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Michel Foucault wird 100: Warum jetzt alle ihn lesen

Er warnte vor Überwachung, lange vor dem Digitalzeitalter: Warum Foucaults Ideen heute brisanter sind denn je.

15.10.2026, 05:00 Uhr

Man sieht ihn nicht direkt, und doch ist er allgegenwärtig: in der Kamera über dem Supermarktregal ebenso wie im Fitness-Tracker am Handgelenk. Diese unsichtbare Form des Beobachtens beschäftigte Michel Foucault, einen der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts, bereits lange vor dem digitalen Zeitalter.

Foucault wurde 1926 in Poitiers im Westen Frankreichs geboren und starb am 25. Juni 1984 in Paris im Alter von 57 Jahren an den Folgen einer HIV-Infektion. In seinen Arbeiten untersuchte er, wie Vorstellungen von Wahrheit, Normalität, Sexualität und Identität entstehen – und wie Macht den Alltag prägt.

Besonders bekannt wurde er mit dem Buch Überwachen und Strafen. Darin greift der französische Philosoph, Historiker und Literaturwissenschaftler das von Jeremy Bentham entworfene Modell des Panoptikums auf. In diesem Gefängnistyp sind die Zellen kreisförmig um einen zentralen Turm angeordnet. Die Gefangenen müssen jederzeit damit rechnen, beobachtet zu werden, ohne zu wissen, ob tatsächlich jemand hinsieht.

Zu Foucaults wichtigsten Veröffentlichungen zählen zudem Wahnsinn und Gesellschaft (1961), Überwachen und Strafen (1975) sowie die dreibändige Reihe Sexualität und Wahrheit (1976–1984).

Der unsichtbare Blick

Foucault fragte, was mit Menschen geschieht, wenn sie dauerhaft unter möglicher Beobachtung stehen. Und was passiert, wenn sie beginnen, sich selbst aus der Perspektive dieses unsichtbaren Blicks zu beurteilen? In Überwachen und Strafen beschreibt er darin ein Grundmuster moderner Machtausübung und Selbstdisziplin. Schon die Möglichkeit ständiger Kontrolle genügt demnach, damit Menschen ihr Verhalten selbst anpassen.

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Michel Foucaults Gedanken zu Überwachung und Kontrolle sind im digitalen Zeitalter aktueller denn je. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Dabei interessierte ihn weniger die Herrschaft einzelner Personen als die Art, wie Macht im Alltag wirkt – durch Institutionen, Wissen, Regeln und gesellschaftliche Normen.

Heute ist der zentrale Wachturm des Panoptikums weitgehend verschwunden, doch der kontrollierende Blick ist vielfältiger geworden. Kameras, digitale Plattformen, Rankings und Algorithmen erfassen Daten und bewerten Verhalten.

Der Foucault-Experte Frédéric Gros sieht darin eine deutliche Parallele zur digitalen Gegenwart. Der Mensch sei heute nicht mehr nur Ziel von Überwachung, sondern wirke selbst daran mit. Digitale Gesellschaften, so Gros in einem Interview, förderten Formen gegenseitiger Kontrolle.

Wenn der Körper zum Datenraum wird

Foucaults Überlegungen endeten jedoch nicht bei der Überwachung. Mit dem Begriff der Biopolitik beschrieb er eine Form moderner Macht, die nicht allein über Verbote oder Gesetze funktioniert, sondern das Leben selbst zum Gegenstand macht: Körper, Gesundheit, Sexualität, Fortpflanzung und Bevölkerung.

Heute zeigt sich diese Logik im Alltag vieler Menschen. Schritte werden gezählt, Schlafphasen gemessen, der Puls überwacht und der Zyklus dokumentiert. Menstruations- und Fruchtbarkeits-Apps verwandeln körperliche Abläufe in Daten und erzeugen daraus neues Wissen über den eigenen Körper. Forschende untersuchen deshalb, wie solche Anwendungen Vorstellungen von Gesundheit und Normalität beeinflussen.

Die Medienwissenschaftlerin Btihaj Ajana spricht in einer Studie zur digitalen Gesellschaft von einer „Biopolitik des Selbst“. Gemeint ist damit, dass der Körper immer stärker vermessen, überwacht und eigenständig gesteuert wird.

Wer legt fest, was normal ist?

In Wahnsinn und Gesellschaft setzte sich Foucault mit der Geschichte des Umgangs mit psychisch kranken Menschen auseinander. Er zeigte, dass die Trennung zwischen Vernunft und Wahnsinn nicht zeitlos ist, sondern von historischen Umständen und Institutionen geprägt wird. Was als normal gilt, ist demnach kein fixer Zustand, sondern gesellschaftlich hergestellt.

Daraus ergibt sich eine Frage, die weit über die Psychiatrie hinausreicht: Wer bestimmt eigentlich, was als normal angesehen wird?

Mut zur Wahrheit

Für den Soziologen Didier Fassin liegt Foucaults anhaltende Bedeutung weniger in einzelnen Schlagworten als in seiner Denkweise. In einem Interview mit Radio France hob Fassin hervor, wie wichtig es sei, scheinbar Selbstverständliches infrage zu stellen, die eigene Position kritisch zu prüfen und das eigene Denken weiterzuentwickeln.

Foucaults Idee vom „Mut zur Wahrheit“ bedeutet für Fassin mehr, als nur offen auszusprechen, was man für wahr hält. Es gehe auch darum, für das Gesagte ein Risiko in Kauf zu nehmen. Gerade in Zeiten von Polarisierung und festen Gewissheiten wirkt diese Haltung bemerkenswert aktuell.

Ein umstrittenes Erbe

Anlässlich seines 100. Geburtstags wird Foucault nicht nur als scharfer Analytiker von Macht und Normen gewürdigt, sondern auch kritisch neu bewertet. 2021 erhob der Essayist Guy Sorman den Vorwurf, Foucault habe während eines Aufenthalts in Tunesien Ende der 1960er Jahre sexuelle Kontakte zu Minderjährigen gehabt.

Juristisch belegt sind diese Anschuldigungen nicht. Zugleich wird Foucaults Unterstützung für die Abschaffung von Altersgrenzen bei sexueller Selbstbestimmung in den 1970er Jahren heute im Licht aktueller Debatten über Missbrauch, Einwilligung und Machtverhältnisse neu betrachtet. Auch daran zeigt sich, wie sehr sich die Maßstäbe verändert haben, mit denen sein Werk gelesen und beurteilt wird.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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