VfL Wolfsburg vor ungewisser Zukunft: Rettungsspiel gegen St. Pauli, Umbau im Hintergrund
Beim VfL Wolfsburg dreht sich derzeit vieles nicht nur um das sportliche Überleben, sondern auch um die Frage, wer den Club künftig führen soll. Als möglicher neuer Geschäftsführer Sport wird seit Wochen Marcel Schäfer von RB Leipzig genannt, Fabian Wohlgemuth vom VfB Stuttgart gilt offenbar als Alternative. Gesucht wird eine Lösung für den Neustart nach dem dramatischen Saisonfinale beim FC St. Pauli am Samstag (15.30 Uhr/Sky) – unabhängig davon, ob Wolfsburg erstklassig bleibt oder absteigt.
Schon die gehandelten Namen zeigen, dass der Verein trotz seiner Krise weiterhin als attraktiv gilt. Umso drängender stellt sich aber die Frage, wie es überhaupt so weit kommen konnte: Ein Club mit der Rückendeckung des größten europäischen Autoherstellers und Investitionen von rund 180 Millionen Euro in neue Spieler innerhalb von drei Jahren steht erstmals vor dem Absturz aus der Bundesliga.
Showdown am letzten Spieltag
Vor dem letzten Saisonspiel ist die Lage klar: Wolfsburg reist als Tabellen-16. zum punktgleichen Schlusslicht FC St. Pauli. Verliert der VfL, geht es direkt runter in die 2. Liga. Bei einem Sieg oder einem Remis hängt alles davon ab, wie der 1. FC Heidenheim gegen Mainz 05 abschneidet. Mehr als Rang 16 und damit die Relegation ist für die Niedersachsen nicht mehr möglich.
Sportdirektor Pirmin Schwegler erwartet eine feindselige Atmosphäre: "Ich glaube, dass am Samstag nicht nur ein Stadion gegen uns ist", sagte er. "Sondern viele in Deutschland."

Ständige Wechsel als Dauerproblem
Ein Blick auf die vergangenen Jahre offenbart eines der Hauptprobleme des VfL. Schwegler ist bereits der fünfte Sportdirektor binnen zehn Jahren, Dieter Hecking sogar schon der zwölfte Trainer in diesem Zeitraum. Kontinuität sieht anders aus.
Klaus Allofs, einst selbst Sportchef in Wolfsburg, brachte Hecking 2012 zum Club und gewann 2015 mit ihm den DFB-Pokal. Für den 61-Jährigen liegt die Ursache der aktuellen Entwicklung auf der Hand. Nach Jahrzehnten im Profigeschäft bringt er es knapp auf den Punkt: "Eine klare Strategie!"
Aus seiner Sicht fehlt dem Verein genau das. In dieser Saison habe zu vieles nicht zusammengepasst – sowohl bei der Zusammenstellung des Kaders als auch beim inneren Zusammenhalt. Entscheidend sei immer, dass alle auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Genau daran habe es Wolfsburg in den vergangenen Jahren zunehmend mangeln lassen.
Früher klare Linie, heute Stückwerk
Unter Allofs galt ein klares Prinzip: Wer in der Champions League bestehen will, braucht auch Spieler mit Champions-League-Format. Deshalb holte Wolfsburg damals Stars wie Kevin De Bruyne oder André Schürrle.
Später setzte Jörg Schmadtke auf ein anderes, aber ebenfalls schlüssiges Konzept. Er verpflichtete vor allem entwicklungsfähige Talente wie Felix Nmecha, die später gewinnbringend verkauft werden konnten. Auch dieser Weg führte den VfL 2021 noch einmal in die Champions League.
In der Gegenwart wirkt vieles deutlich weniger durchdacht. Für die laufende Saison kamen unter anderem Christian Eriksen von Manchester United, U21-Nationalspieler Aaron Zehnter vom SC Paderborn sowie der kostspielige Brasilianer Vinicius Souza aus der zweiten englischen Liga. Dazu kam ein ständiger Wechsel auf der Trainerbank, mit sehr unterschiedlichen Spielideen: Mal ging es um Umschaltmomente, dann wieder um Ballbesitz. Ein roter Faden war kaum zu erkennen. Verantwortet wurde diese Entwicklung vom inzwischen freigestellten Geschäftsführer Peter Christiansen.
Finanzielle Stärke relativiert sich
Allerdings haben sich auch die Rahmenbedingungen verändert. Das Wolfsburger Modell von heute ist nicht mehr mit dem von 2015 zu vergleichen. Nach aktuellen Zahlen erhält die VfL Wolfsburg Fußball GmbH pro Jahr zwischen 70 und 80 Millionen Euro vom Mutterkonzern Volkswagen. Das reicht in der Bundesliga nur noch für einen Platz im Budget-Mittelfeld der Spitzengruppe – etwa zwischen Rang sechs und acht. Zu besseren Zeiten lag Wolfsburg damit noch auf Platz drei.
Was passiert bei einem Abstieg?
Besonders heikel ist die Lage, weil auch Volkswagen selbst unter Druck steht. Der Konzern steckt in einer tiefen Krise, kämpft mit sinkenden Zahlen und dem Risiko eines Stellenabbaus. Deshalb stellt sich zwangsläufig die Frage, ob VW den Fußballstandort Wolfsburg auch dann in gleichem Maße tragen würde, wenn der Club nur noch zweitklassig wäre.
Die Antwort aus dem Konzern fiel eindeutig aus. VW-Sprecher und VfL-Aufsichtsratschef Sebastian Rudolph erklärte dem NDR, Volkswagen stehe fest zum VfL Wolfsburg und halte sich an bestehende Verträge. Zudem sei die finanzielle Stabilität des Engagements nicht von der Liga-Zugehörigkeit abhängig.
Tatsächlich ist die Verbindung zwischen Club und Konzern derzeit sogar enger als zur Zeit der Meisterschaft 2009. Im aktuellen Aufsichtsrat sitzen unter anderem VW-Konzernchef Oliver Blume, der Aufsichtsratsvorsitzende des Unternehmens und die Chefin des Betriebsrats.
Hoffnung trotz allem
Nach den jüngsten Spielen ist bei den Verantwortlichen wieder etwas Zuversicht zurückgekehrt, den Absturz noch verhindern zu können. Auch Klaus Allofs blickt vorsichtig optimistisch auf das Endspiel in Hamburg. Lange habe die Lage aussichtslos gewirkt, nun aber habe sich das Bild verändert. Aus seiner Sicht präsentiert sich Wolfsburg derzeit stabiler als St. Pauli.
Die Chance auf den Klassenerhalt lebt also noch – doch unabhängig vom Ausgang des letzten Spieltags dürfte beim VfL ein grundlegender Neuanfang bevorstehen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion