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«Kaum auszuhalten»: Bordeaux-Evakuierte warten verzweifelt

Vor den Flammen geflohen, jetzt auf Feldbetten gefangen: Wie Tausende in Frankreich zwischen Hoffnung und Angst ausharren

29.07.2026, 15:09 Uhr

Seit Tagen in der Notunterkunft: Evakuierte bei Bordeaux hoffen weiter auf Rückkehr

Mona sitzt erschöpft auf einem Feldbett in einer Messehalle in Bordeaux und blickt ins Leere. Die 51-jährige Personalreferentin lebt dort seit fünf Tagen in einer Notunterkunft – gemeinsam mit Hunderten anderen Menschen, die wegen des schweren Waldbrands an Frankreichs Westküste fliehen mussten. Für die Mutter ist die Lage belastend: Jeden Tag hoffe sie, wieder nach Hause zu können, doch das Feuer mache eine Rückkehr bislang unmöglich.

Auch der Alltag in der Halle setzt ihr zu. Zunächst waren ihr Ex-Mann und ihr 23-jähriger Sohn bei ihr, doch beide hielten die Situation nicht länger aus und fanden anderweitig Unterkunft, nachdem ihnen eine Frau ein Zimmer angeboten hatte. Mona ist nun allein zurückgeblieben.

Hunderttausende mussten ihr Zuhause verlassen

Seit mehreren Tagen brennen westlich von Bordeaux große Waldflächen. Das Feuer rückte der Metropole zeitweise bis auf 15 Kilometer nahe. Mehr als 42.000 Hektar Land wurden zerstört – rund 420 Quadratkilometer und damit etwa so viel Fläche wie der Stadtstaat Bremen.

In zahlreichen Gemeinden mussten Bewohnerinnen und Bewohner ihre Häuser verlassen, darunter auch in Saint-Médard-en-Jalles, wo Mona lebt. Insgesamt wurden mehr als 220.000 Menschen in Sicherheit gebracht. Selbst Pflegeheime mussten geräumt werden.

Wer konnte, kam bei Verwandten, Freunden oder in Hotels unter. Doch Tausende Menschen hatten so kurzfristig keine Bleibe. Für sie wurde das Messegelände am Stadtrand von Bordeaux zum Zufluchtsort. Ein Teil der Evakuierten durfte inzwischen bereits zurückkehren.

Niemand hatte mit einer so langen Evakuierung gerechnet

Der Evakuierungsaufruf erreichte Mona mitten in der Nacht. Einige Dinge hatte sie schon vorbereitet, doch als um 1 Uhr morgens Alarm ausgelöst wurde, ging sie nicht davon aus, so lange fortbleiben zu müssen. Deshalb nahm sie zu wenig Kleidung mit und ließ sogar Seife zu Hause.

Mit einer derart langen Abwesenheit habe niemand gerechnet, sagt sie. Nun seien viele Evakuierte darauf angewiesen, in gespendeten Sachen nach passender Unterwäsche, Handtüchern, Zahnpasta oder Shampoo zu suchen.

Persönliche Dinge hat Mona kaum bei sich. Nicht einmal Fotos ihrer Kinder habe sie eingepackt, erzählt sie. Ihre Zeit verbringt sie mit Zeitunglesen, Radiohören und dem Blättern in ihrer abgegriffenen Bibel – dem einzigen Buch, das sie mitgenommen hat. Daraus zu lesen gebe ihr Kraft. Man versuche, optimistisch zu bleiben, auch wenn die Situation schwer zu begreifen sei.

Sehnsucht nach Alltag und Zuhause

Wie es in ihrem Wohnviertel aussieht, weiß Mona nicht. Dorthin darf derzeit niemand zurück. Nach ihren Informationen gibt es dort zwar keine offenen Flammen, aber Rauch und weiterhin die Gefahr, dass das Feuer überspringen könnte. Sorgen um das Haus mache sie sich schon – noch größer sei aber der Wunsch, endlich heimzukehren und wieder normal leben zu können.

Von Normalität ist sie in der Notunterkunft allerdings weit entfernt. Arbeiten kann sie ebenfalls nicht, denn auch ihr Büro liegt in dem gesperrten Gebiet. Wie lange dieser Zustand noch anhalten wird, weiß niemand.

Auf dem Messegelände musste Mona bereits mehrfach den Platz wechseln. Jetzt befindet sie sich in Halle 2, die sie als bedrückend empfindet. Zu viele Menschen seien dort auf engem Raum untergebracht, ständig herrsche Bewegung, dazu kämen Tiere und das grelle Licht, das ununterbrochen eingeschaltet bleibe. Selbst nachts kehre keine Ruhe ein. Schlaf habe sie in der vergangenen Nacht praktisch gar nicht gefunden.

Große Hilfsbereitschaft auf dem Messegelände

Aus wenigen Evakuierten wurden zeitweise fast 7.000 Menschen, die in den Notunterkünften auf dem Messegelände untergebracht waren. Viele blieben nur eine Nacht. Die Behörden bemühen sich, ihnen andere Unterkünfte zu vermitteln – notfalls auch Schlafsäle in Schulen, die zumindest etwas mehr Privatsphäre und Komfort bieten als die riesigen Hallen mit dicht aufgereihten Feldbetten.

Vor Ort helfen Psychologinnen und Psychologen, Ärzte, Osteopathen und auch Tierärzte. Freiwillige organisieren zudem Freizeitangebote für Kinder und Erwachsene, einige spielen sogar Badminton. Die Hilfsbereitschaft ist so groß, dass die Stadt vorerst weder weitere Sachspenden annimmt noch zusätzliche Freiwillige sucht.

Freiwillige setzen auf Zuhören und Gespräche

Zu den Helfenden gehört auch Catherine. Die pensionierte Ärztin wollte ursprünglich das medizinische Team unterstützen. Weil dort bereits genug Personal vorhanden war, verteilt sie nun Kleidung, Schlafmasken und Hygieneartikel wie Seife. Sie habe gespürt, dass Hilfe gebraucht werde – und dass auch sie selbst das Bedürfnis gehabt habe, sich einzubringen, sagt die 68-Jährige aus dem Umland von Bordeaux.

Besonders schwierig sei die Lage zu Beginn gewesen, als Bewohnerinnen und Bewohner aus Altenheimen orientierungslos in der Halle ankamen. Inzwischen seien diese Senioren nicht mehr dort, und die übrigen Evakuierten wirkten gefasster. Dennoch merke man, dass die Menschen mit der Zeit müde und zermürbt würden.

Deshalb nehme sie sich bewusst Zeit für Gespräche, sagt Catherine. Viele müssten über das Erlebte sprechen, aber auch über ihre Hoffnungen. Und genau dafür sei es wichtig, dass jemand einfach zuhört.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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