Politik

Jüdische Gemeinden: Warum die Angst bleibt

Neue Umfrage schockt: Viele Juden fühlen sich seit dem Hamas-Angriff unsicherer. Schuster nennt die Lage unhaltbar.

01.05.2026, 05:30 Uhr

Umfrage des Zentralrats: Jüdische Gemeinden in Deutschland fühlen sich weiter bedroht

Polizeischutz vor Synagogen, Anfeindungen und offener Hass prägen für viele Jüdinnen und Juden in Deutschland weiterhin den Alltag. Zweieinhalb Jahre nach dem Hamas-Angriff auf Israel empfinden 68 Prozent von 102 befragten jüdischen Gemeinden ihre Situation als unsicherer als vor dem 7. Oktober 2023. Damit ist der Wert zwar niedriger als 2024, als noch 82 Prozent so antworteten, bleibt aber auf hohem Niveau.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, sprach von einer „neuen Normalität“. Gemeint sei eine Lage, in der jüdische Einrichtungen dauerhaft geschützt werden müssten und antisemitische Äußerungen im öffentlichen Raum zunehmend als normal hingenommen würden. Dass selbst Mordaufrufe gegen Juden in Berliner Schmierereien keine breite Empörung mehr auslösten, sei nicht hinnehmbar, sagte Schuster.

Drittes Lagebild seit dem 7. Oktober

Seit dem Überfall der Hamas auf Israel zeigen Statistiken auch in Deutschland einen deutlichen Anstieg antisemitischer Vorfälle. Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (Rias) registrierte für 2024 insgesamt 8.627 Fälle – 77 Prozent mehr als im Vorjahr. In 5.857 Fällen handelte es sich um israelbezogenen Antisemitismus.

Vor diesem Hintergrund hat der Zentralrat nun zum dritten Mal ein sogenanntes Lagebild der jüdischen Gemeinden erstellt. Befragt wurden leitende Vertreterinnen und Vertreter der Gemeinden. Frühere Erhebungen gab es Ende 2023 und im Oktober 2024, die aktuellen Daten stammen aus dem März 2026.

Fast jede zweite Gemeinde meldet Vorfälle

46 von 102 Gemeinden berichteten, dass es in den vergangenen zwölf Monaten antisemitische Vorfälle gegeben habe. In knapp der Hälfte dieser Fälle ging es um Sachbeschädigungen oder Schmierereien an Gebäuden. Darüber hinaus wurden Beleidigungen, Bedrohungen per Telefon, feindselige Begegnungen und Proteste im Umfeld von Gemeinden genannt. Das Muster ähnelt dem des Vorjahres.

Der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas im Oktober 2025 brachte aus Sicht von 61 Prozent der Gemeinden keine Veränderung ihrer Lage. 18 Prozent sahen eine Verbesserung, 13 Prozent eine Verschlechterung. Deutlich negativer wird hingegen der seit Februar geführte Krieg Israels und der USA gegen den Iran bewertet: 62 Prozent der Gemeinden berichten in diesem Zusammenhang von einer Verschlechterung.

Gute Zusammenarbeit mit Behörden, aber weniger Rückhalt aus der Gesellschaft

Mit der Kooperation mit den Sicherheitsbehörden zeigen sich neun von zehn Gemeinden zufrieden. Das ist nur geringfügig weniger als in den Jahren 2023 und 2024. Dennoch sehen 33 Prozent weiterhin Mängel bei den bestehenden Schutzmaßnahmen.

Zugleich nehmen viele Gemeinden weniger Unterstützung aus der Zivilgesellschaft wahr. Während Ende 2023 noch 62 Prozent Rückhalt aus der Gesellschaft registrierten, waren es 2024 nur noch 39 Prozent und nun 35 Prozent. Auch das Verhältnis zu Moscheegemeinden und anderen muslimischen Einrichtungen hat sich aus Sicht vieler Befragter verschlechtert: 45 Prozent berichten von einer negativen Entwicklung.

Religiöses Leben läuft weiter – aber mit Vorsicht

Trotz der Belastung geht das religiöse und soziale Leben in den meisten Gemeinden nach eigenen Angaben weiter. 95 Prozent der Befragten sprachen nur von punktuellen Einschränkungen. In der Öffentlichkeit verbergen jedoch viele jüdische Menschen zunehmend ihre Identität.

Ein Teilnehmer der Umfrage sagte laut Zentralrat, er trage seinen Davidstern aus Sicherheitsgründen nicht mehr offen. Ein anderer schilderte, Dinge, die früher selbstverständlich gewesen seien – etwa religiöse Symbole sichtbar zu tragen oder unbeschwert zur Synagoge zu gehen – seien heute oft mit Vorsicht und ständiger Abwägung verbunden. Zudem habe die emotionale Belastung deutlich zugenommen. Der 7. Oktober habe tiefe Spuren hinterlassen, auch weil antisemitische Einstellungen wieder sichtbarer und lauter geworden seien.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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