Deutschland bleibt innerhalb der EU der wichtigste Standort für Fachkräfte im Bereich Künstliche Intelligenz, verliert im weltweiten Vergleich jedoch an Boden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Arbeitsmarktanalyse des Berliner Thinktanks Interface, der früher unter dem Namen Stiftung Neue Verantwortung bekannt war.
Kanada überholt Deutschland
Noch 2024 lag Deutschland im globalen Ranking auf Rang vier hinter den führenden KI-Nationen USA, Indien und Großbritannien und damit vor Kanada und Frankreich. Ein Jahr später hat sich das Bild verändert: Kanada ist an Deutschland vorbeigezogen.
Weltweit wird der Markt für KI-Talente vor allem von den USA und Indien geprägt. In den Vereinigten Staaten wurden 1.001.839 KI-Fachkräfte gezählt, Indien folgt mit 991.788 nur knapp dahinter. Mit deutlichem Abstand behauptet Großbritannien mit 145.461 Expertinnen und Experten den dritten Platz. Kanada rückte dank eines starken Ausbaus seines Talentpools auf 133.280 vor, während Deutschland mit 117.336 Fachkräften auf Platz fünf zurückfiel.
München und Berlin treiben den KI-Aufschwung
Trotz des Rückgangs im globalen Vergleich bleibt Deutschland innerhalb der Europäischen Union führend. Besonders bei hoch qualifizierten Forschern und Ingenieuren hebt sich die Bundesrepublik mit mehr als 17.000 Spezialisten als bedeutendster KI-Hub Europas hervor.
Vor allem zwei Städte prägen diese Entwicklung: München liegt EU-weit mit über 3.000 Spitzenkräften an der Spitze, Berlin folgt mit 2.850 knapp dahinter. Nach Einschätzung der Studienautoren wird Deutschland zudem immer attraktiver für internationale Nachwuchstalente. Ein Hinweis darauf ist der starke Zuwachs indischer Studierender, deren Einschreibungen um fast 20 Prozent gestiegen sind.
US-Visapolitik schwächt den Standort Amerika
Dass Deutschland derzeit verstärkt internationale KI-Talente anzieht, hängt laut der Studie auch mit einer Schwächephase der USA zusammen. Das amerikanische Modell, jahrzehntelang darauf ausgerichtet, die besten Studierenden aus dem Ausland ins Land zu holen und dort in Fachkräfte zu verwandeln, gerät zunehmend unter politischen Druck.
Im September 2025 verschärfte die US-Regierung die Einreisebedingungen deutlich. Dazu gehört auch eine Zusatzgebühr von 100.000 US-Dollar für H-1B-Visa, die vor allem von Technologieunternehmen stark genutzt werden. Gleichzeitig wurden die Budgets für die zivile Wissenschaft gekürzt und Regeln für Studentenvisa verschärft.
Die Folgen sind laut Studie deutlich sichtbar: Die Zahl indischer Studierender in den USA sank um 46 Prozent, bei chinesischen Studierenden ging sie um 26 Prozent zurück. Für ein Land, in dem 67 Prozent der führenden KI-Forscher im Ausland geboren wurden, ist das ein gravierender Einschnitt. Erstmals seit Jahren ziehen inzwischen mehr KI-Fachkräfte aus den USA nach Europa als umgekehrt von Europa in die Vereinigten Staaten.
Frauen in der deutschen KI weiter unterrepräsentiert
Die Studie sieht darin für Deutschland eine große Chance, warnt aber zugleich vor einem strukturellen Problem: dem geringen Frauenanteil im KI-Sektor. Zwar wächst das deutsche KI-Ökosystem schnell, doch der Anteil von Frauen sinkt.
Bei den grundlegenden KI-Berufsprofilen lag der Frauenanteil in Deutschland zuletzt nur noch bei 28,9 Prozent. Das ist der niedrigste Wert unter den untersuchten EU-Staaten, deren Durchschnitt bei 36,7 Prozent liegt. Auch unter den Spitzenforschern fiel die Quote von 21,4 auf 19,3 Prozent. Die Autoren der Studie betonen, dass Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt insgesamt zwar stark vertreten seien, sich dies im KI-Bereich aber nicht widerspiegele.
Grundlage der Studie
Die Untersuchung stützt sich auf Daten von Revelio Labs, einem Unternehmen für Workforce Intelligence. Ausgewertet wurden öffentlich zugängliche Berufsprofile, Stellenanzeigen und weitere Quellen. Der verwendete Datensatz aus dem Oktober 2025 umfasst insgesamt 616 Millionen Personen aus der weltweiten Erwerbsbevölkerung.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion