Hoffnung und banges Warten zwischen Trümmern in Cali
Cali im Südwesten Kolumbiens ist normalerweise laut, dicht und rastlos. Doch nach dem schweren Erdbeben liegen vor allem Trauer und Verzweiflung über der Stadt – neben einer zähen Hoffnung. Rund um die Trümmer eines eingestürzten Gebäudes stehen Rettungskräfte, Freiwillige und Anwohner dicht gedrängt. Immer wieder hallen Rufe und Anweisungen durch die Straße. Dann hebt plötzlich jemand die Hand, eine Helferin hält ein Schild hoch, das um Ruhe bittet. Sofort verstummt alles. Kein Rufen, kein Motorengeräusch, kein Gespräch. Hunderte Blicke richten sich auf denselben Schutthaufen.
Unter den Resten eines eingestürzten achtstöckigen Wohnhauses wird ein Überlebender vermutet. Die Einsatzkräfte versuchen vorsichtig, zu der verschütteten Person vorzudringen. Jedes Geräusch könnte jetzt entscheidend sein – vielleicht hört der Mensch unter den Trümmern die Retter, vielleicht kann er sich noch bemerkbar machen.
Der dritte Tag ist entscheidend
Es ist der dritte Tag nach dem Beben – und damit eine besonders kritische Phase für die Suche. Nach etwa 72 Stunden sinken die Chancen deutlich, Verschüttete lebend zu bergen. Trotzdem spricht hier niemand vom Aufgeben.
„Die Hoffnung ist das Letzte, was verloren geht“
„Die Hoffnung ist das Letzte, was verloren geht“, sagt Pastor Jaime Mera der Deutschen Presse-Agentur. Nur wenige Meter von der Unglücksstelle entfernt hat seine christliche Gemeinde einen Pavillon als Gebetsort aufgebaut. Dort gibt es Wasser und Essen, zugleich finden Menschen dort einen Platz, die nicht wissen, ob ihre Angehörigen noch leben.
Meras eigene Familie ist vergleichsweise glimpflich davongekommen. Gerade deshalb fühlt er sich verpflichtet, anderen beizustehen. Der Wunsch, zu dienen und zu helfen, trage man immer im Herzen, sagt er.
Wer durch Cali fährt, erkennt das Ausmaß der Katastrophe zunächst nicht überall sofort. Erst im Süden der Stadt ändert sich das Bild drastisch: beschädigte Fassaden, eingestürzte Häuser, zerstörte Straßenzüge. Helfer verweisen darauf, dass dieser Teil der Stadt auf einer geologischen Bruchzone liegt. Hinzu komme, dass viele Gebäude älter seien und noch vor heutigen Erdbebenvorschriften errichtet wurden.
An einer der besonders schwer betroffenen Stellen drängen sich Feuerwehrleute, freiwillige Helfer, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Menschen aus der Nachbarschaft. Viele warten verzweifelt auf Nachrichten über Vermisste.
Alle warten auf ein Zeichen
Zwischendurch kommt eine neue Anweisung: Alle sollen sich auf den Boden setzen. In der Ferne habe es möglicherweise ein Nachbeben gegeben, das auch hier spürbar sein könnte. Die Menschen gehen in die Hocke oder setzen sich hin und warten angespannt. Doch diesmal bleibt die Erde ruhig.
Auch Mobiltelefone sollen in den Flugmodus geschaltet werden. Die Sorge: Funksignale könnten empfindliche Ortungsgeräte stören und leise Hilferufe unter den Trümmern überlagern.
Unter den Freiwilligen ist auch der 22-jährige Alejandro Ortiz. Für ihn ist der Einsatz nicht anonym: Er kennt mehrere Menschen, die in dem eingestürzten Haus gewohnt haben. Seit Montag kommt er immer wieder an die Unglücksstelle. Inzwischen habe er erfahren, dass einer seiner Bekannten gestorben sei, erzählt er mit glasigen Augen. Trotzdem hilft er weiter beim Räumen des Schutts.
„Es ist eine moralische Verpflichtung“, sagt Ortiz. Gleichgültigkeit komme für ihn in dieser Lage nicht infrage. Er wolle bleiben, solange seine Hilfe gebraucht werde – bis die letzten Menschen aus den Trümmern geholt seien.
Helfen, solange noch Hoffnung besteht
Auch Fernando Acosta ist seit dem Beben vom Montag im Einsatz. Eigentlich arbeitet er in einer Firma für Klimaanlagen. Als die Erde zu beben begann, meldete er sich jedoch bei der Zivilverteidigung. Seitdem unterstützt er an wechselnden Einsatzorten die Rettungsarbeiten, schläft kaum und sucht mit anderen nach Verschütteten.
Gerade diese letzten Stunden seien nun die wichtigsten und kritischsten, sagt Acosta. Er weiß aus eigener Erfahrung, dass Rettungen noch möglich sind: In einem anderen Einsatzbereich konnten nach dem Erdbeben zwei Menschen lebend geborgen werden. Nun hofft er auf weitere solche Momente. Es gebe immer wieder Fälle, in denen Menschen deutlich länger überlebt hätten, sagt er. Manchmal wirke das fast wie ein Wunder.
Während einige weiter nach Überlebenden suchen, kümmern sich andere um die Menschen, die ausharren oder mithelfen. Einer von ihnen ist Diego Rivera. Gemeinsam mit seiner Gemeinde und der Hilfsorganisation ADRA verteilt er Essen und Getränke an Helfer, Einsatzkräfte und Anwohner.
Mehr als 200 Mittagessen seien an diesem Tag bereits ausgegeben worden, berichtet Rivera. Doch es gehe nicht nur um Versorgung. Viele Menschen kämen völlig verstört zu ihnen, nachdem sie Tote oder Schwerverletzte gesehen hätten. Sie brächten Erschütterung, Schmerz und Angst mit. Man versuche, ihnen wenigstens ein wenig Ruhe zu geben, sagt er.
Bange Stunden nach dem stärksten Beben seit Jahrzehnten
Die Rettungsarbeiten laufen ununterbrochen weiter. Nach dem Erdbeben der Stärke 7,4 kamen nach bisherigen Angaben mindestens 273 Menschen ums Leben, mehr als 3.800 wurden verletzt. Offiziell gelten 377 Personen als vermisst. In einer inoffiziellen Datenbank suchen Angehörige allerdings nach rund 4.200 Vermissten. Zu den besonders schwer betroffenen Städten zählen Cali, Pereira und Manizales. Es ist das schwerste Erdbeben in Kolumbien seit Jahrzehnten.
Im Süden Calis wird weiter in den Trümmern gesucht. Dann plötzlich Jubel: Unter einem Schuttberg sei ein Mensch entdeckt worden, heißt es. Doch eine Bergung gelingt zunächst nicht. Ein Feuerwehrmann bestätigt, dass die Einsatzkräfte weiter alles daransetzen, zu der verschütteten Person vorzudringen.
Kurz darauf kehrt erneut Stille ein. In Cali beginnt ein weiteres Warten – nervenaufreibend, hoffnungsvoll und voller Angst – am dritten und vielleicht entscheidenden Tag nach der Katastrophe.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber