Erste persönliche Einlassung der Angeklagten in Rostock
Im Prozess um den Tod des achtjährigen Fabian hat sich die wegen Mordes angeklagte 30-Jährige vor dem Landgericht Rostock erstmals ausführlich selbst geäußert. Seit Prozessbeginn am 28. April hatte sie geschwiegen. Nun verlas sie an ihrem 22. Verhandlungstag eine 95 Seiten lange Erklärung und wies die Tatvorwürfe entschieden zurück.
Die Frau wirkte dabei nach Beobachtern sichtlich angespannt. In einer Hand hielt sie ununterbrochen eine kleine Silberkugel, in der anderen ein Taschentuch. Die Verlesung dauerte mit mehreren Unterbrechungen mehr als vier Stunden. Vorsitzender Richter Holger Schütt legte wiederholt Pausen ein, auch weil die Angeklagte zwischenzeitlich in Tränen ausbrach.
Zum Ende ihrer Erklärung sagte sie: „Fabian hat mir nie etwas getan, und ich hätte ihm auch nie etwas antun können. Hätte ich ihn ermordet, hätte ich mit Sicherheit das Gefühl gehabt, mein eigenes Kind zu töten.“ Fragen beantwortete sie an diesem Tag nicht. Ihr Verteidiger Thomas Löcker erklärte, der Verhandlungstag sei für sie sehr belastend gewesen.
Angeklagte: Fundort erst am 13. Oktober gesehen
In ihrer Einlassung bestritt die 30-Jährige, Fabian getötet zu haben. Nach ihrer Darstellung habe sie den Jungen am 10. Oktober 2025 nicht getroffen. Den Leichnam habe sie erst am Abend des 13. Oktober an einem Tümpel bei Klein Upahl im Landkreis Rostock entdeckt.
Zeugen hatten im Prozess ausgesagt, die Frau am 10. Oktober mit ihrem auffälligen Pick-up auf einem Feldweg nahe des späteren Fundortes gesehen zu haben. Die Angeklagte räumte ein, am Tattag in Güstrow und auch in der Nähe von Klein Upahl spazieren gewesen zu sein. Wäre sie tatsächlich die Täterin, wäre sie „nicht so dumm gewesen“ und an Zeugen vorbeigefahren, sagte sie.
Außerdem erklärte sie, am 13. Oktober zweimal mit zwei verschiedenen Freunden am Fundort gewesen zu sein. Beide hätten ihr eindringlich davon abgeraten, sofort die Polizei zu benachrichtigen. Den Fund meldete sie erst am 14. Oktober.
Beziehung zu Fabians Vater im Mittelpunkt
In ihrer Erklärung schilderte die Angeklagte auch ausführlich ihre Beziehung zu Fabians Vater, mit dem sie nach ihren Angaben über mehr als vier Jahre eine On-off-Beziehung geführt habe und inzwischen wieder zusammen sei. Über den Beginn der Partnerschaft sagte sie: „Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Anfangs sei die Beziehung harmonisch gewesen, auch im Umgang mit Fabian. Sie sei schnell mit dem Vater zusammengezogen.
Nach ihren Worten sei ihr früh klar gewesen, dass Vater und Sohn „nur im Doppelpack“ zu haben seien. „Fabian war wie ein Ziehsohn für mich“, sagte sie. Sie habe nie den Eindruck gehabt, dass Fabians Vater sie verdächtige.
Später habe es jedoch immer wieder Spannungen gegeben. Als besonders belastend schilderte sie eine ungeplante Schwangerschaft, die sie abgebrochen habe. Die Entscheidung sei gemeinsam getroffen worden, danach habe sie sich aber alleingelassen gefühlt und unter Depressionen gelitten. Zudem berichtete sie von körperlicher Gewalt in der Beziehung und von häufigem Alkoholkonsum des Mannes.
„Nie eifersüchtig auf Fabian“
Die Angeklagte räumte zugleich eigene Eifersuchtsanfälle und Kontrollzwänge ein. Bereits an einem früheren Prozesstag hatte ein Psychotherapeut berichtet, bei ihr liege eine Persönlichkeitsstörung mit Borderline-Symptomatik vor.
Ihre Beziehung zu Fabian beschrieb die 30-Jährige als gut. Sie habe sich in dem Jungen oft selbst wiedererkannt, weil auch er wie sie ein Außenseiter gewesen sei. „Auch wenn es immer wieder behauptet wird, war ich nie eifersüchtig auf Fabian“, sagte sie. Er habe ihrer Beziehung zu seinem Vater nicht im Weg gestanden.
Auch ihr eigener, etwa gleichaltriger Sohn und Fabian hätten sich nach ihren Worten gut verstanden. Im August 2025 hätten sie zu dritt noch einen Ausflug an einen Badesee gemacht. Dort habe sich Fabian leicht am Fuß verletzt. Sie habe die kleine Wunde mit einem Pflaster versorgt und mit einer Küchenrolle abgetupft. Diese Küchenrolle mit dem Blut des Kindes fanden Ermittler später in der hinteren Tür ihres Autos und führten sie im Prozess als Beweismittel ein.
Staatsanwaltschaft geht von gezielter Tötung aus
Die Staatsanwaltschaft wirft der Frau vor, Fabian am 10. Oktober 2025 aus seiner Wohnung in Güstrow gelockt und mit einem Auto zu einem Teich bei Klein Upahl, rund 15 Kilometer südlich der Stadt, gebracht zu haben. Dort soll sie den Jungen mit einem Messer getötet und den Leichnam anschließend in Brand gesetzt haben. Nach Auffassung der Anklage handelte sie bewusst. Das vermutete Motiv soll mit ihrer Beziehung zu Fabians Vater und dem zwischenzeitlichen Ende dieser Partnerschaft zusammenhängen.
Schon vor ihrer jetzigen Einlassung war die Stimme der Angeklagten im Verfahren mehrfach zu hören gewesen, obwohl sie selbst geschwiegen hatte. Die Kammer spielte unter anderem Sprachnachrichten, überwachte Telefonate und Videoaufnahmen aus der JVA ab. Dort sitzt die 30-Jährige seit dem 7. November des vergangenen Jahres in Untersuchungshaft. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt für sie die Unschuldsvermutung.
Großes Interesse am Prozess – Warteschlange ab 4.00 Uhr
Der Verhandlungstag stieß erneut auf großes öffentliches Interesse. Die ersten Zuschauer stellten sich bereits gegen 4.00 Uhr morgens vor dem Landgericht an. Trotzdem erhielten längst nicht alle Interessierten einen Platz im Saal 2.002. Dort standen rund 100 Plätze für Besucher und 50 Plätze für Medienvertreter zur Verfügung.
Der Prozess wird seit Beginn von erhöhten Sicherheitsvorkehrungen begleitet. Besucher und Journalisten müssen vor dem Zutritt Sicherheitsschleusen passieren.
Mutter des Jungen als Nebenklägerin im Saal
Fabians Mutter nimmt von Beginn an gemeinsam mit ihrer Anwältin Christine Habetha als Nebenklägerin an dem Verfahren teil. Sie war am 30. April die erste Zeugin und schilderte, wie sie den Tag des Verschwindens ihres Sohnes und die Zeit danach erlebt hatte.
Fabian war am Freitag, dem 10. Oktober, nicht zur Schule gegangen, weil er sich krank fühlte. Seine Mutter fuhr zur Arbeit und kehrte später direkt in die Wohnung zurück, wo sie ihren Sohn gegen 15.30 Uhr nicht vorfand. Nachdem sie zunächst mit Freunden vergeblich nach „Fabi“ gesucht hatte, meldete sie ihn am Abend als vermisst. Vier Tage später wurde der Junge nach einer intensiven Suche tot gefunden.
Zahlreiche Zeugen und Gutachten – Urteil weiter im September möglich
In dem seit dem 28. April laufenden Indizienprozess wurden bereits Dutzende Zeugen gehört und zahlreiche Gutachten vorgelegt. Das Interesse an dem Verfahren ist weiterhin ungebrochen. Als letzter Verhandlungstag ist bislang der 10. September terminiert. Dann könnte auch das Urteil gesprochen werden, ob der Zeitplan gehalten werden kann, ist aber noch offen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber