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Darum erobern Video-Podcasts gerade alle

Video-Podcasts boomen mit Hits wie «Gemischtes Hack». Stehen wir vor dem Ende des klassischen Fernsehens?

04.06.2026, 08:03 Uhr

Viele denken bei „Gemischtes Hack“ zuerst an eine Mischung aus Rind und Schwein. In der Medienwelt steht der Name aber längst für Deutschlands erfolgreichsten Podcast. Das Format mit Felix Lobrecht und Tommi Schmitt läuft seit 2017 und wurde vor rund anderthalb Jahren erweitert: Seitdem ist der Podcast nicht mehr nur zu hören, sondern auch zu sehen.

Im kleinen Berliner Studio zeichnen Kameras jede Folge mit auf. Sie fangen Mimik, Gestik und kleine Momente wie das Auspacken von Weihnachtsgeschenken ein. Damit steht „Gemischtes Hack“ exemplarisch für einen Wandel, der die Podcast-Landschaft immer stärker prägt.

Podcasts werden zunehmend zu Videoformaten

Immer mehr Produktionen, die ursprünglich nur fürs Hören gedacht waren, erscheinen inzwischen zusätzlich als Video. Was anfangs eher ein Bonus war, entwickelt sich immer deutlicher zu einem eigenen Trend. Vor allem YouTube befeuert diese Entwicklung.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Bilder machen Gespräche oft greifbarer. Körpersprache, eingeblendete Inhalte oder Grafiken sorgen dafür, dass Unterhaltungen lebendiger und teilweise auch leichter verständlich wirken.

Auch Senna Gammour sieht darin einen Reiz. Die frühere Monrose-Sängerin moderiert gemeinsam mit ihrer ehemaligen Bandkollegin Bahar Kizil den Podcast „Recall“ – ebenfalls als Videoformat. Für sie macht gerade das Sichtbare den Unterschied: Gesichtsausdrücke und Bewegungen erinnerten an gutes Fernsehen.

Warum Video-Podcasts so gefragt sind

Ein wichtiger Grund für den Boom ist das veränderte Medienverhalten. Viele Menschen trennen nicht mehr streng zwischen Audio und Video, sondern möchten je nach Situation flexibel zwischen beiden Formen wechseln.

Verleihung des Deutschen Podcast Awards
Senna Gammour und Bahar Kizil sind in ihrem Podcast zu hören – und zu sehen. Quelle: Soeren Stache/dpa

Eine Untersuchung des US-Marktforschungsunternehmens MRI-Simmons zeigt: Rund drei Viertel der Podcast-Nutzerinnen und -Nutzer verstehen Video als Ergänzung. Selbst wer Videopodcasts bevorzugt, hört meist weiterhin klassische Audiofolgen.

Das Prinzip ähnelt dem Nutzungsverhalten bei Streamingdiensten: Wer gerade zu Hause oder im Zug Zeit hat, schaut die visuelle Version. Wer im Auto sitzt oder trainiert, greift eher zur reinen Audiofassung.

„Take Me Späti“ als Beispiel für den Hype

Ein besonders populäres Beispiel ist derzeit „Take Me Späti“, das beim ersten Deutschen Podcast Award gleich zwei Auszeichnungen gewann. Vor allem bei jüngeren Menschen zählt das Format zu den meistdiskutierten Videopodcasts.

Moderatorin und Content Creatorin Sara Arslan spricht darin in der Kulisse eines Berliner Spätkaufs mit prominenten Gästen, darunter Cro oder Mark Forster.

Das Konzept erinnert an das britische YouTube-Format „Chicken Shop Date“. Dort befragt Amelia Dimoldenberg seit 2014 Stars wie Cher, Ed Sheeran oder Billie Eilish vor laufender Kamera mit bewusst unangenehmen oder peinlichen Fragen. Kürzlich war sogar Paul McCartney zu Gast.

Große Reichweiten durch Social Media

Gerade bei „Take Me Späti“ zeigt sich, warum Video so gut funktioniert. Arslan arbeitet mit Blicken, Lächeln und kleinen Gesten, notiert ständig etwas mit einem Plüschstift in ein rosafarbenes Plüschheft – Details, die in einer Audiofassung verloren gehen würden.

Arslan sagte beim Deutschen Podcast Award, ihr Podcast lebe stark von der Mimik und eigne sich deshalb besonders gut zum Anschauen. Die Folge mit Mark Forster erreichte seit Mitte März auf Spotify bereits mehr als 700.000 Abrufe. Auf YouTube kamen zusätzlich über 400.000 Aufrufe dazu.

Hinzu kommt ein weiterer Vorteil für Produzenten: Aus einer Videopodcast-Folge lassen sich zahlreiche Inhalte für andere Plattformen gewinnen – ganze Episoden, Highlight-Clips oder kurze Ausschnitte für Instagram und TikTok. Ein Clip von „Take Me Späti“ mit Entertainer und Ex-Türsteher Mo Douzi wurde bei Instagram mehr als 650.000 Mal geliked und geteilt.

Für Arslan sind virale Social-Media-Treffer heute fast unverzichtbar, wenn ein Format große Aufmerksamkeit bekommen soll. Tobias Schiwek, Geschäftsführer von We Are Era, dem Unternehmen hinter dem Deutschen Podcast Award, sieht das ähnlich.

Aus Content wird eine Marke

Schiwek betont, dass heute meist nicht mehr eine einzelne Plattform oder nur eine Darreichungsform ausreicht, wenn man gesellschaftlich relevante Themen setzen oder begleiten will. Wer nur in einem Kanal und in einem Genre stattfindet, liefere in erster Linie Content. Erst über mehrere Plattformen hinweg entstehe daraus wirklich eine Marke und ein eigenständiges Format.

Gerade die Empfehlungsalgorithmen von TikTok, Instagram und Co. sorgen dafür, dass viele Menschen überhaupt erst auf einen Podcast aufmerksam werden. Danach hören oder sehen sie im besten Fall ganze Folgen oder abonnieren das Format.

Mehr Aufwand, mehr Kosten, mehr Inszenierung

Der Trend hat aber auch Nachteile. Videopodcasts sind aufwendiger und teurer in der Produktion als reine Audioformate. Sie brauchen meist mehr Technik, Licht, Schnitt und Zeit.

Zudem besteht das Risiko, dass Gespräche durch die permanent mitlaufenden Kameras stärker auf Wirkung und Inszenierung ausgerichtet werden – und weniger auf den Inhalt. Damit nähert sich der Videopodcast in gewisser Weise klassischen TV-Mechanismen an.

Fernsehen und Podcast wachsen zusammen

Wie eng beide Welten inzwischen verbunden sind, zeigt auch der umgekehrte Weg: Immer mehr Fernsehsendungen gibt es zusätzlich als Podcast zum Nachhören. Dazu zählen etwa der „ARD Presseclub“, der „Doppelpass“ auf Sport1, „Maischberger“ oder „Pinar Atalay“ bei RTL.

Atalay sagte der dpa, dass die Grenzen zwischen beiden Medienformen tatsächlich immer stärker verschwimmen. Trotzdem glaube sie weiterhin an das klassische Fernsehen. Viele Menschen wollten sich abends noch immer bewusst vor den Fernseher setzen, die Fernbedienung in die Hand nehmen und sich auch einfach berieseln lassen.

Gleichzeitig kann sich das jüngere Publikum heute ebenso gut von einer neuen Ausgabe „Take Me Späti“ unterhalten lassen – notfalls ebenfalls vor dem Fernseher. Laut Arslan würde das Format sogar im klassischen TV funktionieren.

Ganz neu wäre ein solcher Schritt nicht: ProSieben hatte bereits 2020 versucht, Videopodcasts spätabends im Fernsehen zu zeigen, unter anderem „Baywatch Berlin“ sowie „Alle Wege führen nach Ruhm“ mit Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt. Das Experiment war allerdings nur von kurzer Dauer. Vielleicht wäre inzwischen der richtige Zeitpunkt für einen neuen Anlauf gekommen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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