Der Ton vor der Fußball-WM 2026 ist scharf. Der Boston Globe zog schon vor dem Turnierbeginn ein vernichtendes Fazit über das Großereignis in den Gastgeberländern USA, Kanada und Mexiko. Die Zeitung kritisierte, die Weltmeisterschaft werde von FIFA und staatlichen Stellen zunehmend wie ein Geschäftsmodell behandelt, bei dem vor allem abkassiert werde.
Drei Gastgeber, riesige Distanzen, hohe Kosten
Schon vor dem Anpfiff am 11. Juni steht die Endrunde im Ruf, eine WM der extremen Preise zu werden. Im Fokus stehen teure Eintrittskarten, massive Aufschläge bei der Anreise zu den Stadien und kostenpflichtige Angebote selbst rund um Fan-Veranstaltungen. Das Wall Street Journal sprach deshalb bereits von einer „WM der Schockpreise“.
Hinzu kommen die enormen Entfernungen. Erstmals nehmen 48 Nationalteams teil, gespielt wird in drei Ländern auf einer Fläche von rund 22 Millionen Quadratkilometern. Allein zwischen Vancouver im Westen Kanadas und Miami im Südosten der USA liegen etwa 4500 Kilometer. Zum Vergleich: Von Portugals Westküste bis nach Moskau ist es weniger weit.
Fans mit normalem Einkommen außen vor?
Die Fan-Initiative Fairness United sieht das Turnier kritisch. Auf Anfrage erklärte die Vereinigung, ein WM-Besuch liege diesmal weder finanziell noch moralisch in einem Rahmen, wie man ihn von früheren Weltmeisterschaften kenne. Für Menschen mit durchschnittlichem Einkommen sei dieses Ereignis offenkundig nicht gemacht.
Auf ihrer Website wirft die Gruppe der FIFA vor, die WM bewusst zu einem perfekt vermarktbaren Hochglanzprodukt umgebaut zu haben. Die hohen Preise sorgten ihrer Ansicht nach zugleich dafür, dass das Bild in den Stadien möglichst geschniegelt und kontrolliert bleibe.
Große Wirtschaftsversprechen
Gemeinsam mit dem Sekretariat der Welthandelsorganisation veröffentlichte die FIFA eine Studie, die dem Turnier erhebliche wirtschaftliche Effekte zuschreibt. Demnach könnte die WM bis zu 40,9 Milliarden US-Dollar zum Bruttoinlandsprodukt beitragen und soziale Leistungen im Umfang von 8,28 Milliarden US-Dollar auslösen.
Für die USA allein wurde ein Bruttoproduktionswert von 30,5 Milliarden Dollar und ein Beitrag zum BIP von 17,2 Milliarden Dollar prognostiziert. Solche Zahlen dürften auch Donald Trump gefallen. Gleichzeitig könnte die aggressive politische Linie der USA manche internationale Fans eher abschrecken.
Prognosen treffen auf eine nüchternere Wirklichkeit
In dem Bericht ist von glänzenden Aussichten für den Tourismus die Rede. Hotels in den Austragungsorten würden sich demnach auf außergewöhnlich hohe Auslastungen einstellen, während Gastronomie, Transport und Handel von Milliardenumsätzen profitieren könnten.
Doch die Realität scheint mancherorts weniger euphorisch zu sein. Gegenüber Forbes sagte der Präsident der Hotelvereinigung von New York, Vijay Dandapani, rund zwei Monate vor dem Turnierstart, die tatsächliche Nachfrage habe bei weitem nicht dem Hype entsprochen, der die WM-Ankündigung begleitet habe.
Nach seinen Angaben lagen die Hotelbuchungen für Juni und Juli in New York praktisch auf dem Niveau des Vorjahres. Zudem wurde berichtet, dass die FIFA selbst in größerem Umfang Hotelreservierungen storniert habe.
Finaltickets für mehr als zwei Millionen Dollar
Mit 104 Spielen ist das Turnier so groß wie nie. Entsprechend wird sich zeigen, wie gut die 16 Stadien tatsächlich gefüllt sein werden. Die neue Preisstrategie der FIFA dürfte jedenfalls viele Fans abschrecken.
Besonders viel Aufmerksamkeit erregte ein Angebot auf der offiziellen Wiederverkaufsplattform: Dort wurden zuletzt vier Karten für das WM-Finale angeboten – für 2.299.998,85 Dollar pro Ticket. Es handelte sich dabei nicht um exklusive Logenplätze, sondern um Sitze hinter dem Tor im Unterrang.
Auch die Anreise zum Finale wird zum Luxus
Wer sich solche Karten leisten kann, dürfte sich vermutlich auch kaum über die stark gestiegenen Fahrtkosten nach East Rutherford in New Jersey beschweren. Für die Hin- und Rückfahrt zum Finalstadion werden statt der üblichen 12,90 Dollar zeitweise 150 Dollar fällig – also fast das Zwölffache.
New Jerseys Gouverneurin Mikie Sherrill stellte klar, sie wolle die Pendler ihres Bundesstaates nicht langfristig für diese Kosten aufkommen lassen. Ihrer Ansicht nach müsse die FIFA die zusätzlichen Fahrten finanzieren. Andernfalls werde sie nicht akzeptieren, dass New Jersey auf den Ausgaben sitzenbleibt.
Die FIFA wiederum sieht sich beim Transport nicht in der Verantwortung. Auch auf die Preise im Ticket-Zweitmarkt habe der Verband nach eigener Darstellung keinen Einfluss. Ganz außen vor ist er dennoch nicht: Beim Kauf fällt eine Gebühr von 15 Prozent für den Käufer an, beim Weiterverkauf weitere 15 Prozent für den Verkäufer.
Kritik aus der Politik
Die FIFA verteidigt ihr Modell mit variablen Preisen, die sich an der Nachfrage orientieren. Das entspreche gängigen Entwicklungen in verschiedenen Sportarten, heißt es vom Weltverband.
Scharfe Kritik kam zuletzt auch aus Deutschland. Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Aydan Özoğuz (SPD), sagte der Rheinischen Post, bezahlbare Eintrittskarten seien kaum zu bekommen. Dadurch blieben vielen fußballbegeisterten Menschen aus aller Welt die Stadien verschlossen. Ihr Urteil über die Preisgestaltung fiel eindeutig aus: Die Ticketpolitik der FIFA sei absurd.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion