Nach dem München-Votum beginnt der schwierigere Teil der Olympia-Bewerbung
Nach dem Jubel über den Sieg im nationalen Auswahlverfahren wartet auf München nun die deutlich aufwendigere Phase der Olympia-Bewerbung. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) schickt die bayerische Landeshauptstadt als deutschen Kandidaten für Olympische Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 ins Rennen. Im innerdeutschen Duell mit Köln/Rhein-Ruhr setzte sich München mit 91 zu 50 Stimmen durch. Doch mit diesem Erfolg wachsen auch die Aufgaben.
Neben internationaler sportpolitischer Überzeugungsarbeit muss München nun vor allem bei Infrastruktur, Planung, Flächenfragen und Finanzierung liefern.
Hoher Zeitdruck
Das Grundproblem bleibt der enge Zeitplan. Zwar bewirbt sich München auch für 2040 und 2044, grundsätzlich will die Stadt aber schon in rund zehn Jahren startklar sein. Gerade eine Ausrichtung 2036 gilt bei den Befürwortern als besonders interessante Chance.
Oberbürgermeister Dominik Krause machte deutlich, dass es jetzt keine Verzögerung mehr geben dürfe. Er sprach von einem ambitionierten Zeitplan und betonte, dass nach der Entscheidung sofort mit der Umsetzung begonnen werden müsse. Zugleich fordert er Hilfe aus Berlin: Planungs- und Genehmigungsverfahren müssten deutlich beschleunigt werden, weil Großprojekte in Deutschland aus seiner Sicht zu lange dauern. Als Vergleich verwies Krause erneut darauf, dass die Münchner U-Bahn vor den Spielen 1972 innerhalb eines Jahrzehnts gebaut worden sei – ein Tempo, das heute kaum noch vorstellbar sei.
Öffentlicher Nahverkehr als Schlüsselproblem
Besonders groß sind die Herausforderungen im ÖPNV. Entlastung soll die zweite S-Bahn-Stammstrecke bringen. Von einer Fertigstellung ist München aber noch ein gutes Stück entfernt: Die Tunnelbohrmaschine „Donna Maria“ hat zuletzt erst mit Erkundungs- und Rettungsstollen begonnen.
Nach Angaben der Bahn könnte auf der zweiten Stammstrecke frühestens zwischen 2035 und 2037 regulärer S-Bahn-Verkehr starten. Für Spiele im Jahr 2036 wäre das ein sehr knappes Zeitfenster.
Auch der Hauptbahnhof bleibt eine Großbaustelle. Nach aktuellem Stand soll die Tiefstation ebenfalls 2035 bis 2037 in Betrieb gehen, das neue Empfangsgebäude erst 2038. Ob sich diese Projekte beschleunigen lassen und welche Mehrkosten dabei entstünden, ließ die Bahn offen.
Hinzu kommt die Anbindung des geplanten Olympischen Dorfs im Nordosten. Dafür stehen unter anderem eine Verlängerung der U4 sowie ein S-Bahn-Ringschluss Nord im Raum.
Krause verweist dabei auf Paris als Beispiel: Für die Sommerspiele 2024 seien dort 400 Kilometer Radwege entstanden, außerdem sei das U-Bahn-Netz um zehn Prozent gewachsen. Einen ähnlichen Schub für nachhaltige Stadtentwicklung erhofft er sich auch für München.
Streitpotenzial beim Olympischen Dorf
Das Olympische Dorf ist eines der wichtigsten Projekte der Bewerbung. Es soll östlich von Daglfing und Englschalking entstehen, Platz für bis zu 16.000 Athletinnen und Athleten sowie rund 3.000 Medienvertreter bieten und nach den Spielen zum Kern eines neuen Wohnquartiers werden. Langfristig könnten dort mehr als 10.000 Menschen leben.
Nach Darstellung der Stadt könnte das Projekt die Entwicklung des Gebiets deutlich beschleunigen und zusätzlichen Wohnraum schaffen. Allerdings gibt es bei den benötigten Flächen offenbar weiter Unsicherheiten. Medienberichten zufolge ist zumindest ein Grundstückseigentümer bislang nicht bereit, sein Land an die Stadt abzugeben. Bei einer Architektenpräsentation soll das betreffende Areal deshalb bereits aus den Olympia-Planungen herausgenommen worden sein. Kritiker warnen, dass im äußersten Fall sogar Debatten über Enteignungen entstehen könnten – politisch ein heikles Szenario.
Fragen rund um das Olympiastadion
Auch das Olympiastadion, das für die Spiele 1972 gebaut wurde und wegen seines markanten Dachs weltweit bekannt ist, spielt eine zentrale Rolle. Es wird derzeit modernisiert und soll bis zur Leichtathletik-WM 2031 fit gemacht werden. Wegen des Denkmalschutzes soll das Stadion von außen weitgehend unverändert bleiben.
Allerdings gibt es Zweifel, ob die laufende Sanierung alle Anforderungen für Olympische Spiele erfüllt. So bleiben die Gegengerade sowie Teile der Nord- und Südkurve weiterhin unüberdacht. Bei starker Sonne oder Regen wäre das für Zuschauer problematisch. Krause ließ offen, ob das Konzept noch verändert wird, kündigte aber an, das Bewerbungskonzept noch einmal zu überprüfen und mögliche zusätzliche, mit dem Denkmalschutz vereinbare Maßnahmen zu prüfen.
Kosten rücken stärker in den Fokus
Neu in den Vordergrund rückt auch die Finanzfrage. Krause bezifferte die Größenordnung der Münchner Olympia-Pläne auf rund zehn Milliarden Euro. Etwa fünf Milliarden Euro davon entfallen demnach auf direkte Veranstaltungskosten, weitere fünf Milliarden Euro auf langfristige Infrastrukturmaßnahmen.
Kritiker verweisen allerdings darauf, dass die Kosten bei vielen früheren Olympia-Ausrichtern am Ende deutlich höher lagen als zunächst angekündigt. Auch in Bayern mehren sich deshalb Forderungen nach klaren Grenzen. Der bayerische Landtags-Vizepräsident Ludwig Hartmann, einer der bekanntesten Olympia-Gegner, warnte davor, dass schon die nächsten Monate und Jahre teuer werden könnten. Aus seiner Sicht dürfe die Bewerbung kein Fass ohne Boden werden. Er fordert einen verbindlichen Kostendeckel für jede einzelne Phase, um eine Kostenexplosion zu verhindern.
Der Weg bleibt lang
Mit dem Sieg im innerdeutschen Auswahlverfahren hat München einen wichtigen Schritt geschafft. Der schwierigere Teil beginnt aber erst jetzt: Projekte beschleunigen, Verkehrsprobleme lösen, Flächen sichern, Kosten kontrollieren und das bestehende Olympia-Erbe für neue Spiele tauglich machen. Ob aus dem Traum tatsächlich Realität wird, dürfte sich erst in den kommenden Jahren entscheiden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber