Olivia Rodrigo: Debatte um Ästhetik überlagert neues Album
Olivia Rodrigo gilt als eine der stärksten jungen Songwriterinnen im Pop. Rund um ihr neues Album rückte zuletzt jedoch weniger ihre Musik in den Mittelpunkt als ihr Auftreten. Die 23-Jährige sorgte im Vorfeld der Veröffentlichung mit einem betont mädchenhaften Stil für Diskussionen.
Bei Auftritten trägt Rodrigo derzeit häufig Babydoll-Kleider, also sehr kurze, weit geschnittene Nachthemden. In einem aktuellen Musikvideo erscheint sie zudem in Rüschen-Shorts. Genau das stößt manchen Beobachtern auf: Sie werfen ihr vor, sich gezielt kindlich zu inszenieren.
Bei näherem Hinsehen geht es dabei um mehr als bloße Modekritik. Die Auseinandersetzung berührt die Frage, wie weibliche Popstars wahrgenommen werden — und weshalb ihr Erscheinungsbild oft stärker bewertet wird als ihre künstlerische Arbeit.
Wie das neue Album klingt
Musikalisch kann sich Rodrigos neues Werk „you seem pretty sad for a girl so in love“ hören lassen. Das Album unterstreicht ihr Gespür für große Pop-Dramaturgie. Immer wieder baut sie Songs langsam auf, oft ausgehend von Klavierballaden, die sich später in energische Rhythmen entladen. An anderen Stellen sorgen zurückhaltende Streicher für zusätzliche Tiefe.
Dass diese Stücke dabei nicht ins Kitschige abgleiten, sondern eher an klassisch geprägten Pop erinnern, ist bemerkenswert. Klanglich lassen sich Spuren von Künstlern wie Elton John, U2, The Cure oder auch Taylor Swift erkennen. Besonders deutlich wird das in Liedern wie „stupid song“ und „the cure“. Auf dem Track „what’s wrong with me“ ist sogar Robert Smith von The Cure als Gast zu hören.

Zwischen „Girlhood“ und Kritik
Auf Instagram zeigte Rodrigo ihren mehr als 40 Millionen Followern kürzlich das Cover des Albums. Darauf sitzt sie auf einer Schaukel und trägt ein Outfit, das an eine knappe Schuluniform erinnert.
Viele Fans lesen das als Anspielung auf das derzeit viel diskutierte Popkultur-Konzept der „Girlhood“. Gemeint ist eine spielerische, solidarische und bewusst ästhetisierte Feier des Mädchenseins, wie sie etwa auch Regisseurin Sofia Coppola oder Popstar Sabrina Carpenter inszenieren.
Bereits vor über zwei Jahrzehnten prägte Coppola mit Filmen wie „The Virgin Suicides“ entsprechende Bildwelten. Typisch dafür sind nostalgische, verspielte und hyperfeminine Elemente wie Schleifen, Pastellfarben, Glitzer, Tagebuchoptik oder analoge Fotografie. Dahinter stehen Themen wie Gemeinschaft, Gefühlswelt und Selbstfindung.
Auch Rodrigo greift diese Bildsprache auf — etwa im Video zur Single „drop dead“, in dem sie in Rüschen-Shorts durch Versailles tanzt. Gerade daran entzündete sich Kritik. Einige Stimmen meinen, die ehemalige Disney-Darstellerin betreibe damit eine problematische „Infantilisierung“. Ihr wird vorgeworfen, Weiblichkeit zugleich kindlich und sexy zu inszenieren und so eher patriarchale Vorstellungen zu bedienen als sie zu hinterfragen.
Andere deuten ihren Stil genau umgekehrt: als bewusstes Spiel mit solchen Zuschreibungen. Demnach übernimmt Rodrigo stereotype Bilder von Mädchenhaftigkeit, überzeichnet sie und legt ihre Wirkung gerade dadurch offen. Vergleichbare Debatten gab es zuvor bereits um Sabrina Carpenter, die ebenfalls oft in Babydoll-Looks auftritt.
Warum Frauen im Pop anders beurteilt werden
Die Diskussion um Rodrigo und Carpenter zeigt, wie stark Weiblichkeit im Pop nach wie vor verhandelt wird. Bei vielen Künstlerinnen rückt das Äußere schnell in den Vordergrund, während ihre Musik in den Hintergrund tritt.
Die Musikwissenschaftlerin Penelope Braune sagte der dpa, das eigentliche Problem sei nicht, dass eine Frau ein kurzes, verspieltes Kleid trage. Problematisch sei vielmehr eine Kultur, die weibliche Körper fortwährend sexualisiere — und dann ausgerechnet die Frauen dafür verantwortlich mache.
Viele Künstlerinnen arbeiten heute bewusst mit dieser Dynamik. Sie überzeichnen Schönheitsnormen ironisch, brechen Erwartungen oder machen den eigenen Körper selbst zum Thema ihrer Kunst.
Das ambivalente Prinzip des „Reclaiming“
Oft wird dieses Vorgehen als „Reclaiming“ beschrieben — also als bewusste Aneignung einer Zuschreibung, um Kontrolle darüber zurückzugewinnen. Ganz eindeutig ist dieses Prinzip jedoch nicht.
Braune weist darauf hin, dass Popkultur nie im luftleeren Raum stattfinde. Hinter jedem Look stünden auch Industrie, Plattformmechanismen, Aufmerksamkeit und Vermarktung. Deshalb bleibe Reclaiming immer ambivalent: Es könne zwar empowernd gemeint sein, zirkuliere aber dennoch in einer Bildökonomie, die weiterhin stark vom Male Gaze geprägt sei.
Mit dem Begriff „Male Gaze“ ist die lange vorherrschende Praxis gemeint, Frauen in Medien und Kunst aus einer männlich-heterosexuellen Perspektive darzustellen.
Verbindungen zur Riot-Grrrl-Tradition
Rodrigo selbst verweist bei ihrer Kleiderwahl auf die Riot-Grrrl-Bewegung der 1990er-Jahre. In einem Interview mit der Vogue erklärte sie, Musikerinnen wie Courtney Love hätten damals bewusst mädchenhafte Kleidung mit schweren Boots, aggressiven Texten und verzerrten Gitarren kombiniert — und damit klassische Rollenbilder irritiert.
Im Podcast „Popcast“ der New York Times sagte Rodrigo, genau diese Künstlerinnen seien wichtige Vorbilder für sie. Die Kritik an ihren Babydoll-Kleidern mache sie „wirklich wütend“. Ihrer Ansicht nach zeige sich darin, wie sehr Pädophilie kulturell normalisiert werde. Zugleich kritisierte sie die Haltung, Mädchen würden von klein auf hören, bestimmte Kleidung nicht tragen zu sollen, weil Männer sie sonst sexualisieren könnten — und die Schuld dann bei ihnen liege.
Letztlich, so Braune, komme es darauf an, ob man Olivia Rodrigo als selbstbestimmte Künstlerin ernst nehme oder ihr reflexhaft unterstelle, lediglich fremde, vor allem männliche Fantasien zu reproduzieren.
Lob aus der Musikwelt, Erfolg in den Charts
Auffällig ist, dass sich viele Musikerinnen und Musiker deutlich positiver über Rodrigo äußern als manche Kritiker im Internet. Robert Smith ist nicht nur auf dem neuen Album vertreten, sondern hatte ihre Songs schon zuvor gelobt und auch mit ihr zusammen performt. Courtney Love stellte sich ebenfalls gegen die Vorwürfe.
Das überrascht kaum. Rodrigo hat bereits zahlreiche eingängige Hits mit auffälligen Harmoniefolgen geschrieben, die hörbar mit der Pop- und Rockgeschichte der 1980er- und 1990er-Jahre spielen — also genau mit jener Ästhetik, auf die sich auch ihre visuelle Inszenierung bezieht. Ihr erster solcher Song, „All I Want“, erschien bereits, als sie 16 war.
Unterm Strich bleibt Olivia Rodrigo vor allem eines: einer der erfolgreichsten Popstars der Gegenwart. Ihre Single „drop dead“ ist bereits ihr vierter Song, der direkt auf Platz eins der Billboard-Charts einstieg. Auch die Termine ihrer Welttournee, die sie im kommenden Jahr nach Deutschland führt, sind schon lange ausverkauft.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion