Behörden erwarten massive Verkehrsprobleme rund um die Brenner-Sperre
Vor der Totalsperrung der Brennerautobahn bereiten sich in Südbayern Polizei, Landratsämter, Rettungsdienste, das Bayerische Rote Kreuz und die Autobahn GmbH auf erhebliche Verkehrsprobleme vor. Die Warnung der Verantwortlichen ist deutlich: "Es wird kein Durchkommen geben", sagte Josef Seebacher von der Südbayern-Niederlassung der Autobahn GmbH.
Hintergrund ist die Sorge, dass Tirol bei einer Überlastung der Inntalautobahn den Verkehr an den Grenzübergängen nur noch blockweise passieren lässt. In der Folge drohen auf deutscher Seite lange und teils massive Staus.
Im Extremfall Rückleitung auf A93 und A8
Für ein mögliches Eskalationsszenario wird auch damit gerechnet, dass Fahrzeuge auf der A93 in Richtung Kiefersfelden sowie auf der A8 in Richtung Walserberg von der Autobahn heruntergeleitet und zurückgeschickt werden könnten. Nach Einschätzung der Verantwortlichen soll so verhindert werden, dass Autofahrer stundenlang in einer Sackgasse festsitzen.
Zugleich warnen die Experten davor, weiträumig nach Westen über Bregenz am Bodensee auszuweichen. Auch dort könnte der Verkehr dosiert werden.
Die klare Empfehlung lautet deshalb: Am Samstag möglichst nicht in Richtung Brenner fahren. Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd rät sogar dazu, nicht zwingend notwendige Fahrten im Süden Bayerns ganz zu vermeiden und wenn möglich auf einen anderen Tag zu verschieben. Selbst Ausflüge in die betroffene Region sollten unterbleiben.
Bereits an mehreren Autobahnen, unter anderem bei Frankfurt, Würzburg und Nürnberg, wird auf die Brenner-Sperre hingewiesen.
Pfingstferien verschärfen die Lage zusätzlich
Die Blockade fällt mitten in die Pfingstferien in Bayern und Baden-Württemberg sowie ans Ferienende in Sachsen-Anhalt. Damit trifft sie auf ein Wochenende, an dem ohnehin starker Reiseverkehr erwartet wird. Nach Einschätzung der Autobahn GmbH ist das Verkehrsaufkommen in den Pfingstferien teils sogar höher als in den Sommerferien, weil sich der Reiseverkehr im Sommer auf mehrere Wochen verteilt.
Am Freitagmittag staute sich der Verkehr auf der A93 in Fahrtrichtung Süden vom Inntaldreieck bis vor den Grenzübergang Kiefersfelden bereits auf rund 13 Kilometer. Laut ADAC bedeutete das etwa eine Stunde Verzögerung. Am Nachmittag entspannte sich die Lage vorübergehend wieder.
BRK ruft Alarmstufe 1 aus
Angesichts der erwarteten Verkehrsprobleme hat das Bayerische Rote Kreuz die Alarmstufe 1 ausgerufen. Die BRK-Kreisverbände in Rosenheim, Traunstein und Miesbach bereiten sich damit auf verschiedene Entwicklungen bei möglichen massiven Behinderungen vor.
Dabei geht es nicht nur um klassische Rettungseinsätze. Auch Dienste ohne Blaulicht könnten unter langen Staus leiden, etwa der Hausnotruf, Essen auf Rädern oder die ambulante Pflege.
Die ausgerufene Alarmstufe 1 ist die niedrigste von insgesamt drei Stufen. Sie umfasst unter anderem die Überprüfung von Alarmierungswegen, Materialbeständen und der Erreichbarkeit einzelner Einheiten.
Hilfe für festsitzende Reisende möglich
Sollte es am Samstag zu den befürchteten Mega-Staus kommen, könnte auch die Versorgung von festsitzenden Reisenden notwendig werden. Das BRK hält dafür unter anderem Motorräder bereit, die auch bei dichtem Verkehr vergleichsweise gut vorankommen.
Im Gespräch sind Hilfen wie Wasser und weitere Versorgungsmaßnahmen für Autofahrer. Die Lage werde fortlaufend beobachtet und neu bewertet, teilte das BRK mit. Weitere Schritte würden bei Bedarf gemeinsam mit den zuständigen Katastrophenschutzbehörden abgestimmt.
Landratsamt Rosenheim aktiviert Sonderplan
Zusätzlich hat das Landratsamt Rosenheim vorsorglich einen „Katastrophenschutzsonderplan Autobahn“ aktiviert. Dieser greift, wenn ein längerer Stillstand auf den Autobahnen droht.
Für Samstag soll ab 7.00 Uhr eine Koordinierungsgruppe im Lagezentrum besetzt sein. Sie beobachtet die Entwicklung fortlaufend und soll im Ernstfall Hilfe- und Versorgungsmaßnahmen organisieren. Außerdem soll sichergestellt werden, dass Rettungs- und Einsatzkräfte trotz möglicher Staus handlungsfähig bleiben.
ADAC und Polizei verstärken ihren Einsatz
Auch Polizei und ADAC haben zusätzliche Maßnahmen vorbereitet. Der ADAC Südbayern begleitet den Reisetag mit Stauberatern, um die Lage möglichst genau zu beobachten und aktuell einzuschätzen. Im Einsatz sind drei Berater auf Motorrädern, ein Fahrzeug zur Koordination sowie ein Beobachtungsflugzeug.
Anders als bei gewöhnlichen Staus dürften Empfehlungen für Ausweichstrecken diesmal allerdings kaum helfen. Wegen geltender Abfahrverbote müssten viele Reisende im Stau ausharren, teilte der ADAC mit. Die Stauberater führen deshalb nicht nur Wasser, sondern auch Spielzeug für Kinder mit.
Die Polizei in Südbayern hat ihre Kräfte ebenfalls aufgestockt. Nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd ist man mit größtmöglicher Personalstärke im Einsatz. Vorrang habe, den Verkehr am Laufen zu halten und vor allem die Rettungsgasse freizuhalten, damit Einsatzkräfte im Notfall schnell an den Ort des Geschehens gelangen können.
Nach Einschätzung der Polizei handelt es sich um den größten Verkehrseinsatz in der mehr als 20-jährigen Geschichte des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd.
Demonstration im Wipptal ist Anlass für die Sperre
Auslöser der Brenner-Sperre ist eine Demonstration im Wipptal. Die rund 15.000 Bewohnerinnen und Bewohner der Region, von denen viele in unmittelbarer Nähe von Autobahn und Bundesstraße leben, protestieren gegen Lärm, Feinstaub und weitere Belastungen durch den stetig wachsenden Verkehr. Initiiert wurde der Protest vom Bürgermeister der Gemeinde Gries am Brenner, Karl Mühlsteiger.
Auf österreichischer Seite ist von 11.00 bis 19.00 Uhr für Autos und Motorräder kein Durchkommen, auf italienischer Seite gilt die Sperre von 10.30 bis 20.00 Uhr. Lastwagen dürfen den Alpenpass bereits einige Stunden früher nicht mehr passieren.
Neben der Autobahn werden in diesem Zeitraum auch Bundesstraße und Nebenstrecken für den Transitverkehr gesperrt. Auch in Bayern gelten bei Stau in bestimmten Landkreisen Abfahrverbote von der Autobahn.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber