Heute heißen sie Influencer oder Content Creator und prägen Plattformen wie TikTok und Instagram. Doch schon vor rund 20 Jahren entstand ein Beruf, der vielen älteren Menschen zunächst rätselhaft erschien: der YouTuber.
Zu den frühen Gesichtern dieser Szene zählt Torge Oelrich, bekannt als Freshtorge. Der 37-Jährige gehört zur ersten Generation deutscher YouTube-Stars und ist inzwischen auch regelmäßig im klassischen Fernsehen präsent. Im ZDF läuft nun seine neue Show „Terrain – Battle of the Flags“; abrufbar ist sie im Streaming-Angebot sowie bei ZDFneo ab dem 24. September.
Oelrichs Laufbahn steht exemplarisch für die Entwicklung von YouTube in Deutschland: vom privaten Zeitvertreib junger Leute hin zu einem professionellen Mediengeschäft.
Seine ersten Videos entstanden laut Oelrich gar nicht mit dem Ziel, ein YouTube-Publikum zu erreichen. Als Jugendlicher filmte er Freunde auf Feiern, schnitt das Material zusammen, versah es mit humorvollen Kommentaren und kleinen Gags. Hochgeladen habe er die Clips zunächst nur, um sie überhaupt zeigen zu können. Erst später sei ihm klar geworden, dass auch völlig Fremde die Videos ansahen.
Sein Kanal „Freshhaltefolie“ begann als reines Hobby, zunächst ohne Einnahmen. Nach etwa einem Jahr wuchs die Aufmerksamkeit, erste Fans kamen hinzu. Oelrich erinnert sich daran, dass YouTube damals vor allem eine Plattform für junge Menschen gewesen sei. Erwachsene über 20 hätten mit dem Angebot oft kaum etwas anfangen können.
In seiner Heimatstadt Heide in Schleswig-Holstein habe ihn vieles wenig gereizt. Während andere Fußball spielten, habe er sich eher für Schauspiel und Kunst interessiert. Also lud er irgendwann seinen ersten Sketch hoch.

Zwischen Erzieherberuf und Unterhaltung
Parallel dazu startete Oelrich 2006 eine Ausbildung zum Erzieher und arbeitete anschließend drei Jahre als Sozialarbeiter an einer Grundschule. Damals habe er noch gar nicht erkannt, dass aus seinen Videos einmal ein echtes Geschäft werden könnte. Ihm sei es zunächst nur darum gegangen, lustige Inhalte zu produzieren.
2015 entschied er sich schließlich, voll auf YouTube zu setzen. In derselben Zeit wurden auch andere bekannte Namen der deutschen Szene groß, darunter Y-Titty, Coldmirror, Gronkh und LeFloid. Sie erreichten enorme Reichweiten und prägten das Medienverhalten einer ganzen Generation.
Tobias Schiwek, Geschäftsführer des Medienunternehmens We Are Era, beschreibt die damaligen YouTuber als Menschen, die aus Kinderzimmern oder Wohngemeinschaften heraus plötzlich ein Millionenpublikum erreichten – ganz ohne Fernsehsender, festen Sendeplatz oder klassische Gatekeeper.
YouTube habe den Zugang zur Öffentlichkeit stark geöffnet. Im Grunde konnte jeder Videos veröffentlichen und direkt mit seinem Publikum in Kontakt treten. Die ersten Creator seien oft alles in einer Person gewesen: Autor, Regisseur, Moderator, Produzent, Community-Manager und meist auch noch Kameramann.
Vom Hobby zur Creator Economy
Mit der Zeit erkannten sowohl die Plattform als auch ihre Stars das wirtschaftliche Potenzial. Die technische Qualität stieg, Werbemöglichkeiten nahmen zu – die sogenannte Creator Economy entstand. Aus Freizeitprojekten wurden Firmen, aus Amateuren Profis.
Viele junge Influencer lebten damals zusammen, produzierten gemeinschaftlich Inhalte, reisten miteinander und filmten ihren Alltag. Doch mit wachsendem Output litt teilweise auch die Qualität. Oelrich sagt rückblickend, bei manchen Kollegen habe ihm der langfristige Blick gefehlt. Einige hätten den Moment genossen und sehr schnell viel Geld verdient, ohne an nachhaltigen Erfolg zu denken.
YouTube heute: stärkerer Wettbewerb, neue Strategien
Inzwischen hat sich YouTube stark verändert – auch durch den Algorithmus. Heute entscheidet die Plattform viel stärker situativ, welches Thema einzelnen Nutzern angezeigt wird. Der einzelne Kanal oder die Person dahinter spielt dabei nicht mehr automatisch die Hauptrolle.
Schiwek bezeichnet YouTube inzwischen als Mischung aus Suchmaschine, Mediathek und Entertainment-Plattform – irgendwo zwischen Netflix und TikTok, mit kurzen Clips ebenso wie mit langen Videos. Für Creator bedeutet das: Sie müssen deutlich strategischer arbeiten als früher. Allein von YouTube zu leben, sei heute wesentlich schwieriger, sagt Oelrich.
Deshalb setzt er inzwischen auf mehrere Plattformen. Auf Facebook erreiche er mit seinen Sketchen eher ein älteres Publikum. Bei TikTok dagegen müsse die Pointe deutlich schneller kommen, um die junge Zielgruppe zu halten. Derzeit verzeichnet er seine stärksten Aufrufe vor allem bei TikTok und Instagram Reels. Dass sein Schwerpunkt einmal so stark auch außerhalb von YouTube liegen würde, hätte er früher nicht erwartet.
Hinzu kommen inzwischen Tourneen, Filme, Musik und Fernsehprojekte. Oelrich, zweifacher Vater und weiterhin in Heide lebend, ist aktuell auch im Amazon-Prime-Format „LOL Next“ zu sehen. In seiner eigenen Show „Terrain – Battle of the Flags“ treten zehn Creator in den schottischen Highlands gegeneinander an und müssen verschiedene Aufgaben bewältigen.
Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen spielt das Netz inzwischen eine zentrale Rolle. Die Folgen der Show sind bereits einige Stunden vor der TV-Ausstrahlung in der Mediathek verfügbar. Zusätzlich gibt es einen eigenen YouTube-Kanal mit weiterem Material. Auf Twitch können Fans den Stream außerdem live verfolgen und direkt darauf reagieren.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber