Erdbeben in Kolumbien: Kleine Städte kämpfen mit Verwüstung und knappen Mitteln
Wo sonst Besucher unterwegs sind, prägen nun Schuttberge das Bild: Eingestürzte Mauern, zerfetzte Dächer und zerstörte Hausfassaden liegen in den Straßen. Besonders hart getroffen hat das Erdbeben die Stadt Roldanillo im Südwesten Kolumbiens. Die rund 45.000 Einwohner zählende Gemeinde, die weit über die Landesgrenzen hinaus als Zentrum des Gleitschirmfliegens bekannt ist, wurde schwer beschädigt. Auch die etwa 150 Kilometer entfernte Millionenstadt Cali leidet unter den Folgen. Doch während dort große Rettungs- und Hilfsstrukturen aktiviert werden können, sind kleinere Orte vielerorts weitgehend auf sich gestellt.
Krankenhaus selbst schwer beschädigt
Die Folgen des Bebens treffen selbst die Einrichtungen, die eigentlich Verletzten helfen sollen. In Roldanillo ist nach Angaben vor Ort derzeit etwa 70 Prozent des örtlichen Krankenhauses unbenutzbar. Die Klinik versorgte normalerweise nicht nur die Stadt selbst, sondern auch mehrere umliegende Gemeinden.
Trotz der Schäden arbeitet das Krankenhaus mit den verbliebenen Möglichkeiten weiter. Die Notaufnahme, die Operationssäle und der Kreißsaal können weiterhin genutzt werden. Für stationäre Patienten wurde jedoch das Auditorium provisorisch umfunktioniert. Wie Sprecherin Manuela Hernández Vargas erklärte, würden derzeit nur besonders dringende Fälle stationär aufgenommen.
Auch für die Beschäftigten ist die Lage äußerst belastend. Einige Mitarbeiter haben durch das Beben ihre Wohnungen verloren, andere leben mit der Sorge vor weiteren Einstürzen. Die psychische Anspannung sei derzeit enorm, so Hernández Vargas.

Enorme Schäden in der Stadt
Nicht nur das Krankenhaus, auch große Teile der Stadt wurden verwüstet. Nach Angaben der Stadtverwaltung sind in Roldanillo etwa 300 Geschäfte zerstört worden. Damit könnten mindestens 1.500 Menschen ihre Arbeit verloren haben, sagt Luis Gerardo Castro Castañeda, der in der Gemeindeverwaltung für Kultur und Tourismus tätig ist.
Hilfslieferungen treffen zwar ein: Immer wieder kommen private Transporte mit Matratzen, Lebensmitteln und anderen Gütern in die betroffenen Orte. Doch vieles davon ist spontan organisiert und kurzfristig angelegt.
Für Castro Castañeda liegt das eigentliche Problem deshalb woanders: Arbeitsplätze. Häuser und Läden müssten wiederaufgebaut werden. Doch was geschehe in der Zwischenzeit mit den Menschen, die kein Einkommen mehr hätten? Genau darin sieht er die größere Herausforderung der kommenden Wochen.
Hinzu kommt der Mangel an Fachkräften. Es fehlt an Ingenieuren, Architekten, Feuerwehrleuten und Psychologen. Anders als in Cali, wo umfangreiche Hilfs- und Betreuungsstrukturen vorhanden sind, müssen kleinere Gemeinden oft darauf warten, dass Spezialisten aus anderen Orten kommen.
"Diese Zeiten sind schrecklich"
Der Einwohner Carlos Hugo Heraldo Serna hilft in Roldanillo dabei, Trümmer zu beseitigen und Nachbarn bei Reparaturen zu unterstützen. Dächer werden notdürftig geflickt, bewohnbare Häuser wieder halbwegs hergerichtet. Unterstützung aus der Umgebung gebe es zwar, sagt er, doch sie reiche bei weitem nicht aus. Seine Bilanz ist deutlich: "Diese Zeiten sind schrecklich."
Auch Laura Libreros steht vor dem Nichts. Ihr Geschäft für Make-up wurde durch das Erdbeben vollständig zerstört. Sie sei dankbar, überlebt zu haben, sagt sie. Gleichzeitig überwiegen Trauer und Verzweiflung über die verlorene Existenz, die investierte Arbeit und die vielen Menschen, die nun ohne Beschäftigung dastehen. In ihren Worten: "Hier sind viele Träume zerplatzt."
In Toro schlafen Menschen neben zerstörten Häusern
Einige Kilometer entfernt, in Toro, sind die Folgen des Bebens ebenfalls dramatisch. José Omar Duque hat sein Haus verloren und kann dort nicht mehr übernachten. Stattdessen verbringt er die Nächte in einem kleinen Abstellraum nebenan. "Hier habe ich Angst", sagt er.
Duque erlebte die Zerstörung direkt mit. Als das Beben einsetzte, stand er vor seinem Haus. Innerhalb von Sekunden stürzten Gebäude ein, er selbst wurde zu Boden gerissen. Später habe er geweint, erzählt er. In diesem Haus hatte er seine drei Kinder großgezogen.
Hilfe aus der Nachbarschaft
Auch in Toro kommt Unterstützung an, meist durch private Initiativen oder aus benachbarten Gemeinden. María Rocío Bedoya kocht dort seit Tagen für die Menschen im Ort. Sie bereitet Suppe, Reis, Kaffee und Brot zu – je nachdem, was gerade gebraucht wird. Einen Teil des Gases dafür hat sie aus eigener Tasche bezahlt. Manche bringen Lebensmittel vorbei, andere kommen, um eine warme Mahlzeit zu bekommen.
Diese Form der Solidarität trägt viele kleinere Orte in den ersten Tagen nach dem Erdbeben. Für den eigentlichen Wiederaufbau wird jedoch deutlich mehr nötig sein als spontane Hilfslieferungen. Häuser müssen repariert, Läden wieder eröffnet, Krankenhäuser instand gesetzt und neue Arbeitsmöglichkeiten geschaffen werden. Vor allem für kleinere Gemeinden wird sich wohl erst in den kommenden Wochen zeigen, wie viel Unterstützung tatsächlich bei ihnen ankommt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber