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Kommt jetzt überall Tempo 30? Unfallforscher schlagen Alarm und fordern neue Regel für alle Städte

Jedes Jahr verlieren fast 400 Fußgänger im Straßenverkehr ihr Leben – oft genau dann, wenn sie nur die Straße überqueren wollen. Warum Fachleute jetzt vor allem auf ein Tempolimit für Autos drängen, könnte viele überraschen.

23.04.2026, 13:42 Uhr

Unfallforscher plädieren innerorts für Tempo 30 als Standard

Um Fußgängerinnen und Fußgänger besser vor tödlichen oder schweren Verletzungen bei Kollisionen mit Autos zu schützen, sprechen sich Unfallforscher für Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Städten und Gemeinden aus. Nach einer Auswertung von mehr als 1.700 polizeilichen Unfallberichten durch Fachleute der Björn Steiger Stiftung könnte eine entsprechende Anpassung der Straßenverkehrsordnung Menschenleben retten.

Bei der Vorstellung der Analyse in Münster wurde die Gefahr auch praktisch demonstriert: Bei einem Crashtest auf einem Testgelände erfasste ein Auto mit Tempo 40 einen Dummy frontal auf einem Zebrastreifen. Die Windschutzscheibe splitterte, die Puppe wurde über die Motorhaube geschleudert. Aus Sicht von Unfallforscher Siegfried Brockmann hätte ein Mensch einen solchen Aufprall wohl nicht überlebt.

Stiftung fordert neue Prioritäten bei Tempolimits

Brockmann betonte, dass schon 20 km/h weniger entscheidend sein könnten. Es gehe nicht darum, überall ausnahmslos Tempo 30 einzuführen. Stattdessen fordert er eine Umkehr von Regel und Ausnahme: Innerorts soll grundsätzlich Tempo 30 gelten, während Tempo 50 nur noch auf geeigneten Hauptverkehrsstraßen erlaubt sein sollte.

Nach Ansicht der Forscher ist es unter der aktuellen Rechtslage für Planer oft schwierig, niedrigere Geschwindigkeiten anzuordnen. Gleichzeitig seien häufig wechselnde Tempovorgaben für Autofahrer oft schwer nachvollziehbar.

Warum weniger Tempo einen großen Unterschied macht

Nach Darstellung Brockmanns können 20 Stundenkilometer den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten. Der Grund liegt unter anderem im längeren Reaktionsweg: Bei Tempo 50 bleibt Autofahrern oft nicht mehr genug Strecke, um rechtzeitig zu bremsen, wenn plötzlich ein Mensch auf die Fahrbahn tritt. Bei Tempo 30 könne das Fahrzeug in vielen Fällen noch rechtzeitig zum Stillstand kommen. Brockmann bezeichnete das als eine lebensrettende Maßnahme erster Ordnung.

Besonders gefährlich ist das Überqueren der Straße

Für die Untersuchung wertete das Team Unfallberichte aus den Jahren 2021 bis 2024 aus. Ein zentrales Ergebnis: Besonders häufig werden Fußgänger schwer verletzt oder getötet, wenn sie eine Fahrbahn abseits von Kreuzungen überqueren.

Der sogenannte Überschreiten-Unfall macht laut Analyse mit 60 Prozent den größten Teil aller Autounfälle mit Fußgängerbeteiligung aus. Danach folgen Abbiegeunfälle mit 29 Prozent. Der Großteil der schweren Kollisionen beim Queren der Straße ereigne sich auf Abschnitten mit Tempo 50, erklärte Brockmann.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamts war im Jahr 2024 rund jeder dritte Verkehrstote innerorts ein Fußgänger.

Kinder und Senioren sind besonders gefährdet

Besonders oft sind sehr junge und sehr alte Menschen in schwere Unfälle mit Autos verwickelt. Laut den ausgewerteten Polizeiberichten werden ältere Menschen häufig von Autofahrern übersehen. Kinder treten dagegen oft hinter Sichthindernissen wie geparkten Autos hervor oder laufen für Fahrer unerwartet auf die Straße. Brockmann mahnte deshalb, Eltern müssten gerade kleine Kinder im Straßenverkehr besonders gut im Blick behalten.

Bei den tödlichen Überschreiten-Unfällen innerorts waren 62 Prozent der getöteten Fußgänger älter als 75 Jahre. Ein möglicher Grund: Hochbetagte queren Straßen laut Brockmann häufig dort, wo sie gerade sind, statt erst einen weiter entfernten Überweg anzusteuern. Zudem seien sie bei einem Aufprall körperlich verletzlicher als Jüngere.

Auch Überwege können Risiken bergen

Die Analyse zeigt außerdem, dass selbst Querungshilfen problematisch sein können. Jeder vierte schwere Unfall beim Überqueren der Straße passierte an einem Überweg – also etwa an Zebrastreifen, Fußgängerampeln oder ähnlichen Anlagen.

Zugleich stellten die Forscher bei drei Vierteln dieser Anlagen Mängel fest. Genannt werden unter anderem schlechte Sicht durch Buschwerk, parkende Autos, verblasste Markierungen oder fehlende Schilder. Brockmann warnte, solche Übergänge könnten eine Scheinsicherheit vermitteln und seien in dieser Form nicht akzeptabel.

Gleichzeitig plädiert er dafür, an Orten mit viel Fußgängerverkehr grundsätzlich mehr Querungshilfen zu schaffen – allerdings nur dann, wenn diese auch sicher geplant und gut erkennbar sind.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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