Neue Vorwürfe gegen Infantino erhöhen den Druck auf die FIFA-Spitze
FIFA-Präsident Gianni Infantino gerät durch neue Anschuldigungen weiter in Bedrängnis. Der Weltverband reagierte in der Nacht auf Sonntag mit scharfen Worten und sprach von einer gezielten Kampagne gegen den gewählten Chef.
Nach Darstellung der FIFA versuchten bestimmte Akteure seit Längerem, sowohl den Verband als auch Infantino systematisch zu beschädigen. In einer Stellungnahme beklagte die Organisation, jüngste Medienberichte hätten unbelegte Vorwürfe und nachweislich falsche Behauptungen verbreitet. Mutmaßungen und Unterstellungen dürften nicht als Tatsachen dargestellt werden, hieß es weiter.
Blick auf Infantinos Zeit bei der UEFA
Wen die FIFA konkret meint und auf welche Berichte sie sich bezieht, ließ sie offen. Im Mittelpunkt steht jedoch eine Episode aus Infantinos Jahren bei der UEFA, wo er vor seinem Wechsel an die Spitze der FIFA als Generalsekretär tätig war.
Die UEFA bestätigte auf Anfrage einen Bericht des britischen Telegraph, wonach eine frühere Mitarbeiterin aus Infantinos Umfeld beim Ausscheiden Ende 2011 eine hohe Abfindung erhalten habe. Zudem seien Kosten für ein MBA-Studium übernommen worden. Dem Bericht zufolge soll die Zahlung mindestens im sechsstelligen Bereich gelegen haben.
Die UEFA erklärte, der betroffenen Person seien sowohl eine Abfindung als auch Studiengebühren erstattet worden. Diese Leistungen hätten den damals gültigen Regeln für ausscheidende Beschäftigte entsprochen.
UEFA prüft offenbar weitere Schritte
Zugleich verwies die UEFA darauf, dass ihre Personalvorschriften seit 2016 verschärft worden seien. Die heutigen Richtlinien entsprächen den Standards einer modernen und angesehenen Organisation, teilte der Kontinentalverband mit.

Infantino war vor seiner Wahl zum FIFA-Präsidenten im Jahr 2016 rund 16 Jahre bei der UEFA beschäftigt. Laut Telegraph habe die betreffende Mitarbeiterin seinerzeit einen schnellen Aufstieg von einer administrativen Funktion in eine deutlich besser bezahlte Führungsposition erlebt. Das Schwesterblatt Sunday Telegraph berichtete zudem, die UEFA erwäge eine eigene Untersuchung zu Infantinos Verhalten während seiner gesamten Amtszeit beim europäischen Verband. Offiziell kommentierte die UEFA das zunächst nicht.
Infantino selbst weist jede persönliche Einflussnahme auf die Karriere der Frau zurück. In einer der Bild vorliegenden FIFA-Mitteilung heißt es, jede Unterstellung unangemessenen Verhaltens oder eines Verstoßes gegen Regeln sei verleumderisch.
FIFA warnt vor irreführender Berichterstattung
Der Weltverband betonte zwar, eine kritische Prüfung sei legitim. Dies dürfe aber nicht dazu genutzt werden, Fakten zu verdrehen, unbewiesene Vorwürfe zu verstärken oder gezielte Ablenkungsmanöver zu starten, die Fortschritte behinderten. Sollten Berichte falsch oder irreführend sein, werde die FIFA diesen umgehend und entschieden widersprechen.
Infantino steht derzeit so stark unter Druck wie kaum zuvor in seiner mehr als zehnjährigen Amtszeit. Zuletzt war ein von ihm vorangetriebener Investorendeal gescheitert. Dabei sollten Anteile an FIFA-Wettbewerben an private Geldgeber verkauft werden. Wegen massiver Kritik musste das Vorhaben aufgegeben werden.
Bei einem Krisentreffen in Marokko sicherte sich der 56-Jährige zuletzt Rückhalt aus seinem engeren Führungsumfeld. Unterstützung kam auch vom südamerikanischen Verband Conmebol. Dessen Präsident Alejandro Dominguez bescheinigte Infantino eine "großartige Arbeit".
Aus Europa werden Rücktrittsforderungen lauter
Vor allem in Europa reißen die Forderungen nach einem Rückzug Infantinos jedoch nicht ab. Norwegens Verbandspräsidentin Lise Klaveness verlangte im Guardian seinen sofortigen Rücktritt. Das Vertrauen sei endgültig verloren, sagte sie sinngemäß, und es gebe für Infantino keinen Weg zurück. Ex-FIFA-Präsident Joseph Blatter hält Klaveness bereits für eine geeignete Nachfolgerin.
Die FIFA selbst zeichnet dagegen weiter das Bild eines Reformers. Infantino habe den Weltfußball entscheidend verändert, vor allem indem er Zugang, Ressourcen und Chancen international ausgeweitet habe, betont der Verband. Solche Veränderungen stellten zwangsläufig bestehende Interessen infrage. Meinungsverschiedenheiten darüber dürften jedoch nicht als Vorwand dienen, das demokratische Mandat des FIFA-Präsidenten oder die von ihm geführte Institution zu untergraben.
So versucht die FIFA, inmitten wachsender Kritik die Deutungshoheit zu behalten.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber