Nordrhein-Westfalen

CSD-Parade: Jetzt bebt Köln

Tausende ziehen beim Kölner CSD durch die Straßen – und selbst Reul schlägt Alarm: Warum viele queere Rechte bedroht sehen.

05.07.2026, 12:26 Uhr

Der Christopher Street Day in Köln hat in diesem Jahr nach Veranstalterangaben rund 1,5 Millionen Menschen angezogen. Damit zählt die Parade einmal mehr zu den größten ihrer Art in Europa. 250 Gruppen mit etwa 60.000 Teilnehmenden zogen durch die Stadt. ColognePride erklärte, die Stadt sei zur CSD-Demonstration nach Einschätzung der Demoleitung noch nie so voll gewesen wie in diesem Jahr.

Im Mittelpunkt standen neben Feier, Sichtbarkeit und Gemeinschaft vor allem politische Botschaften. Viele Teilnehmende wollen errungene Rechte verteidigen und auf eine aus ihrer Sicht zunehmende Queerfeindlichkeit aufmerksam machen.

Martin alias „Flirty Flamingo“: Der CSD als Teil seines Lebens

Für viele ist der Tag eng mit der eigenen Geschichte verbunden. Dazu gehört auch Martin (35) aus Gießen, der als „Flirty Flamingo“ unterwegs ist: komplett in Regenbogenfarben gekleidet, mit einem aufblasbaren Flamingo unter dem Arm.

Der Flamingo sei für ihn ein Symboltier, sagt er. In der Tierwelt gebe es unter Flamingos besonders viele gleichgeschlechtliche Paare. In der Community kursiere außerdem der scherzhafte Satz, die normalen Kinder bringe der Storch, die rosa Kinder der Flamingo. Er selbst sei eines dieser „rosa Kinder“, sagt Martin lächelnd.

Die CSD-Saison ist für ihn nach eigenen Worten wie ein Sommerurlaub. In diesem Jahr will er rund 20 Umzüge besuchen. „Ich kann höchstens in Skiurlaub – von Mai bis September bin ich unterwegs“, sagt er.

Sein Coming-out hatte Martin mit Anfang 20. Als er seine Eltern anrief, um es ihnen zu sagen, hätten sie schon geahnt, worum es gehe. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihm die Reaktion seines Vaters: Falls er einmal einen Mann habe, solle er ihn bitte mit nach Hause bringen – er wolle sehen, dass sein Sohn glücklich sei.

„Da schaffen sie es dann, mich einzuschüchtern“

So verständnisvoll die Familie reagierte, so belastend erlebt Martin manches im Alltag. Er trägt Regenbogenfarben nicht nur bei CSD-Veranstaltungen, sondern auch sonst – und wird nach eigenen Worten immer wieder angefeindet. Er berichtet von Zurufen aus Autos, Beschimpfungen, Gesten, Anspucken und davon, dass sich im Zug niemand neben ihn setzen wolle. In manchen Situationen habe er befürchtet, dass es nicht bei Worten bleiben könnte. Dann gelinge es anderen tatsächlich, ihn einzuschüchtern.

Zugleich sagt er, dass Vorbehalte und Angriffe spürbar zugenommen hätten. Wenn Parteien am rechten Rand bestimmte Themen wieder salonfähig machten, frage er sich noch öfter, ob er so auffällig auftreten könne. In der Community gebe es die Sorge, dass erkämpfte Rechte wieder infrage gestellt werden könnten – etwa beim Transrecht oder bei der Ehe für alle.

Martin ist katholisch aufgewachsen und weiterhin gläubig. In Gießen engagiert er sich inzwischen in einer queeren evangelischen Gruppe, die sich monatlich zu gemeinsamen Aktionen trifft.

Viele Teilnehmende spüren einen raueren Ton

Mit diesem Eindruck ist Martin nicht allein. Dragqueen Meryl Deep sagt, der Wind wehe derzeit deutlich rauer – vor allem gegen die queere Community.

Auch NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) nahm in diesem Jahr erstmals am Kölner CSD teil. Der 73-Jährige sagte, er sei dabei, weil er sich zunehmend Sorgen mache. Es gebe immer mehr Menschen, die anderen vorschreiben wollten, wie sie zu leben hätten. Das sei ein Irrtum, so Reul.

Erreichtes verteidigen

Für Hanni, die sich als non-binär beschreibt, ist Sichtbarkeit gerade jetzt entscheidend. Schon als Kind sei erkennbar gewesen, dass Hanni anders ticke. Früher sei das jedoch weder so wahrgenommen noch so offen gezeigt worden.

Ähnlich blickt auch Ralf (64) aus Dortmund auf die Vergangenheit. In den 80er- und 90er-Jahren sei vieles versteckter gewesen – hinter verschlossenen Türen und in dunklen Ecken, sagt er. Trotzdem wolle er nicht nur beklagen, wie schwierig die Lage heute sei. Mut mache ihm, dass immer mehr junge Menschen dazukämen. Entscheidend sei, auf die Straße zu gehen und zu zeigen: Wir sind da, wir sind viele, und wir haben Rechte.

Warnung vor Rückschritten – auch mit Blick auf die USA

Shanann (36), ursprünglich aus Zürich, setzt sich auch beruflich für diese Rechte ein. Nach eigenen Angaben ist sie die einzige Rechtsanwältin in Deutschland mit Spezialisierung auf Transrecht. Wie schnell solche Rechte unter Druck geraten könnten, zeige der Blick in die USA. Einen „zweiten Trump“ in Deutschland brauche es nicht, sagt sie. Deshalb müsse man sich politisch einmischen.

Mehr Mobilisierung auch in kleineren Städten

Nach Beobachtung vieler Teilnehmender wächst die Bewegung längst auch jenseits der großen Metropolen. Thomas (58) sagt, inzwischen gingen mehr Menschen auf die Straße. Auch in kleineren Orten entstünden CSD-Umzüge – gerade dort, wo die AfD stark sei. Gegenwind mobilisiere Widerstand.

Martin sieht das ähnlich. Gerade auf dem Land brauche es Stammtische, Gemeinschaft und verlässliche Netzwerke. Für ihn selbst sei die Community längst mehr als ein Freundeskreis. Weil er keine Kinder habe, sei sie für ihn zu einer Art Familienersatz geworden.

Der Christopher Street Day erinnert an die Ereignisse von 1969 in New York, als die Polizei das „Stonewall Inn“ in der Christopher Street stürmte. Die anschließenden Proteste gelten als Wendepunkt im Kampf um die Rechte queerer Menschen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen