Jury der Venedig-Biennale tritt kurz vor Eröffnung geschlossen zurück
Die Kunstbiennale in Venedig, eine der bedeutendsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst weltweit, steht erneut im Mittelpunkt von Kontroversen. Nur wenige Tage vor dem Beginn der Schau in der Lagunenstadt hat die internationale Jury geschlossen ihren Rücktritt bekanntgegeben.
Hintergrund der anhaltenden Debatte ist die Beteiligung Russlands an der Biennale trotz des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Bereits seit Monaten sorgt das Thema für Auseinandersetzungen. Zusätzliche Kritik kam vergangene Woche auf, nachdem die Jury Russland und Israel von der Vergabe der Biennale-Auszeichnungen ausgeschlossen hatte.
Die Rücktrittserklärung wurde gemeinsam von allen fünf Jurymitgliedern veröffentlicht. Unterzeichnet ist sie von der Juryvorsitzenden Oliveira Farks, einer Kunsthistorikerin aus Brasilien, sowie von Zoe Butt, Elvira Dyangani Ose, Marta Kuzma und Giovanna Zapperi. Eine ausführlichere Begründung nannten die Jurorinnen zunächst nicht.
Offiziell eröffnet wird die sechsmonatige Ausstellung am Samstag kommender Woche. Zuvor erhalten Fachbesucher bereits Zugang zu den nationalen Pavillons, die von Künstlerinnen und Künstlern aus verschiedenen Ländern gestaltet wurden.
Meloni sieht unklare Lage
Unklar blieb zunächst, ob die Jury zum Rücktritt gedrängt wurde. Die italienische Regierung hatte am Dienstag sogenannte Inspektoren nach Venedig entsandt. Zuvor hatten Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Kulturminister Alessandro Giuli angekündigt, der Eröffnung wegen der Beteiligung Russlands fernzubleiben. Meloni erklärte, sie wisse nicht, ob der Rücktritt mit der Entsendung der Inspektoren zusammenhänge, und habe bei den Vorgängen inzwischen "den Überblick etwas verloren".
Preise sollen erst im November vergeben werden
Nach dem Rücktritt der Jury teilte die Biennale-Leitung mit, dass die Goldenen Löwen anders als üblich nicht zu Beginn der Ausstellung vergeben werden. Stattdessen sollen die Preise erst am letzten Ausstellungstag im November verliehen werden. Zusätzlich sind ausnahmsweise zwei sogenannte "Leoni dei Visitatori" geplant, also "Besucherlöwen", über die das Publikum abstimmen soll.
Dabei sollen auch die Beiträge aus Russland und Israel zur Auswahl stehen. Nach Angaben der Biennale ist zudem möglich, dass es am Ende gar keine weiteren Preise geben wird.
Streit um Ausschluss von Russland und Israel
Vergangene Woche hatte die Jury erklärt, bei der Preisvergabe keine Länder zu berücksichtigen, deren Staats- oder Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof mit Vorwürfen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit konfrontiert sind. Davon betroffen wären Russland und Israel gewesen, da Haftbefehle gegen Kremlchef Wladimir Putin und Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu vorliegen.
Russland war seit Beginn seines Angriffskriegs gegen die Ukraine im Jahr 2022 bei der Biennale in Venedig nicht mehr vertreten. In diesem Jahr soll der russische Pavillon nun wieder bespielt werden, und zwar von Künstlern, die mit der Regierung in Verbindung gebracht werden. Diese Entscheidung ist international stark umstritten. Die Europäische Union droht deshalb mit der Streichung von Fördermitteln in Millionenhöhe.
Parallel zur Kunstbiennale finden in Venedig weitere Biennalen statt, darunter auch die Filmfestspiele im Sommer. Das Filmfestival ist von dem aktuellen Streit jedoch nicht betroffen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion