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Was der Kinderarzt im Missbrauchsprozess enthüllt

Jahrelanger Missbrauch durch Kinderarzt? Vor Gericht gesteht er – nun geraten Kliniken und ihre Schutzlücken in den Fokus.

02.11.2026, 16:09 Uhr

Prozess gegen Kinderarzt in Potsdam gestartet

Vor dem Landgericht Potsdam hat der Prozess gegen einen 46 Jahre alten Kinderarzt aus Brandenburg begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mediziner 130 Straftaten zum Nachteil von mehr als 70 Kindern und Jugendlichen vor. Nach den Ermittlungen soll er über viele Jahre hinweg vor allem in Patientenzimmern sexuellen Missbrauch begangen und die Taten teils mit Fotos und Videos dokumentiert haben. Außerdem geht es um Vorwürfe sexueller Handlungen mit minderjährigen Jungen in einer ärztlichen Bereitschaftswohnung sowie um Übergriffe im Zusammenhang mit Untersuchungen in Kitas.

Angeklagter räumt Taten weitgehend ein

Zum Auftakt des Verfahrens legte der Angeklagte ein weitgehendes Geständnis ab. Er erklärte, er habe große Schuld auf sich geladen und wolle den Betroffenen Aussagen vor Gericht möglichst ersparen. In seiner kurzen Erklärung sagte er zudem, das Leid der Opfer werde noch lange nachwirken, was ihm unendlich leidtue.

Der 46-Jährige wurde aus der Untersuchungshaft in Handschellen in den Saal geführt. Während der Verlesung der Anklage blieb er überwiegend regungslos. Fotografen mussten den Gerichtssaal vor seinem Erscheinen verlassen.

Vorwürfe über Jahre hinweg in Kliniken

Über rund zweieinhalb Stunden trug die Staatsanwaltschaft die Anklagepunkte vor. Demnach soll der Arzt das besondere Vertrauensverhältnis zu seinen jungen Patienten systematisch ausgenutzt haben. Die Kinder seien ihm im Rahmen der Behandlung anvertraut gewesen. Nach Darstellung der Anklage habe es für Berührungen im Intimbereich in zahlreichen Fällen keinerlei medizinische Notwendigkeit gegeben. Viele der betroffenen Kinder seien wegen ganz anderer Beschwerden im Krankenhaus gewesen, etwa wegen Kopf- oder Beinverletzungen oder Magen-Darm-Erkrankungen.

Missbrauchsverdacht gegen Kinderarzt
Die Havelland Kliniken kündigten dem Kinderarzt 2025, nachdem wegen Missbrauchsvorwürfen ermittelt wurde. Quelle: Elisa Schu/dpa

Der Arzt arbeitete bis 2025 für die Havelland Kliniken GmbH und war in Rathenow und Nauen westlich von Berlin tätig. Die Vorwürfe haben Familien und ehemalige Patienten tief erschüttert. Zum Auftakt der Verhandlung verfolgten betroffene Eltern die Ausführungen der Staatsanwaltschaft teils fassungslos und unter Tränen. Insgesamt nahmen 15 Nebenkläger mit ihren Anwälten am Verfahren teil.

Ermittlungen nach Anzeige einer Mutter

Ins Rollen kamen die Ermittlungen im November 2025, nachdem eine Mutter Anzeige erstattet hatte. Bei den anschließenden Durchsuchungen fanden Ermittler auf Handys und Speicherkarten kinderpornografisches Material, das nach bisherigen Erkenntnissen vor allem in den beiden Kliniken entstanden sein soll. Die Taten sollen sich über etwa zwölf Jahre erstreckt haben und überwiegend männliche Patienten betreffen. Laut Anklage soll der Arzt auch Untersuchungen in Kindertagesstätten im Auftrag eines Gesundheitsamts für Übergriffe genutzt haben. In diesen Fällen waren die Jungen demnach erst drei oder vier Jahre alt.

Chats, Geld und erniedrigende Handlungen

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft geht es in einzelnen Fällen auch um Gewalt, entwürdigendes Verhalten und sexuelle Handlungen gegen Geld. Zudem soll der Angeklagte über Whatsapp Kontakt zu Minderjährigen gesucht und sie aufgefordert haben, Nacktaufnahmen und Videos zu schicken.

In einer ärztlichen Bereitschaftswohnung soll es laut Anklage außerdem zu sexualisierten Rollenspielen, Oralverkehr und weiteren sexuellen Handlungen gekommen sein. Teilweise seien diese gegen den Willen der Betroffenen erfolgt.

Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit

Die Verteidigung beantragte, die Öffentlichkeit für die weitere Verhandlung am Mittwoch auszuschließen. Als Begründung nannte Rechtsanwalt Ursus Koerner von Gustorf unter anderem den Schutz der Zeugen. Zudem wolle sich der Angeklagte noch näher zu seiner sexuellen Orientierung und zu den Taten äußern. Die Staatsanwaltschaft erhob dagegen keine Einwände.

Auch die Anwältin Manuela Krahl-Röhnisch, die die Familie eines betroffenen Jungen vertritt, sagte, sie hoffe auf weitere Einlassungen des Angeklagten. Dadurch könnten den Nebenklägern belastende Aussagen vor Gericht womöglich erspart bleiben. Ihrem Mandanten gehe es sehr schlecht.

Fragen nach möglichem Versagen von Schutzmechanismen

Der Fall wirft auch die Frage auf, wie der Arzt über so lange Zeit unentdeckt bleiben konnte. Ulrike Hoffmann von der Unabhängigen Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs erklärte, die hohe Zahl mutmaßlicher Opfer zeige, dass es offenbar sehr lange gedauert habe, bis der Täter enttarnt wurde. Das sei äußerst besorgniserregend. Nach Missbrauchsfällen in Institutionen sei eine gründliche Aufarbeitung zwingend notwendig, um Wiederholungen zu verhindern.

Hoffmann betonte, gerade im medizinischen Bereich seien Kinder und Jugendliche besonders verletzlich, weil sie Hilfe suchten und zugleich in einem Abhängigkeitsverhältnis stünden. Täter könnten dort gezielt Schutzlücken ausnutzen, etwa die ärztliche Schweigepflicht oder auch sedierende Medikamente. Nach den bisherigen Erkenntnissen sollen im vorliegenden Fall ebenfalls teilweise Betäubungsmittel und andere Medikamente eine Rolle gespielt haben.

Klinikgruppe überarbeitet Schutzkonzept

Die Krankenhausgruppe, bei der der Arzt beschäftigt war, teilte mit, sie habe nach Bekanntwerden der Vorwürfe ihr Kinderschutzkonzept überarbeitet. Nach früheren Angaben des Unternehmens sei im Fall des angeklagten Kinderarztes das Vier-Augen-Prinzip nicht eingehalten worden. Dieses soll sicherstellen, dass ein Arzt ein Kind nicht allein untersucht, sondern eine weitere Person anwesend ist.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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