Gestrandeter Buckelwal vor Poel: Schlepper übernimmt Transportkahn – Fahrt Richtung Nordsee gestartet
Im Rettungseinsatz für den seit Wochen vor der Insel Poel festsitzenden Buckelwal ist ein weiterer wichtiger Schritt geschafft: Nachdem das Tier in den für den Transport vorgesehenen Lastkahn gebracht worden war, hat ein Schlepper die Barge übernommen. Damit hat die geplante Verbringung des Wals in Richtung Nordsee begonnen.
Auf Livestreams war zu sehen, wie der mit Wasser gefüllte, motorlose Lastkahn zunächst von kleineren Booten aus der Kirchsee bei Poel in die Wismarbucht gezogen wurde. Dort nahm der Schlepper „Robin Hood“ die Barge auf den Haken. Nach Angaben von Vertretern der privaten Rettungsaktion wird der Schleppverband von einem weiteren Schiff begleitet.
Zuvor hatten Helfer den Meeressäuger in einer stundenlangen Aktion mit Gurten durch eine eigens ausgebaggerte, rund 100 Meter lange Rinne zu dem abgesenkten Kahn gezogen. Gegen 14.45 Uhr befand sich der etwa zwölf Meter lange und rund zwölf Tonnen schwere Buckelwal schließlich in der Barge. Danach wurde ein Netz aufgespannt, damit das Tier nicht wieder hinausschwimmt.
Unter den Einsatzkräften brachen anschließend Jubel und große Erleichterung aus. Im Hafen von Kirchdorf fielen sich Helfer der privaten Rettungsinitiative in die Arme, teils flossen nach Wochen der Anspannung Tränen. Auch Schaulustige begrüßten die Rückkehr der Boote mit Applaus. „Die Hoffnung haben wir nie aufgegeben“, sagte eine Beobachterin.
Einsatz in der flachen Bucht vor Wismar
Am Vormittag waren Helfer im Hafen von Kirchdorf in Boote gestiegen und zu dem Wal in der flachen Bucht vor Wismar gefahren. Dort legten sie dem Tier Gurte an, um es zur bereitliegenden Barge zu führen. Zunächst verlief die Aktion mühsam, später bewegte sich der Wal jedoch zügiger in Richtung des Kahns.
Die Barge dient als eine Art transportables Schwimmbecken, in dem normalerweise Schiffe befördert werden. In diesem Wasserbecken soll der Buckelwal auf einer mehrtägigen Reise über mehrere Hundert Kilometer in Richtung Nordsee gebracht werden.
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus zeigte sich nach dem Erfolg sichtlich bewegt. Ihm falle „wirklich ein Stein vom Herzen“, sagte der SPD-Politiker im Hafen. Er sei sogar kurz davor gewesen, selbst ins Wasser zu springen, um auf den letzten Metern mitzuhelfen. Später berichtete er, dass er auf dem Schiff, von dem aus er die Aktion beobachtete, geweint habe.
Route Richtung Nordsee noch nicht endgültig klar
Welche Strecke der Schleppverband nun genau nehmen wird, war zunächst offen. Frühere Überlegungen sahen einen Kurs entlang der dänischen Küste in Richtung Skagerrak vor. Möglich wäre nach den bisherigen Planungen aber auch eine Route durch den Nord-Ostsee-Kanal in die Deutsche Bucht.
Veterinärmediziner sollen den Wal während der mehrtägigen Fahrt begleiten. Offen bleibt dennoch, ob das Tier den Transport überlebt und ob es später in der Nordsee oder im Atlantik dauerhaft lebensfähig sein wird.
Behörden gaben grünes Licht für das Manöver
Backhaus hatte zuvor grünes Licht für das Vorgehen mit den Gurten gegeben. Zugleich betonte er, dass es sich um ein Wildtier handle, dessen Reaktionen auf das System nicht sicher vorhersehbar seien.
Die an der privaten Rettungsinitiative beteiligten Tierärzte halten den Wal nach Angaben des Ministeriums für transportfähig. Sein Zustand sei ihrer Einschätzung nach gut, die Atmung tief und ohne auffällige oder krankhafte Geräusche. Backhaus verteidigte diese Einschätzung und verwies darauf, dass die beteiligten Fachleute direkt und fortlaufend am Tier gewesen seien.
Zweifel unter Fachleuten bleiben groß
Unabhängige Experten beurteilen die Lage dagegen weiterhin deutlich kritischer. Das Deutsche Meeresmuseum hatte erneut erklärt, der Allgemeinzustand des Buckelwals habe sich weiter verschlechtert, die Chancen auf eine erfolgreiche Lebendbergung seien sehr gering. Zudem berge der mehrtägige Transport erhebliche Verletzungsrisiken. Dabei verweisen die Forscher auch auf ähnliche Einschätzungen unter anderem der International Whaling Commission und von British Divers Marine Life Rescue.
Auch die Wal- und Delfin-Schutzorganisation WDC warnte vor den Folgen des Transports. Wale seien in freier Natur nicht an Situationen gewöhnt, in denen sie eingesperrt sind. Die ungewohnte Lage könne zusätzlichen Stress, Angst oder Panik auslösen, zumal das Tier seinem natürlichen Fluchtinstinkt nicht folgen könne.
Nach Einschätzung der Organisation ist zudem denkbar, dass der Wal in eine sogenannte Fangmyopathie gerät – eine Art Schockstarre, bei der sich Muskeln verkrampfen. Ebenso könne es sein, dass das Tier bereits so geschwächt ist, dass es kaum noch deutliche Reaktionen zeigt. Dann könne fälschlicherweise der Eindruck entstehen, es mache den Einsatz freiwillig mit.
Wal sitzt seit Ende März in der Bucht fest
Der Buckelwal steckt seit dem 31. März in der Bucht vor Poel fest. Schon zuvor war das Tier mehrfach in flachem Küstenwasser gestrandet, konnte sich zwischenzeitlich aber immer wieder selbst befreien.
Behördenangaben zufolge war der Meeressäuger bereits Anfang März in Küstennähe unterwegs und zunächst im Hafen von Wismar gesichtet worden. In der Nacht zum 23. März strandete er auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand in Schleswig-Holstein. Damals gelang es dem Wal, über eine ausgehobene Rinne wieder aus dem flachen Wasser zu kommen. Statt anschließend Kurs auf das offene Meer und nach Norden zu nehmen, kehrte er jedoch später wieder in die Region Wismar zurück.
Anschließend gelangte das Tier in die flache Kirchsee bei Poel. Dort strandete es erneut, schwamm sich zunächst frei, saß aber wenige Stunden später am Ausgang der Bucht wieder fest.
Früheres Rettungskonzept war gescheitert
Das nun umgesetzte Vorgehen ersetzt einen früheren Plan, der nicht realisiert werden konnte und schließlich verworfen wurde. Backhaus hatte Mitte April trotz deutlicher Warnungen aus der Wissenschaft entschieden, die Bemühungen der privaten Initiative zu dulden. Finanziert wird diese unter anderem von Unternehmerin Karin Walter-Mommert sowie Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz.
Wissenschaftler hatten zuletzt vermutet, dass der Wal immer wieder flache Gewässer aufsuchte, weil er geschwächt war und sich ausruhen wollte.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion