Bayern

Narben bleiben – doch sie brechen uns nicht

Urlaub in Deutschland, dann der Horror im Zug: Zehn Jahre nach dem Würzburger Axt-Anschlag leiden die Opfer weiter.

12.07.2026, 04:00 Uhr

Zehn Jahre nach dem Würzburger Zuganschlag: Opfer sprechen von bleibenden Folgen

Zehn Jahre nach dem islamistisch motivierten Angriff auf eine Touristenfamilie in einem Regionalzug bei Würzburg sind die Erinnerungen für die Betroffenen weiterhin sehr lebendig. Besonders rund um den Jahrestag am 18. Juli seien die Folgen spürbar, erklärte eine heute 36-jährige Frau, die inzwischen mit ihrem Ehemann in Hongkong lebt.

Sie und ihr Mann möchten nicht namentlich genannt werden. Übermittelt wurden ihre Worte von Hans-Peter Trolldenier von der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft Würzburg (GDCF). Die Frau, die inzwischen Mutter ist, schildert, der Anschlag habe sichtbare Spuren hinterlassen und ihre Gesundheit bis heute beeinträchtigt.

Zugleich betont sie, dass sie im Laufe der Jahre gelernt habe, mit diesen Narben zu leben. Diese gehörten zwar zu ihrer Geschichte, bestimmten aber nicht, wer sie sei und wie sie ihr Leben gestalten wolle.

Dank für die Hilfe in Würzburg

Die 36-Jährige erinnert sich zudem mit großer Dankbarkeit an die Unterstützung, die ihre Familie damals in Würzburg erfahren habe. In einer der schwersten Zeiten ihres Lebens habe sie eine außergewöhnliche Welle an Mitgefühl erlebt, die sie nie vergessen werde.

Angriff kam völlig unerwartet

Am 18. Juli 2016 griff ein 17-jähriger afghanischer Flüchtling in dem Regionalzug 58130 auf dem Weg nach Würzburg Fahrgäste aus Asien mit einer Axt und einem Messer an. Danach flüchtete er zu Fuß, verletzte unterwegs noch eine Spaziergängerin und wurde schließlich von Polizeibeamten erschossen.

Axt-Attacke in Regionalzug in Würzburg
Der Täter war erst 17 Jahre alt. (Archivbild) Quelle: picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Die Ermittlungsbehörden werteten die Tat als islamistischen Anschlag. Die Terrororganisation Islamischer Staat reklamierte den Angriff später für sich. Es handelte sich um den ersten bekannten Terroranschlag des IS in Deutschland.

Leben des Täters in Deutschland

Der Jugendliche war als unbegleiteter Minderjähriger nach Deutschland gekommen und hatte Afghanistan als Herkunftsland angegeben. Zunächst wohnte er in einer kirchlichen Einrichtung in Ochsenfurt im Landkreis Würzburg, später bei einer Pflegefamilie auf dem Land.

Mit der Aussicht auf einen Ausbildungsplatz absolvierte er ein Praktikum in einer Bäckerei. Kurz vor der Tat soll ein enger Freund von ihm in Afghanistan getötet worden sein. Hinweise auf eine persönliche Beziehung zwischen Täter und Opfern gab es laut Polizei nicht.

Familie schwer verletzt

Bei den zufällig ausgewählten Opfern handelte es sich überwiegend um Mitglieder einer Familie: ein Ehepaar im Alter von etwa 60 Jahren, deren Tochter sowie deren damaligen Verlobten, heute ihr Ehemann. Die Familie hatte Urlaub in Deutschland gemacht und war mit dem Zug nach Würzburg unterwegs, als der Angriff geschah.

Die Tochter, ihr Partner und ihre Eltern erlitten schwere Verletzungen. Nach Angaben des Bayerischen Landeskriminalamts gab es insgesamt fünf Schwerverletzte. Dazu zählten unter anderem ein offenes Schädel-Hirn-Trauma, tiefe Hieb-, Stich- und Schnittverletzungen sowie Knochenbrüche. Zwei weitere Menschen wurden bei der Flucht leicht verletzt, nachdem sie gestürzt waren.

Nach früheren Angaben der Bundespolizei befanden sich etwa 25 bis 30 Fahrgäste in dem Regionalzug von Treuchtlingen nach Würzburg. Kurz vor dem Ziel begann der 17-Jährige mit dem Angriff. Nachdem der Zug durch eine Notbremsung zum Stehen gekommen war, sprang er hinaus und lief davon.

Enge Verbindung nach Würzburg geblieben

Die Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft Würzburg kümmert sich normalerweise vor allem um chinesische Studierende und Lehrende an der Universität Würzburg. Der Kontakt zu den Anschlagsopfern kam zunächst über eine chinesische Studentin zustande.

Hans-Peter Trolldenier begleitete später Angehörige der Verletzten und, sobald es möglich war, auch die Betroffenen selbst durch Würzburg und ins fränkische Weinland. Seitdem besteht eine enge persönliche Verbindung.

Nach den Worten der 36-Jährigen waren an ihrer Genesung viele Menschen beteiligt. Neben den medizinischen Teams, denen sie bis heute dankbar sei, habe sie vor allem die große Anteilnahme aus der Bevölkerung tief bewegt. Auch die zahlreichen Spenden seien damals eine wichtige Hilfe gewesen.

Hoffnung trotz der Tragödie

Die Frau aus Hongkong schreibt, die Großzügigkeit und das Mitgefühl vieler Menschen hätten ihrer Familie in einer Zeit großer Verzweiflung neue Kraft und Hoffnung gegeben. Sie habe zahlreiche Karten, Briefe und Nachrichten aus jener Zeit bis heute aufbewahrt.

Der Anschlag sei zwar eine Tragödie gewesen, habe aber nicht ihr ganzes Leben bestimmt. Stattdessen habe die Familie daraus eine wichtige Erkenntnis mitgenommen: hoffnungsvoll zu bleiben, die Gegenwart bewusst zu schätzen und mit Dankbarkeit zu leben. Selbst in schweren Zeiten, so ihre Botschaft, gebe es immer noch Licht.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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