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Trauer um Georg Baselitz: Er ist tot

Schock in der Kunstwelt: Georg Baselitz ist mit 88 Jahren gestorben – seine Familie bestätigte den Tod des Malers.

30.04.2026, 18:04 Uhr

Georg Baselitz ist tot. Der Maler und Bildhauer starb im Alter von 88 Jahren, wie seine Galerie Thaddaeus Ropac in Salzburg mitteilte. In einer auf Instagram veröffentlichten Todesnachricht würdigte die Galerie ihn als wegweisenden Erneuerer und als einen der wichtigsten Künstler seiner Zeit, der die internationale Kunstwelt tief geprägt habe.

Baselitz galt als einer der markantesten und widersprüchlichsten Künstler der Gegenwart. Oft wurde er als „Wutkünstler“ bezeichnet. Provozieren, widersprechen, anecken: Das gehörte zu seinem Selbstverständnis. Noch 2018 wetterte er bei einer Ausstellung in der Fondation Beyeler nahe Basel gegen Journalisten, Künstler und den Zustand der Demokratie in Deutschland. Sein künstlerisches und persönliches Prinzip war der Widerspruch.

Publikum und Museen feierten den Nonkonformisten

Baselitz arbeitete bewusst gegen den jeweiligen Trend. Er blieb gegenständlich, als abstrakte Kunst dominierte, und setzte auf große Formate, als kleinere Werke leichter verkäuflich waren. Zugleich experimentierte er mit unterschiedlichen Stilrichtungen, mal impressionistisch, mal kubistisch. Seine sogenannten Fraktur-Bilder beschrieb er als ironische Brechung, mit der er den Kubismus geradezu „verhohnepiepelte“.

Museen und Publikum schätzten gerade diesen unangepassten Kurs. 2023, zu seinem 85. Geburtstag, wurden ihm mehrere große Ausstellungen gewidmet. Dazu gehörte die Schau „Nackte Meister“ im Kunsthistorischen Museum in Wien.

Dort waren von Baselitz selbst ausgewählte Werke aus rund fünf Jahrzehnten zu sehen, die sich mit der Nacktheit des Malers und seiner Frau beschäftigten. Präsentiert wurden sie im Dialog mit Gemälden alter Meister zum gleichen Thema. Dabei wurde deutlich, dass Baselitz idealisierte Schönheit als hohles Pathos ablehnte.

Frühe Skandale und Bilder auf dem Kopf

Schon früh sorgte er für Eklats. Bei seiner ersten Ausstellung 1963 beschlagnahmte die Sittenpolizei die Ölbilder „Nackter Mann“ und „Die große Nacht im Eimer“ wegen des Verdachts auf Pornografie. In den Werken sahen die Behörden unter anderem einen überzeichneten nackten Mann mit überdimensioniertem Geschlechtsteil und einen onanierenden Jungen. Baselitz machte später keinen Hehl daraus, dass er den Skandal auch gesucht hatte, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Berühmt wurde Baselitz mit Motiven, die auf dem Kopf stehen: Füße und Wurzeln oben, Köpfe und Baumkronen unten. 1969 entstand mit „Der Wald auf dem Kopf“ sein erstes sogenanntes Umkehrbild. Baselitz verstand diese Arbeitsweise als einen dritten Weg zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Er wollte das Bild aus der, wie er sagte, „fatalen Abhängigkeit zur Wirklichkeit“ lösen.

Steinmeier und Weimer würdigen Baselitz

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte in einem Kondolenzschreiben, Baselitz habe nicht nur seine Bilder, sondern auch die Denkroutinen der Gesellschaft auf den Kopf gestellt. Der Künstler, der Zerstörung und Leid des Zweiten Weltkriegs als Kind erlebt habe, habe sich durch den Zusammenbruch aller Ordnungen dazu gezwungen gesehen, alles um sich herum infrage zu stellen.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bezeichnete Baselitz als einen der weltweit bedeutendsten bildenden Künstler der Gegenwart. Dessen Werke seien geprägt von einer radikalen Befragung der eigenen Identität als Künstler und zugleich der deutschen Geschichte.

Verstörende „Heldenbilder“

Ab Mitte der 1960er Jahre entstanden seine „Heldenbilder“, in denen er auch Erfahrungen aus der Kriegszeit aufgriff. Die Figuren erscheinen darin nicht heroisch, sondern beschädigt, zerlumpt und deformiert. Mit verzerrten Proportionen, riesigen Händen und Füßen sowie kleinen Köpfen wirken sie verstörend. Baselitz, der den Krieg als Kind erlebt hatte, sagte selbst, er sei in eine zerstörte Ordnung, eine zerstörte Landschaft, ein zerstörtes Volk und eine zerstörte Gesellschaft hineingeboren worden.

Künstlername erinnert an den Geburtsort

Georg Baselitz wurde in Sachsen geboren und hieß bürgerlich Hans-Georg Kern. Seinen Künstlernamen wählte er in Anlehnung an seinen Geburtsort Deutschbaselitz. Schon als Teenager begann er zu malen und war überzeugt, dafür ein besonderes Talent zu haben.

Mit seinem Widerspruch gegen Konventionen geriet er früh mit Lehrern aneinander. In den 1950er Jahren wurde er wegen „gesellschaftlicher Unreife“ von der Kunsthochschule in Berlin verwiesen. Statt den Erwartungen zu folgen, malte er lieber Picasso; später siedelte er in den Westteil der Stadt über.

Späte Jahre, internationale Anerkennung und Streit mit Deutschland

Auch im Alter blieb Baselitz produktiv. Obwohl er zuletzt weitgehend auf einen Rollstuhl angewiesen war, arbeitete er weiter mit großem Ehrgeiz. Seine „Fortbewegungsmittel im Atelier“ kämen inzwischen aus dem „orthopädischen Fachhandel“, sagte er einmal. Er malte gerne auf dem Boden; seine Frau Elke, mit der er mehr als 60 Jahre verheiratet war, baute ihm dafür in späteren Jahren eigens ein Podest.

Seine monumentalen Werke hängen heute in bedeutenden Museen weltweit. 2004 wurde er mit dem japanischen Praemium Imperiale ausgezeichnet, einem der wichtigsten Kunstpreise der Welt. 2019 erfolgte seine Wahl in die Akademie der bildenden Künste in Paris. In seiner Antrittsrede 2021 sagte er, eine Gesellschaft brauche Künstler, sonst wäre sie „nur ein Affenstall“; Kunst könne die Welt bereichern, aber die Bösartigkeit nicht vertreiben.

Baselitz war nicht nur als Maler, sondern auch als Bildhauer ein Provokateur. Seit Ende der 1970er Jahre schuf er kantig gesägte Holzskulpturen, die teils an afrikanische Kunst erinnern. Eine Figur für den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig 1980 löste erneut Empörung aus, weil ihre Armhaltung als Hitlergruß gelesen wurde. Baselitz bestritt, dies beabsichtigt zu haben.

Sein Verhältnis zu Deutschland blieb angespannt. Als Reaktion auf das Kulturgutschutzgesetz zog er 2016 Dauerleihgaben aus deutschen Museen ab, weil er Einschränkungen beim Umgang mit seinem Eigentum befürchtete.

Trotz Weltruhm und Millionenerlösen auf dem Kunstmarkt blieb Baselitz von Zweifel und Angst vor dem Scheitern getrieben. Zugleich bekannte er offen, dass sein Hang zum Großformat auch mit Geltungsdrang zu tun hatte: Kleine Bilder, so seine Überzeugung, reichten nicht aus, um wirklich Wirkung zu entfalten. Zudem, sagte er einmal, zerstörten riesige Formate das einvernehmliche Verhältnis zwischen Sofa und Bürgertum, weil solche Bilder nicht einmal durch die Tür passten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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