Sudetendeutscher Tag in Brünn soll Versöhnung betonen
Trotz lautstarker Gegenproteste werten die Organisatoren den erstmals in Tschechien veranstalteten Sudetendeutschen Tag als Signal der Annäherung. Das traditionelle Pfingsttreffen stand in Brünn unter dem Leitwort „Alles Leben ist Begegnung“ und zog neben Vertriebenen und deren Nachkommen auch zahlreiche tschechische Besucher an. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach am Sonntag auf dem Messegelände von einem „historischen Tag“ und einem wichtigen Zeichen. Die Sudetendeutschen seien Brückenbauer und verlangten keine Vergeltung, sagte er.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden vor dem Hintergrund der NS-Besatzung und ihrer Verbrechen rund drei Millionen Deutsche aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben. Seit 1950 kommen Teile der Volksgruppe jedes Jahr zu Pfingsten zusammen. Bayern übernahm 1954 die Schirmherrschaft. Der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt, betonte, die Botschaft des Treffens sei nicht Hass, sondern Versöhnung und Zuneigung. Man sei nicht gekommen, um Forderungen zu stellen, sondern um etwas beizutragen.
Widerstand und politische Kritik
In Tschechien blieb die Veranstaltung umstritten. Während des Treffens zog eine Gegendemonstration durch die Brünner Innenstadt bis zum Dominikanerplatz. Auf Transparenten standen Parolen wie „Sie sind hier nicht willkommen“. Nach Polizeischätzungen beteiligten sich etwa 2.500 Menschen.
Regierungsmitglieder des von Rechtspopulist und Unternehmer Andrej Babiš geführten Kabinetts blieben der Veranstaltung fern. Babiš bezeichnete den Austragungsort als unglücklich gewählt. Auch das tschechische Abgeordnetenhaus sprach sich in einer Entschließung mehrheitlich gegen Tschechien als Gastgeber aus. Ex-Präsident Miloš Zeman hatte den Sudetendeutschen zuvor vorgeworfen, ein fanatischer Teil der nationalsozialistischen Bewegung gewesen zu sein.

Europäischer Karlspreis für Milan Uhde
Mit dem Europäischen Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft wurde der tschechische Schriftsteller und frühere Dissident Milan Uhde geehrt. Posselt würdigte ihn als engen Freund der Sudetendeutschen und überzeugten Europäer. Der 89-Jährige war unter anderem Kulturminister, Präsident des Parlaments und gehörte zu den ersten Unterzeichnern der Charta 77, der Bürgerrechtsbewegung um Václav Havel.
Der Preis wird an Persönlichkeiten verliehen, die sich in besonderer Weise um Verständigung zwischen den Völkern und um die europäische Einigung verdient gemacht haben. Namensgeber ist Kaiser und böhmischer König Karl IV.
Einladung durch „Meeting Brno“
Eingeladen worden waren die Sudetendeutschen vom Dialogfestival „Meeting Brno“. Für das Begegnungsfest registrierten sich auch etwa 1.500 Tschechen. Brünns Oberbürgermeisterin Markéta Vaňková hieß die Gäste aus Deutschland persönlich als „liebe Nachbarn“ willkommen und äußerte Bedauern über die Vertreibung nach Kriegsende. Unrecht könne nicht durch neues Unrecht ausgeglichen werden, sagte sie. Ob auf Tschechisch oder Deutsch gesprochen werde, am Ende gehe es immer um menschliche Schicksale.
Söder erinnert an seine Familie
Söder hob hervor, Bayern und Tschechien seien nach dem Ende des Kalten Krieges wieder zu dem geworden, was sie früher gewesen seien: ein Herzstück Europas. Zugleich warnte er vor Nationalismus, gegenseitigen Ressentiments und antidemokratischen Tendenzen. In seiner Rede schlug er auch einen persönlichen Ton an und berichtete von einem Onkel aus dem Sudetenland. Dieser habe nach der Vertreibung kaum Besitz mitgebracht, aber Erinnerungen, Wissen, innere Stärke und den Willen zu einem Neuanfang.
Bereits am Samstag hatte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) den Auftakt eines gemeinsamen Versöhnungsmarsches als historisches Ereignis bezeichnet. Dass der Sudetendeutsche Tag in Brünn stattfinden könne, sei ein außergewöhnlicher Glücksmoment für eine junge Generation von Tschechen, Sudetendeutschen, Deutschen und Europäern.
Gedenken zum Abschluss
Am Pfingstmontag legten Vertreter der Sudetendeutschen und der tschechischen Zivilgesellschaft Kränze an einem ehemaligen Gestapo-Gefängnis nieder. Im heutigen Kaunitz-Studentenheim wurden während der NS-Besatzung mindestens 800 Tschechen erschossen oder gehängt. Nach Kriegsende diente der Gebäudekomplex für einige Monate als Internierungslager für Deutsche.
Posselt zog nach vier Tagen in Brünn eine sehr positive Bilanz. Das Treffen habe seine ohnehin hohen Erwartungen noch übertroffen, sagte der frühere Europaabgeordnete. Er könne sich sogar vorstellen, den Sudetendeutschen Tag künftig abwechselnd in Deutschland und Tschechien auszurichten. Für 2027 ist Nürnberg als Veranstaltungsort vorgesehen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion