Berlin

So wird dein Mini-Balkon zur grünen Oase

Wäschekorb statt Beet? In Berlins Balkonschule verrät „Balkon-Ultra“ Birgit Schattling, wie Mini-Flächen zur Erntezone werden.

28.05.2026, 05:00 Uhr

Balkongärtnern zum Anfassen: Berliner Balkonschule setzt auf Praxis statt Bildschirm

„Hier passt noch etwas hin“, sagt Elke Schmude lachend, während sie Kapuzinerkresse in ein vertikales Pflanzsystem setzt. Auf mehreren Ebenen wachsen dort bereits Asia-Salate, Schnittlauch, Erdbeeren und Kornblumen. Für die Berlinerin gehört beim Gärtnern auf engem Raum auch Mut dazu: Man müsse Dinge einfach ausprobieren – und wenn etwas nicht gedeihe, sei das eben so.

In einem Kurs von Birgit Schattling lernen Hobbygärtnerinnen und -gärtner genau das. Die Expertin vermittelt seit Jahren in Online-Kursen und digitalen Kongressen, wie sich selbst kleinste Balkone produktiv und schön bepflanzen lassen. Mit ihrer neuen Balkonschule in Berlin gibt es dafür nun auch einen realen Lernort. Dort lasse sich nicht nur zuhören, sondern direkt erleben, anfassen und probieren, sagt Schattling.

Erde statt Bildschirm

Auf dem Gelände der Atelier Gardens, einem traditionsreichen Film- und Fernsehstandort, wird das ganze Jahr über gemeinsam ausgesät, umgesetzt, gepflanzt und geerntet. Gerade dieser persönliche Austausch ist für viele Teilnehmende ein großer Gewinn. Bettina Schäfer findet den Präsenzkurs deutlich angenehmer als digitale Formate: Hier könne sie direkt in der Erde arbeiten, statt allein vor einem Bildschirm zu sitzen.

Auch Bärbel Schäfer hat das gemeinsame Gärtnern neuen Schwung gegeben. Obwohl sie nicht nur einen Balkon, sondern auch einen Garten besitzt, war ihre Motivation zuletzt stark gesunken. Durch den Kurs habe sie jedoch wieder Lust bekommen, sich mit Pflanzen und Anbau zu beschäftigen.

Balkonschule Berlin
Töpfe können auch bepflanzt werden. Quelle: Anja Sokolow/dpa

Fast alles ist möglich – sogar Obstgehölze

In der Balkonschule zeigt sich, wie vielfältig Balkonbepflanzung sein kann. Dort wachsen unter anderem Johannisbeeren, Glockenblumen, Kletterrosen und sogar Aprikosen. Elke Schmude nimmt aus dem Kurs vor allem mit, dass sich selbst Sträucher gut auf Balkonen kultivieren lassen. Nach Schattlings Erfahrung funktionieren auch Obstbäume – nur Walnussbäume seien keine gute Idee.

Dabei wird jeder verfügbare Platz genutzt. Gepflanzt wird nicht nur in Töpfen, sondern auch in ungewöhnlichen Behältern wie Saucieren oder ausrangierten Wäschekörben. Besonders wichtig ist Schattling ihre sogenannte Klimaterrasse: eine Kombination aus vertikalen Beeten und begrünter Pergola. Dort sorgen Klettererbsen, Feuerbohnen, Kiwi, Passionsblume und Wein für Schatten und liefern zugleich Ertrag.

Aus ihrer Sicht ist das eine Antwort auf das Problem überhitzter Balkone und Terrassen. Gerade Flächen in Südlage würden ab dem Frühjahr oft gemieden, weil sie zu heiß seien. Statt draußen zu sitzen, zögen sich viele Menschen dann in die Wohnung zurück. Neben Kursen bietet Schattling auf dem Gelände auch Workshops, Teamveranstaltungen und Vorträge an.

Boom seit der Corona-Zeit

Dass das Gärtnern auf Balkon und Terrasse an Bedeutung gewonnen hat, beobachtet auch die Bremer Journalistin, Podcasterin und Autorin Melanie Öhlenbach. Während der Pandemie hätten viele Menschen ihr Zuhause neu entdeckt und angefangen, selbst Pflanzen anzubauen. Seit 2020 hat sie mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht, zuletzt „Klimahelden auf dem Balkon“.

Nach ihrer Einschätzung beschäftigen sich inzwischen viele Menschen intensiver mit der Herkunft ihrer Lebensmittel und den Bedingungen ihrer Produktion. Auch der Wunsch nach mehr Selbstversorgung wachse. Hinzu komme, dass steigende Preise für Lebensmittel manche dazu bewegen, selbst Obst, Gemüse oder Kräuter anzubauen.

Öhlenbach gibt ebenfalls Kurse und betont, dass Wissen nur erhalten bleibe, wenn es weitergegeben werde. Gemeinsames Lernen vor Ort habe dabei eine besondere Qualität – gerade weil es ohne Smartphone und Bildschirm auskomme.

Sie hält deshalb Orte für wichtig, an denen solche Begegnungen stattfinden können: in Nachbarschaften, Kleingartenvereinen, Volkshochschulen, urbanen Gartenprojekten oder eben in einer Balkonschule.

Eine Berlinerin nutzt jeden Zentimeter

Birgit Schattling selbst zeigt, wie weit sich Balkongärtnern treiben lässt. Auf gerade einmal neun Quadratmetern kultiviert sie rund 120 Pflanzen, darunter Sträucher und Obstbäume. Zusätzlich nutzt sie mehrere Fensterbänke und schafft Lebensraum für Insekten, Vögel und sogar Eichhörnchen. Trotz ihrer Lage mitten in Berlin erlebt sie auf diese Weise Natur unmittelbar vor der eigenen Tür.

Janna Einöder vom Naturschutzbund hat Schattling deshalb einmal als „Balkon-Ultra“ bezeichnet. Solche intensiv bepflanzten Balkone seien aus ökologischer Sicht wertvoll. Zugleich betont Einöder, dass niemand in dieser Größenordnung starten müsse. Schon ein kleiner Balkon mit Küchenkräutern könne einen Beitrag leisten. Wenn viele Menschen kleine Flächen nutzten, entstehe über die ganze Stadt verteilt ein ökologisches Mosaik, das zahlreichen Arten helfe – etwa Wildbienen, deren Aktionsradius oft nur wenige Hundert Meter beträgt.

Für Insekten zählt die richtige Pflanzenauswahl

Aus Sicht des Naturschutzes wird das Potenzial vieler Balkone bislang jedoch noch nicht ausgeschöpft. Häufig würden Arten wie Petunien oder Geranien verwendet, die Insekten kaum Nahrung böten und zudem oft mit Pestiziden belastet seien. Deutlich besser geeignet seien mehrjährige Stauden oder Wildblumen. Der Nabu stellt dafür Pflanzlisten bereit, die je nach Ausrichtung des Balkons passende Arten empfehlen.

Schattling sieht das ähnlich und hält klassische Geranien für wenig sinnvoll. Allerdings gebe es inzwischen Züchtungen, die ursprünglicher seien und Insekten stärker anlockten.

Die Botschaft der Balkonexpertinnen ist klar: Auch ohne Garten lässt sich auf kleinem Raum viel erreichen – für die eigene Ernte, für mehr Lebensqualität in der Stadt und für den Naturschutz.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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