Ein neues Bildungszentrum der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem soll in München entstehen. Zusätzlich ist in Leipzig eine kleinere Außenstelle vorgesehen, wie die Institution mitteilte. Damit wäre es der erste Standort von Yad Vashem außerhalb Israels.
Nach Angaben von Yad Vashem fiel die Wahl auf München wegen der strategisch günstigen Lage und der starken Bildungslandschaft. Zugleich bekommt der Standort eine besondere historische Aufladung: Das Zentrum soll nach den Planungen im Gebäude Karolinenplatz 4 untergebracht werden, wo sich einst ein Parteigericht der NSDAP befand. In unmittelbarer Nähe stand an der Brienner Straße zudem das frühere "Braune Haus", die Parteizentrale der Nationalsozialisten.
Standort mit starker Symbolik
Das Viertel in der Münchner Maxvorstadt gilt als zentraler Ort der NS-Geschichte. Nach Angaben des NS-Dokumentationszentrums arbeiteten dort einst fast 6.000 Beschäftigte in mehr als 60 Gebäuden für die NS-Parteileitung. Heute befinden sich in dem Areal unter anderem das NS-Dokuzentrum und das israelische Generalkonsulat.
München war schon früh ein Zentrum des Nationalsozialismus: Dort wurde die NSDAP gegründet und später neu gegründet, von dort aus versuchte Adolf Hitler 1923 seinen Putsch. Jahrzehnte später wurde die Stadt erneut zum Schauplatz antisemitischer Gewalt, als bei dem Attentat auf die israelische Mannschaft während der Olympischen Spiele 1972 elf Israelis und ein deutscher Polizist getötet wurden.
Idee geht auf Scholz und Dayan zurück
Die Pläne für ein Bildungszentrum in Deutschland gehen auf eine Initiative des früheren Bundeskanzlers Olaf Scholz (SPD) und des Yad-Vashem-Vorsitzenden Dani Dayan zurück. Bei einem Deutschlandbesuch Dayans im Jahr 2023 entstand die Idee, die Expertise der Jerusalemer Gedenkstätte stärker auch in Deutschland für die Holocaust-Bildung zu nutzen. Seither laufen Gespräche und Vorbereitungen.
Bereits im September 2025 hatten Dayan und Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) angekündigt, einen Standort in Deutschland schaffen zu wollen. Damals galten Bayern, Nordrhein-Westfalen und Sachsen als mögliche Standorte.
Fokus auf die Perspektive der Opfer
Mit dem Vorhaben will Yad Vashem sein internationales Engagement in der Holocaust-Bildung und Erinnerungsarbeit ausbauen. Die Einrichtung verweist darauf, dass verzerrte Darstellungen der Holocaust-Geschichte weltweit zunehmen und sich Antisemitismus weiter ausbreitet.
Das geplante Zentrum in München soll vor allem die jüdische Perspektive in der deutschen Erinnerungskultur stärken. Yael Richler-Friedman, Pädagogische Direktorin des internationalen Instituts für Holocaust-Bildung von Yad Vashem, hatte erklärt, man wolle die Debatte in Deutschland um ein größeres Gesamtbild ergänzen. Künftig sollen insbesondere die Stimmen der Opfer stärker in den Mittelpunkt rücken, während bislang häufig lokale und damit eher täterbezogene Erzählungen dominierten.
Ziel sei es, die enorme Dimension des Massenmordes klarer sichtbar zu machen. Besucherinnen und Besucher sollen sich mit den komplexen menschlichen Fragen hinter den Erfahrungen der Verfolgten auseinandersetzen. Dadurch sollen Nachdenken über die eigene Identität und mehr Empathie angeregt werden.
Welche Angebote im Detail entstehen, ist noch nicht vollständig entschieden. Bayerns Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler) erklärte jedoch, die Bildungsangebote sollten sich nicht nur an Schulen richten. Angesprochen würden auch Polizei, Justiz, Verwaltung, Ehrenamt, Erwachsenenbildung sowie weitere Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in unterschiedlichen Berufs- und Bildungsfeldern.
Prien: Bildungsarbeit stärkt Kampf gegen Antisemitismus
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) sieht in dem Projekt einen wichtigen Beitrag im Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland und Europa. Nur wer wisse, was geschehen sei, könne verhindern, dass sich solches Unrecht wiederhole. Gerade unter jungen Menschen in Deutschland sei das Wissen über die Shoah und die systematische Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus oft zu gering.
Auch Yad-Vashem-Direktor Dani Dayan betonte die Bedeutung historisch fundierter Bildungsarbeit. Je weiter die Zeit der direkten Zeugenaussagen zurückliege, desto wichtiger werde eine verlässliche Vermittlung der Geschichte.
Zustimmung kommt zudem vom Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein. Er wertete die Entscheidung für das erste Yad-Vashem-Zentrum außerhalb Israels als Zeichen großen israelischen Vertrauens in Deutschland. Bayern sei in der Erinnerungskultur sehr gut aufgestellt. Die geplante Außenstelle in Leipzig begrüßte Klein ebenfalls ausdrücklich. Gerade in den neuen Bundesländern brauche Erinnerungskultur neue Impulse, weil Rechtspopulisten dort besonders stark auf eine Abwehr von Schuld für NS-Verbrechen setzten.
Weitere Unterstützung aus jüdischen Verbänden
Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, bezeichnete das Vorhaben als nötiges Gegengewicht zu politischem Extremismus. Die Zahl der Holocaust-Zeitzeugen sinke, während extremistisches Denken vor allem von rechts zunehme. Dem Judenhass sei ohne historische Kenntnis nicht beizukommen, mahnte sie.
Auch Gady Gronich, Generalsekretär der Konferenz der Europäischen Rabbiner, hob die Bedeutung des Projekts hervor. Gerade in Zeiten wachsender antisemitischer Bedrohungen sei Bildung der entscheidende Schlüssel, um die Zukunft zu schützen.
Leipzig soll regionale Angebote schaffen
Die geplante Einrichtung in Leipzig soll kleiner ausfallen und auf interaktive Lernräume setzen. Das Angebot soll sich vor allem an Pädagoginnen und Pädagogen sowie an junge Menschen in der Region und in benachbarten Ländern richten.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) bezeichnete das Vorhaben als große Ehre und zugleich als Verpflichtung. Bildung und persönliche Begegnung seien entscheidend, um Erinnerung lebendig zu halten und Geschichte verständlich zu machen. Neue Bildungsorte seien nötig, um Antisemitismus, Vorurteile, Desinformation und jede Relativierung des Holocaust klar zurückzuweisen.
Nach seinen Worten kann Leipzig in der Bildungsarbeit eine Brücke nach Osteuropa schlagen, insbesondere nach Polen und Tschechien. Beide Standorte sollen eng zusammenarbeiten.
Mehr als 200 Millionen Euro eingeplant
Die genaue Ausgestaltung der Verträge soll in den kommenden Monaten festgelegt werden. Im bayerischen Kultushaushalt für 2026 und 2027 sind jedoch bereits mehr als 200 Millionen Euro für das Projekt vorgesehen.
Davon entfallen 93 Millionen Euro auf Betriebskosten für die kommenden 15 Jahre. 23 Millionen Euro sind für den Umzug der bisherigen Nutzer eingeplant. Weitere 50 Millionen Euro sind für den Bauunterhalt vorgesehen, 16,7 Millionen Euro für sicherheitstechnische Maßnahmen. Laut Haushaltsplanung soll unter anderem auch ein Amphitheater als Vorführraum entstehen.
Start in wenigen Jahren möglich
Yad Vashem mit Sitz in Jerusalem gilt als die größte Holocaust-Gedenkstätte weltweit. Nach bisherigen Planungen könnte das neue Zentrum innerhalb von drei Jahren seine Arbeit aufnehmen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion