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Hinrichtung scheitert: Christa Pike ringt um ihr Leben

Zweimal bekam Christa Pike die Todesspritze – und lebte weiter. Jetzt stoppt Tennessee alle Hinrichtungen. Wie geht es ihr?

02.10.2026, 07:04 Uhr

Die nach einem fehlgeschlagenen Hinrichtungsversuch im US-Bundesstaat Tennessee schwer verletzte Christa Pike ist nach Angaben ihrer Anwälte weiterhin in kritischem Zustand. Die 50-Jährige werde lebensrettend medizinisch behandelt, erklärten ihre Verteidiger einen Tag nach der gescheiterten Exekution. Bis Freitagmittag (MESZ) gab es keine neuen offiziellen Angaben. Unklar bleibt sowohl ihre langfristige Prognose als auch die Frage, ob bleibende Schäden drohen.

Unterdessen berichtet die italienische Zeitung „La Repubblica“, Papst Leo XIV. habe sich bereits vor dem Termin für eine Aussetzung der Hinrichtung eingesetzt. Eine Antwort auf das Gesuch des Vatikans habe es demnach nicht gegeben. Der Heilige Stuhl lehnt die Todesstrafe grundsätzlich ab; Leo hatte sich in der Vergangenheit für ihre weltweite Abschaffung ausgesprochen.

Hinrichtung trotz zweier Dosen nicht vollstreckt

Pike sollte am Mittwochabend per Giftspritze hingerichtet werden. Nach Angaben der Behörden erhielt sie die im Protokoll vorgesehenen zwei Dosen Pentobarbital. Dennoch starb sie nicht. Zeugen berichteten, sie hätten Pike noch längere Zeit atmen und hörbar nach Luft ringen hören. Einer ihrer Anwälte sagte später, sie habe nach der ersten Dosis sogar noch gesprochen und gesungen. Schließlich wurde sie in eine medizinische Einrichtung außerhalb des Gefängnisses gebracht.

Anwalt schildert zahlreiche Einstiche und schwere Reaktionen

Pikes Anwalt Randy Spivey erklärte, das Personal habe etwa eine Stunde lang erfolglos versucht, einen intravenösen Zugang zu legen. Allein an ihrem linken Arm habe er mindestens sieben Nadeln gezählt; eine davon sei beim Herausziehen nach einem misslungenen Versuch offenbar verbogen gewesen. Zudem habe sich ihr rechter Arm während der Exekution violett verfärbt. Nach Darstellung der Verteidigung bildeten sich später Blasen und Verbrennungen rund um die Einstichstellen.

Medizinische Fachleute, die von der „New York Times“ befragt wurden, halten es für möglich, dass das Pentobarbital zumindest teilweise nicht in die Blutbahn, sondern in umliegendes Gewebe gelangte. Das könnte erklären, warum die verabreichte Menge nicht ausreichte, um Atmung und Kreislauf vollständig zum Stillstand zu bringen.

Die Strafvollzugsbehörde von Tennessee betonte dagegen, alle Schritte der geltenden Richtlinie seien eingehalten worden. Nach der zweiten Dosis sehe das Protokoll keine weiteren Maßnahmen vor.

Was über das Mittel bekannt ist

Pentobarbital wird nach Angaben aus der Fachzeitschrift „Rechtsmedizin“ unter anderem in der Tiermedizin eingesetzt. Wegen seiner stark atemdämpfenden Wirkung wird es in Überdosierung etwa in der Schweiz bei der Sterbehilfe und in den USA bei Hinrichtungen verwendet.

Nach Angaben des unabhängigen Death Penalty Information Center ist aus der modernen Ära der Todesstrafe in den USA kein vergleichbarer Fall bekannt, in dem ein Gefangener die tödlichen Medikamente erhielt und danach weiterlebte. In früheren Fällen misslungener Hinrichtungen wurden Vollstreckungen meist schon vorher abgebrochen, etwa weil kein geeigneter Venenzugang gelegt werden konnte.

Die Giftspritze bleibt in den USA die häufigste Hinrichtungsmethode. Seit 2024 ist in mehreren Bundesstaaten auch die Tötung mit Stickstoff erlaubt, die in der Praxis teils zu einem qualvollen Todeskampf führt.

Gouverneur stoppt weitere Exekutionen

Gouverneur Bill Lee reagierte auf den Vorfall, setzte alle weiteren Hinrichtungen für den Rest des Jahres aus und ordnete eine umfassende externe Untersuchung an. Weiter offen ist, ob und unter welchen Bedingungen der Staat im Fall einer Erholung Pikes einen neuen Versuch unternehmen könnte, das Todesurteil zu vollstrecken. Ihre Anwälte fordern stattdessen, die Todesstrafe nicht mehr anzuwenden und das Urteil in lebenslange Haft ohne Bewährung umzuwandeln.

Für Tennessee ist es bereits der zweite gescheiterte Hinrichtungsversuch innerhalb weniger Monate. Schon im Mai musste der Bundesstaat die Hinrichtung von Tony Carruthers abbrechen, weil es nicht gelang, die nötigen intravenösen Zugänge zu legen. Anders als bei Pike wurden ihm damals allerdings keine tödlichen Medikamente verabreicht.

Juristisches Tauziehen bis kurz vor dem Termin

Ein Berufungsgericht hatte die geplante Hinrichtung zunächst gestoppt. Die Verteidigung wollte erreichen, dass Gerichte erneut prüfen, ob schwerer sexueller Missbrauch, andere traumatische Kindheitserfahrungen und psychische Erkrankungen bei früheren Entscheidungen über das Todesurteil ausreichend berücksichtigt worden waren.

Tennessee zog daraufhin vor den Supreme Court. Das höchste US-Gericht hob den Aufschub am Abend wieder auf und machte die Exekution damit möglich. Bereits am Vortag hatte der Supreme Court einen weiteren Antrag Pikes auf Aussetzung der Hinrichtung zurückgewiesen.

Verteidigung hatte schon lange vor Problemen gewarnt

Unabhängig vom juristischen Streit hatten Pikes Anwälte seit Monaten auf mögliche Komplikationen bei der Vollstreckung hingewiesen. Ihrer Darstellung nach hat Pike sehr kleine und schwer zugängliche Venen. Zudem kritisierten sie die Richtlinien für die Giftspritze sowie die medizinische Versorgung bei möglichen Zwischenfällen und gingen gerichtlich gegen das Verfahren in Tennessee vor. Das zuständige Gericht wies die Einwände jedoch zurück.

Nach dem gescheiterten Versuch erklärten die Anwälte, mehrere ihrer Warnungen hätten sich bestätigt. Sie warfen dem Staat mangelnde Transparenz vor. Spivey sagte, die Vorhänge zum Zeugenraum seien über längere Zeit geschlossen geblieben. Außerdem habe es einige Minuten gedauert, bis telefonisch Kontakt zu weiteren Anwälten möglich gewesen sei.

Warum Pike zum Tode verurteilt wurde

Pike war 1996 wegen des Mordes an der 19-jährigen Colleen Slemmer zum Tode verurteilt worden. Zum Zeitpunkt der Tat war Pike selbst 18 Jahre alt. Slemmer war 1995 in Knoxville über längere Zeit misshandelt und schließlich getötet worden. In den vergangenen Jahren hatten Pikes Anwälte verstärkt ihre belastende Kindheit, psychische Erkrankungen und ihre Entwicklung während von mehr als drei Jahrzehnten im Gefängnis hervorgehoben. Gouverneur Lee lehnte ein Gnadengesuch kurz vor dem geplanten Termin dennoch ab.

Keine breite Debatte über Abschaffung

Der Fall hat in Tennessee zwar Kritik am Ablauf der Exekution ausgelöst, eine grundsätzliche Debatte über die Abschaffung der Todesstrafe wird dort bislang aber nicht geführt. Umfragen zeigten in der Vergangenheit, dass eine Mehrheit in den USA an der Todesstrafe festhalten will.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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