Walpurgisnacht im Harz: Zwischen Brauchtum, Touristenmagnet und Kritik
Wenn sich am Abend des 30. April Tausende als Hexen und Teufel verkleiden, richtet sich der Blick wieder auf den Harz. Dort wird traditionell die Walpurgisnacht gefeiert – ein Spektakel, das längst weit über die Region hinaus bekannt ist. Doch während vielerorts in den Mai getanzt wird, sehen manche Fachleute den Umgang mit dem Hexenmotiv kritisch.
Ursprung in alten Frühlingsriten
Der Brauch ist keineswegs neu. Seine Wurzeln liegen in heidnischen Frühlingsfesten. Nach Angaben des Harzer Tourismusverbands wurden schon vor rund 1.000 Jahren Feste begangen, bei denen Menschen mit Opfergaben den Frühling begrüßten.
Später legte die Kirche den Gedenktag der heiligen Walburga auf den 30. April. Die in England geborene Benediktinerin, die 710 zur Welt kam, galt als Schutzheilige gegen Geister und Aberglauben. Ihr werden auch Heilungen zugeschrieben. Zudem soll ihre Heiligsprechung an einem 1. Mai erfolgt sein.
Goethe machte die Walpurgisnacht berühmt
Einen wichtigen Platz in der Kulturgeschichte bekam die Walpurgisnacht durch Johann Wolfgang von Goethe. Nach einer Besteigung des Brockens im Jahr 1777 beschrieb er in seinem „Faust“ das unheimliche Treiben. Der Volksglaube erzählt, dass sich in der Nacht auf den 1. Mai die Hexen auf dem Brocken – auch Blocksberg genannt – versammeln, um mit dem Teufel zu feiern und zu tanzen. Zugleich soll mit Lärm und Feuer symbolisch der Winter vertrieben werden.
Feiern an vielen Orten im Harz und darüber hinaus
Heute zählt die Walpurgisnacht zu den wichtigsten touristischen Ereignissen im Harz. Nach Angaben des Tourismusverbands wird sie in mehr als 20 Orten der Region gefeiert, darunter Bad Grund, Braunlage, Hahnenklee, Sankt Andreasberg, Schierke und Thale. Für die Veranstaltungen gibt es vielerorts eigene Festareale. In Thale etwa ist der Hexentanzplatz ein zentraler Anziehungspunkt.
Auch außerhalb des Harzes wird der Brauch gepflegt. Im Schwarzwald soll nach Angaben des dortigen Tourismusverbands um ein sogenanntes Hexenfeuer getanzt werden. Ebenso sind etwa in Sachsen und Thüringen Feiern mit abendlichen Feuern vorgesehen.
Historiker mahnen zu einem sensibleren Umgang
Nicht alle betrachten die Inszenierung der Walpurgisnacht unkritisch. Der Historiker Kai Lehmann, Direktor des Museums Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden, sieht besonders die fröhliche Darstellung von Hexen problematisch. Er sagte der Deutschen Presse-Agentur, er wolle keineswegs den Spielverderber geben, halte es aber für falsch, Hexen in den Mittelpunkt der Feiern zu stellen. Aus seiner Sicht habe das wenig mit seriöser Geschichtsvermittlung zu tun.
Lehmann beklagt zudem Defizite in der Erinnerungskultur. Während es für viele historische Themen in Deutschland ein ausgeprägtes Gedenken gebe, sei die Auseinandersetzung mit der Hexenverfolgung unzureichend. Die Ereignisse des 16. und 17. Jahrhunderts seien äußerst belastend. Allein auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands habe es rund 35.000 Opfer gegeben.
Auch Matthias Lothhammer, der in Darmstadt Führungen unter anderem zur Geschichte der Hexen anbietet, verweist auf das Ausmaß der Verfolgung. Im Gebiet des heutigen Hessen habe es zwischen 1580 und 1680 etwa 1.800 Hexenprozesse gegeben, von denen die meisten mit Verurteilungen endeten. Zugleich betont er, dass der Glaube an Hexen keineswegs verschwunden sei – unter anderem in Teilen der Südsee, Südamerikas und Afrikas existiere er bis heute.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion