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Diese Dystopie packt: «Corpus Delicti»

Pflichtlektüre, Pandemie-Echo, Gesundheitsdiktatur: Jetzt ist Juli Zehs «Corpus Delicti» im Kino – überzeugt die Verfilmung?

30.09.2026, 06:01 Uhr

Dystopie über Gesundheit um jeden Preis

Zwei Kinder sitzen auf dem Boden und spielen Kranksein. Mit Pfeffer provozieren sie ein Niesen, weil sie gar nicht wissen, wie sich eine Erkältung anfühlt. Sie wachsen in einer Welt auf, in der Krankheiten praktisch ausgelöscht sind: kein Krebs, keine Schlaganfälle, keine Infektionen. Doch die vermeintlich ideale Gesellschaft hat einen hohen Preis: totale Kontrolle und ein autoritäres System.

Diese Prämisse bildet den Kern von „Corpus Delicti“, dem neuen Film von Lena Stahl, der am 1. Oktober in die Kinos kommt. Die Produktion basiert auf dem gleichnamigen Roman von Juli Zeh, der besonders während der Corona-Zeit viel Aufmerksamkeit erhielt und mancherorts sogar zur Abiturlektüre wurde. Die Autorin begleitete die Verfilmung beratend.

Prominent besetzte Adaption

Für den Film wurde ein namhaftes Ensemble verpflichtet. Hannah Herzsprung, Damian Hardung und Christian Friedel übernehmen zentrale Rollen. Daneben sind auch Alexander Fehling und Haley Louise Jones zu sehen.

Ein Staat, der Gesundheit über Freiheit stellt

Die Handlung spielt in naher Zukunft. Dort regiert ein System namens „Methode“, das Gesundheit und Sicherheit garantiert, dafür aber persönliche Freiheit massiv einschränkt.

Begrüßt wird nicht mehr mit „Hallo“, sondern mit „Santé“. Beim Händewaschen wird automatisch der Hygienestatus kontrolliert. Ein implantierter Chip überwacht ständig die Körperwerte, während eine persönliche KI daran erinnert, ausreichend Wasser zu trinken. Selbst kleine Regelverstöße bleiben nicht folgenlos: Wer etwa unerlaubt Schokolade isst, wird bestraft und verliert Punkte.

Kinostart - "Corpus Delicti"
Im Zentrum der Handlung stehen die renommierte Neurologin Mia Holl (Hannah Herzsprung) und ihr Bruder Moritz Holl (Damian Hardung). Quelle: Stanislav Honzík/Leonine/dpa

Im Mittelpunkt stehen die angesehene Neurologin Mia Holl und ihr Bruder Moritz Holl. Mia vertraut dem System vorbehaltlos und hält die Methode für gerecht und zuverlässig. Moritz dagegen lehnt die allgegenwärtige Kontrolle ab. Heimlich verlässt er nachts mit Freunden die erlaubten Zonen, um in der Natur frei zu sein. Als er plötzlich unter Mordverdacht gerät, wird Mias Überzeugung erschüttert.

Zweifel an einem scheinbar perfekten System

Obwohl belastendes Material gegen Moritz spricht – an der Leiche wurden seine DNA-Spuren gefunden –, ist Mia von seiner Unschuld überzeugt. Der Titel „Corpus Delicti“ verweist dabei auf den juristischen Begriff für das Beweisstück einer Straftat.

Vor Gericht versucht Mia, die Unschuld ihres Bruders zu beweisen. Damit bringt sie sich zunehmend selbst in Gefahr. Unterstützt wird sie von Moritz’ Pflichtverteidiger Lutz Rosentreter, gespielt von Christian Friedel: zunächst ein eher antriebsloser Mitläufer mit Alkoholproblem, der erst allmählich Profil gewinnt.

Starke Bilder, aber nicht immer packende Dramaturgie

Optisch präsentiert sich der Film als aufwendig gestaltete Hochglanzproduktion. Gewaltige Betonbauten im brutalistischen Stil erzeugen eine bedrückende Atmosphäre. Die vorherrschenden Grau- und Beigetöne unterstreichen die Uniformität und Kälte einer vollkommen regulierten Alltagswelt. Dazu verstärkt eine dramatische Orchestermusik die beklemmende Wirkung.

Visuell ist „Corpus Delicti“ klar für die große Leinwand konzipiert. Dramaturgisch wirkt der Film jedoch stellenweise eher wie ein hochwertiges TV-Drama. Zwar wird die Spannung schnell aufgebaut, im weiteren Verlauf zieht sich der Konflikt aber etwas in die Länge. Insgesamt hätte die Handlung stellenweise dichter ausfallen können.

Überzeugendes Zusammenspiel und erfahrenes Kreativteam

Besonders glaubwürdig gelingt die Beziehung zwischen Mia und Moritz. Hannah Herzsprung und Damian Hardung verleihen dem Geschwisterpaar viel Nähe und emotionale Spannung. Zur Vorbereitung probten beide bereits vor Drehbeginn gemeinsam am Set.

Auch hinter den Kulissen war ein renommiertes Team beteiligt. Für das Szenenbild zeichnete Oscar-Preisträger Christian M. Goldbeck verantwortlich. Die Musik stammt von Volker Bertelmann und Lennart Saathoff. Kameramann Philipp Haberlandt bringt Erfahrung aus Produktionen wie „Babylon Berlin“ und „Black Mirror“ mit.

Kleine Verbeugung vor „Black Mirror“

Der Film enthält sogar einen subtilen Verweis auf die Netflix-Serie „Black Mirror“. In einer Szene ist der Song „Anyone who knows what love is (will understand)“ von Irma Thomas zu hören – ein Lied, das Fans der Serie sofort wiedererkennen dürften, weil es dort mehrfach als wiederkehrendes Motiv auftaucht.

An manchen Stellen erinnert die Inszenierung zudem leicht an „Blade Runner“, etwa wenn der Journalist Heinrich Kramer im Neonlicht einer Suppenküche gezeigt wird. Auf klassische Science-Fiction-Zutaten wie fliegende Autos, Roboter oder Cyborgs verzichtet der Film allerdings bewusst. Gerade dadurch wirkt seine Welt besonders nahbar – und beunruhigend vertraut.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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