Sinner bricht in Paris ein und braucht Pause – Zverev nun Topfavorit und „der Gejagte“
Die French Open haben schon in der zweiten Runde ihre bislang größte Überraschung erlebt: Topfavorit Jannik Sinner ist nach einem dramatischen körperlichen Einbruch ausgeschieden. Der 24 Jahre alte Italiener verlor gegen den Argentinier Juan Manuel Cerundolo trotz klarer Führung mit 6:3, 6:2, 5:7, 1:6, 1:6.
Besonders bitter: Sinner hatte im dritten Satz bereits 5:1 geführt, ehe sein Körper streikte. Danach gewann der Weltranglistenerste nur noch zwei Spiele. Völlig erschöpft schleppte er sich nach dem Match zum Netz, gratulierte Cerundolo fair und winkte noch einmal ins Publikum.
Auch eine Stunde später war Sinner noch sichtlich gezeichnet, als er zur Pressekonferenz erschien. Mental wirkte er etwas gefasster, körperlich aber weiter erschöpft. „Ich hatte keine Energie. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich mich das letzte Mal so schwach gefühlt habe. Aber es ist, was es ist. Das ist der Sport“, sagte der Italiener.
Cerundolo zeigte sich nach dem Coup mitfühlend. Es sei hart für Sinner, sagte der Argentinier, und er hoffe, dass sich der Italiener schnell erhole.
Für Alexander Zverev verbessert dieses Aus die Perspektiven im Kampf um den Titel deutlich. Sinner galt als größter Rivale des Deutschen und hatte Zverev in direkten Duellen zuletzt neunmal nacheinander geschlagen. Zverev selbst war bereits am Mittwochabend mit einem souveränen Dreisatzsieg gegen den Tschechen Tomas Machac in die dritte Runde eingezogen.
„Für jeden ein Schock“
Nach Sinners Aus wurden auch die Einschätzungen zur Favoritenrolle neu sortiert. Ex-Bundestrainerin Barbara Rittner sprach bei Eurosport von einem Schock für alle Beteiligten und bezeichnete Zverev nun als den absoluten Topfavoriten. Ex-Profi Philipp Kohlschreiber mahnte jedoch, dass auf dem Weg zum Titel noch genügend Stolpersteine warteten.
Zverev jetzt der Gejagte
Als nächster Gegner wartet am Freitagabend (20.15 Uhr/Eurosport) der Franzose Quentin Halys. Auf dem Papier ist es eine lösbare Aufgabe, in der Zverev sein leicht verändertes Spiel weiter schärfen kann.
Der Olympiasieger von 2021 hatte zuletzt erklärt, dass er sein Spiel etwas anpassen müsse. Mutiger und variabler will er auftreten – und genau das zeigte er bislang auch bei seinen beiden satzverlustfreien Auftritten in Paris.
„Bis jetzt funktioniert es“, sagte Zverev. „Wir werden sehen, wie die nächsten zehn Tage werden.“ Dass Sinner nun nicht mehr im Turnier ist, dürfte an dieser Herangehensweise nichts ändern. Boris Becker zeigte sich von „Zverev 2.0“ begeistert: Besonders die Kreativität, Stopps und die Art des Spiels gefielen ihm. Für Becker ist das aktuell der beste Zverev. Mit Sinners Aus ist der Deutsche nun plötzlich selbst der Gejagte.
Hitzeschlacht mit dramatischer Wende
Auf dem Court Philippe Chatrier sah zunächst alles nach einem schnellen Erfolg Sinners aus. Doch bei rund 30 Grad und intensiver Sonne bekam der Italiener immer größere körperliche Probleme. Er humpelte, dehnte sich, massierte auf der Bank sein linkes Bein und lehnte sich nach Ballwechseln erschöpft an die Bande.
Kohlschreiber kommentierte während der Partie, Sinner bewege sich kaum noch und müsse sich in einem extrem schlechten Zustand befinden.
Sinner fühlte sich „sehr schwindelig“
Sinner wurde von Krämpfen und Schwindelgefühlen geplagt. Beim Stand von 5:4 und 0:40 im dritten Satz, nachdem er 15 Punkte in Serie verloren hatte, beantragte er eine medizinische Auszeit. Dabei sagte er einem Physiotherapeuten, ihm sei „sehr schwindelig“. Der Schiedsrichterin erklärte er zudem, er fühle sich dehydriert und müsse sich übergeben.
Mit etwas Abstand sagte Sinner später, dass viele Dinge zu diesem Einbruch geführt hätten, ohne dabei konkrete Ursachen zu nennen.
Medizinische Pause ohne Wirkung
Auch nach der Behandlung besserte sich sein Zustand kaum. Sinner verlor den dritten Satz fast ohne Gegenwehr und verließ danach erneut den Platz zu einer Kabinenpause. Nach seiner Rückkehr bewegte er sich zwar etwas besser, wirkte aber weiterhin stark angeschlagen.
Teilweise kauerte er im Schatten, musste sich beinahe übergeben, stützte sich immer wieder auf seinen Schläger und rang sichtbar nach Luft. Kohlschreiber sprach davon, dass es richtig bitter sei, wie sich Sinner seit langer Zeit nur noch über den Platz schleppe und quäle.
Der Favorit versuchte, die Ballwechsel möglichst kurz zu halten und spielte phasenweise fast nur noch aus dem Stand. Cerundolo nutzte die Situation clever, streute viele Stopps ein und variierte mit viel Spin. Nach 3:36 Stunden war die bislang größte Überraschung des Turniers perfekt.
Erste Niederlage nach 30 Siegen
Für Sinner war es die erste Niederlage nach zuvor 30 Siegen in Serie. Schon vor dem Match hatte Boris Becker mit Blick auf die Bedingungen gewarnt. Bei großer Hitze habe Sinner oft Probleme, sagte Becker und bemerkte mit einem Augenzwinkern: „Wir Rothaarigen tun uns bei großer Hitze schwer.“ Das Wetter sei für den Italiener sein „größter Gegner“.
Becker sollte recht behalten. Bei ähnlichen Bedingungen hatte Sinner zuletzt schon mehrfach körperliche Schwierigkeiten.
Sinner kündigt Pause zur Erholung an
Nach dem Aus machte Sinner deutlich, dass er nun dringend Regeneration braucht. In den vergangenen Wochen habe er ein sehr intensives Wettkampfprogramm absolviert. „Ich habe jetzt viel Zeit zum Erholen“, sagte der Weltranglistenerste. „Ich brauche jetzt wirklich ein bisschen Auszeit, um mich auch mental komplett zu erholen.“
Dass Sinner bei einem Grand-Slam-Turnier schon in der zweiten Runde scheitert, ist selten. Zuletzt war ihm das vor drei Jahren ebenfalls in Paris passiert – damals gegen den deutschen Profi Daniel Altmaier.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion