Ein 49 Jahre alter leitender Mitarbeiter eines Kinderheims in Wunsiedel ist nach Angaben des Polizeipräsidiums Oberfranken und der Staatsanwaltschaft Hof tot in seiner Zelle in der JVA Hof gefunden worden. Der Mann soll sich demnach einen Tag nach der Anklageerhebung wegen schweren sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung das Leben genommen haben. Hinweise auf eine Beteiligung Dritter gebe es nicht. Der Beschuldigte saß seit Anfang März in Untersuchungshaft und wurde am Dienstagabend bei einer Kontrolle entdeckt.
Schwere Vorwürfe in der Anklage
Die am Montag beim Landgericht Hof eingereichte Anklage war dem 49-Jährigen laut Staatsanwaltschaft noch nicht zugestellt worden. Ihm wurden mehrere Sexualdelikte zur Last gelegt, darunter mehrfacher schwerer sexueller Missbrauch und die Vergewaltigung eines Jungen. Außerdem ging es um den Besitz sowie die Herstellung kinderpornografischer Inhalte.
Zeitweise als suizidgefährdet eingestuft
Nach Angaben der Ermittler war der Mann zwischenzeitlich als suizidgefährdet eingestuft worden. In der Haftanstalt seien entsprechende Schutzmaßnahmen getroffen worden. Ein Fehlverhalten von Bediensteten der JVA sieht die Staatsanwaltschaft nach bisherigen Erkenntnissen nicht.
Taten sollen nicht im Heim passiert sein
Die mutmaßlichen Übergriffe sollen sich laut Ermittlern nicht im Kinderheim ereignet haben, sondern in der Wohnung des Verdächtigen in Hof. Die Mutter des Jungen, der zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Taten zwischen sieben und neun Jahre alt gewesen sein soll, hatte den Mann im Herbst 2025 angezeigt.
Der Beschuldigte arbeitete in leitender Funktion in dem Heim. Die ihm vorgeworfenen Taten sollen sich zwischen 2023 und 2025 abgespielt haben. Das betroffene Kind lebte bis September 2024 in der Einrichtung. Danach soll es laut Staatsanwaltschaft weiterhin private Kontakte zu dem 49-Jährigen gegeben haben.
Umfangreiche Auswertung von Beweismitteln
Bei Durchsuchungen im Dezember 2025 sowie Ende März 2026 an seiner Wohnadresse, seinem Arbeitsplatz und weiteren Orten stellten Ermittler zahlreiche Beweismittel sicher, darunter viele Datenträger.
Schon vor der Festnahme sollen mobile Geräte auf Werkseinstellungen zurückgesetzt worden sein. Nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft wurden in aufwendiger Ermittlungsarbeit tausende digitale Spuren ausgewertet und mehr als hundert Menschen befragt.
Die Ermittler entdeckten demnach eine vierstellige Zahl von Dateien mit kinder- und jugendpornografischem Inhalt. Bei einer dreistelligen Anzahl dieser Dateien bestand der Verdacht, dass der 49-Jährige sie selbst erstellt hatte.
Verteidiger kannte den Stand der Ermittlungen
Wie Oberstaatsanwalt Andreas Cantzler mitteilte, war der Verteidiger des Beschuldigten über das Ermittlungsergebnis informiert. Ob dieser die Informationen an seinen Mandanten weitergegeben hatte, sei nicht bekannt.
Das Kinderheim in Wunsiedel war bereits 2023 Ort eines schweren Verbrechens: Damals wurde dort ein zehnjähriges Mädchen sexuell missbraucht und getötet. Nach aktuellem Stand sehen die Ermittler jedoch keinen Zusammenhang zwischen jener Tat und dem Fall des 49-Jährigen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber