Vampirfieber in Film und Serie: Warum die Blutsauger nicht verschwinden
Ob als charmanter Verführer mit Selbstzweifeln in „Love Sucks“, als unbeugsamer Kämpfer in „Oderbruch“ oder als stilvoller Unternehmer in „City of Blood“: Vampire sind derzeit in deutschen Produktionen auffällig präsent. Ende Oktober soll zudem der Kinofilm „Die Blutgräfin“ mit Isabelle Huppert als tödlicher Vampirin starten, Ende November folgt die britisch-deutsche Coming-of-Age-Comedyserie „The Reluctant Vampire“. Die Figur des Vampirs erlebt also erneut einen Aufschwung – und das schon seit vielen Jahrzehnten.
Um zu verstehen, warum diese Gestalt bis heute so anziehend wirkt, lohnt sich ein Blick zurück ins späte 19. Jahrhundert. Damals entstand mit Graf Dracula die moderne Urform des Vampirs. Bram Stoker veröffentlichte seinen Roman „Dracula“ am 26. Mai 1897. Zur Erstveröffentlichung kamen rund 3.000 Exemplare des knapp 390 Seiten starken Buches in den Handel – mit gelbem Leineneinband und roter Schrift.
Als Vorbild diente Stoker unter anderem der historische Fürst Vlad III., geboren 1431, der als „der Pfähler“ bekannt wurde. Er ließ Gegner auf meterhohe Pfähle spießen und soll im Krieg gegen die Osmanen für nahezu 100.000 Tote verantwortlich gewesen sein. Historiker weisen jedoch darauf hin, dass seine Grausamkeit im Vergleich zu anderen Herrschern seiner Epoche nicht außergewöhnlich gewesen sei.
Der Film- und Kulturwissenschaftler Marcus Stiglegger aus Mainz sieht in Stokers Dracula die Vorlage für viele Merkmale, die den Vampir bis heute definieren: Reißzähne, Blutdurst, der Schlaf im Sarg, eine Abneigung gegen Knoblauch und das fehlende Spiegelbild. Stiglegger, der jüngst ein umfangreiches Buch über Horrorfilme veröffentlicht hat, gilt als ausgewiesener Kenner des Genres.

Graf Orlok und der elegante Dracula
Den ersten großen deutschen Vampirfilm schuf Friedrich Wilhelm Murnau 1922 mit „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“. Trotz Stummfilm und Schwarz-Weiß-Bildern wirkt das Werk noch heute verstörend. Der Vampir Graf Orlok erscheint mit langen, klauenartigen Fingern, abstehenden Ohren und spitzen Schneidezähnen. Für Stiglegger ist diese Figur „rattenhaft“ und abstoßend – ein Wesen, das Verderben über die Menschen bringt.
Einen völlig anderen Ton setzte Bela Lugosi 1931 in Tod Brownings „Dracula“. Dort wurde der Vampir zum kultivierten Dandy: elegant, unsterblich und mit großer Verführungskraft. Seine Opfer unterwirft er nicht nur körperlich, sondern auch durch Charme und Ausstrahlung. Gerade darin liegt für viele Zuschauer der Reiz dieser Figur. Während Orlok das Monströse und den Fluch der Unsterblichkeit verkörpert, steht Dracula für Macht, Sinnlichkeit und Kontrolle.
Schon dieser Gegensatz zeigt, warum Vampire für Filmschaffende so ergiebig sind. Laut Stiglegger ist der Vampir vor allem eine wandelbare Metapher, die immer wieder in neue Zusammenhänge gesetzt werden kann.
Zwischen Machtfantasie und Melancholie
Der Reiz des Vampirs liegt auch in seiner Doppelbödigkeit. Einerseits erscheint er stark, souverän und unabhängig von den Regeln der gewöhnlichen Welt. Er lebt nach eigenen Gesetzen und scheint der Zeit enthoben. Ein Beispiel dafür ist „Only Lovers Left Alive“ mit Tilda Swinton, ein melancholischer Liebesfilm, der sich über Jahrhunderte erstreckt.
Andererseits verkörpert der Vampir auch eine gewaltsame Form von Selbstermächtigung. In Filmen wie „Near Dark“, „Underworld“ oder „Blade“ wird die Überlegenheit des Vampirs offensiv ausgespielt. Brutalität, Jagdtrieb und Dominanz stehen dort im Vordergrund.
Ein aktuelles Beispiel für die Verbindung beider Motive ist „City of Blood“. In der Disney+-Serie treten Vampire als gewalttätige Wesen auf, die Menschen töten und nach politischem Einfluss streben. Gleichzeitig leiden sie unter ihrer Unsterblichkeit und der Existenz in der Nacht.
Gerade diese Vielseitigkeit macht die Figur so langlebig. Vampire funktionieren in Western, Thrillern, Gangsterfilmen oder Liebesdramen. Weil sie oft seit Jahrhunderten leben, lassen sich mit ihnen Vergangenheit, Geschichte und gesellschaftliche Entwicklungen immer neu erzählen.
Anziehung und Abscheu zugleich
Hinzu kommt die ambivalente Wirkung des Vampirs auf das Publikum. Er ist gleichzeitig faszinierend und abstoßend. Stiglegger vergleicht das mit der Faszination für True-Crime-Fälle, in denen Menschen sogar Serienmördern Bewunderung entgegenbringen. Dahinter stehe auch der Reiz, ein archaisches, gefährliches Wesen scheinbar beherrschen zu können.
Dieses Spannungsverhältnis zeigt sich besonders deutlich im Jugendphänomen „Twilight“. Edward ist attraktiv, fürsorglich und liebevoll – zugleich aber ein Raubtier, das seine Freundin Bella jederzeit töten könnte. Er kämpft permanent gegen seinen Blutdurst, während Bella sich trotz aller Warnsignale zu ihm hingezogen fühlt.
Unsterblich – und ewig jung
Dass derzeit wieder so viele Vampirfilme und -serien erscheinen, hält Stiglegger nicht für Zufall. Er sieht darin auch einen Spiegel heutiger Sehnsüchte. Themen wie Langlebigkeit, Jugend und körperliche Optimierung seien in Zeiten von Influencern, Fitnesskultur und Body-Positivity besonders präsent. Vampire verkörpern genau das in radikaler Form: Sie altern nicht – und viele von ihnen bleiben dabei auch noch außergewöhnlich schön.
Ein Beispiel dafür ist die ZDFneo-Romanze „Love Sucks“ mit Damian Hardung, in der sich eine junge Frau in einen attraktiven Vampir verliebt. Im Kern gehe es dabei um eine uralte Fantasie: ewige Jugend, ewige Schönheit und die Vorstellung, dem Vergehen der Zeit zu entkommen.
Gerade deshalb dürfte der Vampir dem Kino und den Serien auch in Zukunft erhalten bleiben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber