Weber holt EM-Gold im letzten Wurf – Thumm überrascht mit Silber
Julian Weber ließ seiner Freude freien Lauf und jubelte nach seinem dramatischen Sieg im Speerwurf ausgelassen. Mit dem allerletzten Versuch drehte Deutschlands bester Speerwerfer den Wettbewerb doch noch zu seinen Gunsten und fing den lange führenden Nick Thumm ab. Der 21-Jährige musste sich darüber jedoch keineswegs ärgern: Als Weber mit der Deutschlandfahne zu ihm herüberlief, freute sich Thumm sichtbar über seine Silbermedaille.
Für den Deutschen Leichtathletik-Verband war der Doppelerfolg im Speerwerfen das Glanzlicht des vorletzten Finalabends im Alexander Stadium von Birmingham. Kurz darauf sicherte sich auch die deutsche 4×100-Meter-Staffel der Männer Silber hinter Gastgeber Großbritannien. Christina Honsel verpasste im Hochsprung als Vierte nur knapp eine Medaille. Robert Farken blieb über 1.500 Meter dagegen hinter den Erwartungen und wurde Neunter. Insgesamt steht der DLV vor dem Schlusstag bereits bei 15 Medaillen, darunter vier goldene.
Nervenstarker Weber entscheidet Speerwurf-Krimi
Vor allem die Speerwerfer sorgten für einen deutschen Höhepunkt. Topfavorit Weber tat sich nach einem schwierigen Jahr und trotz verschiedener Anläufe mit und ohne Sonnenbrille erneut schwer. Selbst sein Vater Thomas glaubte auf der Tribüne nach eigenen Worten schon nicht mehr an Gold. Doch dann schleuderte Weber den Speer trotz Schulterproblemen im letzten Versuch auf starke 90,40 Meter.
Damit übertraf er Nick Thumm deutlich, der mit 83,76 Metern dennoch eine persönliche Bestleistung erzielte und sensationell Silber gewann. Weber sagte danach, er habe beweisen wollen, „dass ich mental extrem stark bin“ und zeigte sich „unfassbar froh“ über den Erfolg. Nach seinem Heimtitel 2022 in München und Silber 2024 in Rom ist es ein weiterer EM-Triumph für den Mainzer. Auf eine Medaille bei Olympia oder Weltmeisterschaften wartet er allerdings weiter.

Thumm war nach dem Wettbewerb völlig erschöpft und von Krämpfen geplagt, sodass er nicht mehr kontern konnte. Trotzdem überwog bei ihm die Freude. Der 21-Jährige sprach von einem großartigen Ergebnis und machte deutlich, dass bei ihm am Ende einfach keine Kraft mehr vorhanden gewesen sei.
Sprint-Staffel holt Silber auch ohne Owen Ansah
Nur wenig später durfte auch die deutsche Männerstaffel jubeln. Kevin Kranz, Marvin Schulte, Heiko Gussmann und Lucas Ansah-Peprah kamen in 38,64 Sekunden ins Ziel und mussten sich nur den favorisierten Briten geschlagen geben, die in 38,45 Sekunden gewannen. Bronze ging an Belgien in 38,70 Sekunden.
Bemerkenswert war der Erfolg auch deshalb, weil 200-Meter-Europameister Owen Ansah nicht im Team stand. Ihm wird ein verweigerter Dopingtest vorgeworfen, weshalb ihm eine Sperre droht. Schlussläufer Ansah-Peprah sagte nach dem Rennen, er sei „um sein Leben gelaufen“.
Ob mit Owen Ansah sogar Gold möglich gewesen wäre, bleibt offen. Bei der EM in Rom vor zwei Jahren hatte Deutschland mit ihm Bronze gewonnen. Der bislang letzte EM-Titel einer deutschen Männerstaffel liegt allerdings weit zurück: 1962 in Belgrad. Die deutsche Frauenstaffel war bereits im Vorlauf nach einem misslungenen Wechsel überraschend ausgeschieden.
Weißenberg kämpft sich stark zurück
Nach den starken Auftritten der Mehrkämpfer Leo Neugebauer und Niklas Kaul gab es auch für Sophie Weißenberg Grund zur Freude. Zwei Jahre nach ihrem bitteren Olympia-Erlebnis, als sie sich beim Aufwärmen in Paris die Achillessehne gerissen hatte, belegte sie im Siebenkampf einen starken fünften Platz. Siegerin wurde die Irin Kate O’Connor.
Weißenberg sammelte 6.496 Punkte und stellte damit eine persönliche Bestleistung auf. Entsprechend emotional fiel ihre Reaktion aus: Sie habe in den vergangenen zwei Tagen fast durchgehend geweint und sei selbst überrascht gewesen, was sie leisten konnte.
Farken enttäuscht, Honsel knapp an Bronze vorbei
Weniger zufrieden konnte Robert Farken sein. Der 28-Jährige lief die 1.500 Meter in 3:37,49 Minuten und kam damit nur auf Rang neun. Den Europameistertitel sicherte sich überraschend der Niederländer Stefan Nillessen in 3:35,70 Minuten. Farken sprach anschließend von einer vertanen Chance, kündigte aber zugleich an, wieder anzugreifen.
Christina Honsel war einer Medaille deutlich näher. Mit 1,92 Metern belegte sie im Hochsprung den vierten Platz. Für Edelmetall wären 1,95 Meter nötig gewesen. Gold ging an die Ukrainerin Jaroslawa Mahutschich, die als Weltmeisterin und Olympiasiegerin erneut ihre Klasse zeigte.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber