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40 Jahre «Kir Royal» – So wild war Münchens Schickeria

Champagner, Affären, Exzentriker: Warum «Kir Royal» auch 40 Jahre später noch fesselt – und heute fast noch bissiger wirkt.

20.09.2026, 10:49 Uhr

40 Jahre später: Warum sich „Kir Royal“ noch immer lohnt

In den 1980er Jahren galt München als Zentrum der feinen, oft herrlich oberflächlichen High Society. Kaum jemand hat dieses Milieu so treffsicher eingefangen wie Regisseur Helmut Dietl. Mit der Serie „Kir Royal“ schuf er 1986 eine bissige Satire auf die Welt der Reichen, Schönen und Wichtigen. Die erste Episode lief am 22. September 1986 in der ARD und wurde schnell zum Klassiker. Auch Jahrzehnte später ist die sechsteilige Reihe in der ARD Mediathek verfügbar – und erstaunlich zeitlos.

Worum geht es?

Im Mittelpunkt stehen der Klatschjournalist Baby Schimmerlos und Fotograf Herbie Fried, die für eine Münchner Zeitung durch Bars, Restaurants und Partys ziehen. Ihr Geschäft: Geschichten über Affären, Skandale, Abstürze und Aufstiege. Entscheidend ist allein, dass es Aufmerksamkeit erzeugt. Wer von Schimmerlos in die Zeitung gehoben wird, gehört dazu. Genau deshalb umgibt die beiden ein Heer aus Selbstdarstellern, Mitläufern und Möchtegern-Prominenten, die um jeden Preis Teil der glamourösen Gesellschaft werden wollen.

Wer spielt mit?

Die Besetzung ist hochkarätig. Franz Xaver Kroetz prägt die Serie als Baby Schimmerlos mit großer Wucht: ehrgeizig, rücksichtslos, charmant und unangenehm zugleich. Senta Berger ist als Mona, seine immer wieder verletzte Geliebte, ein starkes Gegengewicht. Zwischen Liebe, Wut und Enttäuschung gibt sie der Figur besondere Tiefe.

Dazu kommen Dieter Hildebrandt als rastloser Society-Fotograf, Billie Zöckler als Sekretärin und Ruth Maria Kubitschek als Verlegerin, die von Schimmerlos’ Erfolg profitiert, auch wenn seine Methoden nicht immer bequem sind.

Senta Berger
Um Senta Berger für die Serie zu gewinnen, musste Regisseur Helmut Dietl sie erst überzeugen. (Archivbild) Quelle: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Der unvergessene Auftritt von Mario Adorf

Nur in einer Folge zu sehen, aber kaum zu vergessen: Mario Adorf als Fabrikant Heinrich Haffenloher. Seine Figur ist getrieben vom Wunsch nach Anerkennung und versucht mit aller Macht, von Baby Schimmerlos ins Rampenlicht gerückt zu werden. Diese Mischung aus Größenwahn, Verzweiflung und Komik macht seinen Auftritt zu einem Höhepunkt der Serie.

Warum wurde „Kir Royal“ Kult?

Weil Dietl den Kern gesellschaftlicher Eitelkeit freilegt. Die Serie zeigt, wie sehr Menschen nach Bedeutung, Bewunderung und öffentlicher Wahrnehmung streben – notfalls mit Intrigen, Bestechung oder Selbsterniedrigung. Das ist böse, präzise beobachtet und zugleich sehr unterhaltsam.

„Kir Royal“ lebt von pointierten Dialogen, scharfem Humor und Figuren, die überzeichnet wirken und doch erschreckend echt erscheinen. Neben aller Satire gibt es aber auch leise, melancholische Momente, die den Figuren etwas Menschliches verleihen.

So zeigt die Serie Münchens Nachtleben

Dietl inszeniert die Szene als rauschhaftes Spektakel aus Champagner, Cocktails und dekadenten Menüs. Gegessen wird exquisit, geredet wird viel, und fast immer geht es darum, gesehen zu werden. Der Titelcocktail Kir Royal steht dabei sinnbildlich für diese Welt: luxuriös, prickelnd und ein wenig künstlich. Trotz allem Glanz schwingt immer Spott mit – denn hinter der eleganten Fassade steckt oft nicht viel mehr als Geltungssucht.

Wie Franz Xaver Kroetz die Rolle bekam

Ursprünglich war Baby Schimmerlos anders besetzt. Nach den ersten Drehtagen war Helmut Dietl jedoch unzufrieden und suchte kurzfristig einen Ersatz. An einem Wochenende fragte er Franz Xaver Kroetz, der rasch zusagte. Beim WDR stieß das zunächst auf Skepsis, auch wegen Kroetz’ früherer Nähe zur DKP. Dietl drehte trotzdem mit ihm – und Kroetz überzeugte so sehr, dass auch die Kritiker beim Sender verstummten.

Senta Berger und die Figur Mona

Auch Senta Berger musste zunächst überzeugt werden. Als Dietl sie ansprach, war die Rolle der Mona noch kaum ausgearbeitet. Berger fragte sich deshalb, was genau sie eigentlich spielen sollte. Dietl entwickelte die Figur dann gezielt für sie weiter – eine richtige Entscheidung, denn Berger macht Mona zu weit mehr als nur der Frau an Schimmerlos’ Seite. Sie ist leidenschaftlich, verletzlich, zornig und klug.

David Dietl über das Vermächtnis seines Vaters

Für David Dietl ist es ein schönes Zeichen, dass die Arbeiten seines Vaters noch immer präsent sind. Er sagte, es freue ihn, dass Menschen sich die Serie auch Jahrzehnte später noch ansehen und daraus zitieren können. Zugleich sieht er darin eine romantisierte Rückschau: Viele stellten sich München heute so vor, wie Helmut Dietl es in seinen Werken gezeigt habe.

Dass der Name seines Vaters in München weiterhin sichtbar ist, empfindet er als tröstlich – etwa wenn Lokale Speisen oder Drinks nach Figuren aus den Serien benennen oder wenn seine Kinder an der Statue ihres Großvaters vorbeikommen.

Lohnt sich das heute noch?

Ja. „Kir Royal“ ist weit mehr als ein nostalgischer Blick auf das München der 80er Jahre. Die Serie funktioniert noch immer, weil sie Mechanismen von Medien, Eitelkeit und gesellschaftlicher Inszenierung entlarvt, die bis heute aktuell sind. Wer scharfe Satire, starke Darsteller und kluge Beobachtungen mag, sollte einschalten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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