extrem anstrengend.

Verschwiegenheit ist jedoch nur ein Teil ihrer Arbeit. Der Beruf verlangt körperliche Belastbarkeit und ist seelisch fordernd. „Das ist nichts für jeden“, sagt die zierliche blonde Frau. Ekel dürfe man in diesem Job nicht mitbringen, ergänzt sie mit ihrem markanten polnischen Akzent. Denn selbst nach dem Tod erzählen Wohnungen noch viel über das Leben der Menschen, die dort gewohnt haben.

Spuren eines Alltags

Mitten in Schmutz und Chaos fallen oft kleine Details auf: ordentlich aufgereihte Reinigungsmittel im Regal, eine Notiz an der Magnettafel des Kühlschranks mit den Worten „Kürbissuppe“ und „Erdbeeren“ oder Wolle, die über den Boden verstreut liegt. Lotze hebt einen kleinen schwarzen Teddy auf, der mit bunten Stecknadeln gespickt ist. Welche Bedeutung solche Dinge für die Verstorbenen hatten, wisse niemand. „Wir urteilen nicht über Menschen und bewerten ihr Leben nicht“, sagt sie.

Immer wieder stoßen Tatortreiniger bei ihrer Arbeit auf Gegenstände, die vom Alltag der Verstorbenen erzählen.

Während sie sich weiter durch die Müllberge arbeitet, zeigt Lotze auf eine verdreckte Matratze unter dem Fenster. Dort lag über Wochen die Leiche einer Frau. „So möchte niemand enden und in Vergessenheit geraten.“ Dass Menschen einsam in ihrer Wohnung sterben und ihr Tod lange unbemerkt bleibt, bewegt sie bis heute. Auch nach vielen Berufsjahren könne sie sich daran nicht gewöhnen, sagt die zweifache Mutter. Gerade deshalb genießt sie privat die Zeit mit ihrer Familie umso bewusster und liest zum Abschalten auch gern Krimis. Trotzdem möchte sie ihre Arbeit nicht missen. Besonders bei extrem vermüllten Wohnungen sei das Ergebnis am Ende oft ein Ausgleich für alle Strapazen.

Arbeit im Verborgenen

„Tatortreiniger brauchen eine stabile Psyche und vor allem viel Fachwissen“, sagt Christopher Lücke, Sprecher des Bundesinnungsverbandes des Gebäudereiniger-Handwerks in Berlin. Der Begriff sei allerdings nicht geschützt, theoretisch könne sich also jeder so nennen. Seriöse Anbieter seien meist ausgebildete Gebäudereiniger, die sich zusätzlich in Hygiene- und Desinfektionsfragen weiterbilden. Neben der fachlichen Kompetenz brauche es an solchen sensiblen Einsatzorten auch Fingerspitzengefühl im Umgang mit Angehörigen.

Der einsame Tod in den eigenen vier Wänden lässt Lotze auch nach vielen Jahren nicht los.

Spätestens seit der preisgekrönten TV-Serie „Der Tatortreiniger“ mit Bjarne Mädel ist der Beruf vielen Menschen bekannt. Doch Lücke betont, dass diese Arbeit in der Realität meist im Verborgenen stattfindet. Innerhalb der Gebäudereinigungsbranche sei sie ein absolutes Nischenfeld.

Nach Angaben des Verbands arbeiten im deutschen Gebäudereiniger-Handwerk fast 700.000 Menschen in mehr als 30.000 Betrieben. Auf der Dienstleistungsplattform des Verbandes seien bundesweit lediglich rund 50 Firmen gelistet, die ausdrücklich Tatortreinigung anbieten.

Eine letzte Botschaft

Am Ende des Tages ist auch die Wohnung in Thüringen leergeräumt und gereinigt. Die Überreste eines ganzen Lebens landen im Container und werden später verbrannt. Doch ein Fund lässt selbst die erfahrene Lotze verstummen: Zwischen dem Müll entdeckt sie ein kariertes Blatt Papier. Darauf steht in schwarzen Druckbuchstaben ein letzter Hilferuf: „Hilfe! Bitte helft mir! Ich sterbe“.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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