Olympia

Olympia-Aus? Berlin zieht zurück

Paukenschlag vor der Entscheidung: Berlin zieht Olympia-Bewerbung zurück – jetzt kämpfen nur noch München und Rhein-Ruhr.

24.09.2026, 10:18 Uhr

Berlin hat seine Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele zwei Tage vor der Entscheidung über den deutschen Kandidaten offiziell zurückgezogen. Damit bleiben München und die Region Köln/Rhein-Ruhr im Rennen um mögliche Spiele 2036, 2040 oder 2044.

„Heute ist ein trauriger Tag für Berlin. Olympische und Paralympische Spiele wären eine Riesenchance für Berlin und für Ostdeutschland gewesen“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) bei einer Pressekonferenz im Roten Rathaus. Sportsenatorin Iris Spranger sprach vom „schrecklichsten Morgen“, der Olympia-Beauftragte Kaweh Niroomand rang sichtbar mit den Tränen.

Die Hauptstadt wollte mit dem Konzept „Berlin+“ gemeinsam mit Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern antreten. Nach den politischen Entwicklungen der vergangenen Tage sahen die Verantwortlichen aber keine realistische Chance mehr auf Erfolg.

Fehlende politische Stabilität als Hauptgrund

Niroomand nannte vor allem die fehlende politische Rückendeckung als entscheidenden Punkt. „Was die Verbände von uns verlangt haben, konnten wir ihnen nicht bieten – nämlich politische Stabilität“, sagte er. Man habe vermeiden wollen, bei der DOSB-Abstimmung in Baden-Baden mit nur sehr wenigen Stimmen auszuscheiden. „Berlin hat nicht verdient, dort abgewatscht zu werden. Diese Blamage wollen wir uns ersparen“, so Niroomand.

DOSB-Präsident Thomas Weikert würdigte den Rückzug als „großes Zeichen von Fairness und Respekt“. Wegner machte zugleich deutlich, dass Berlin keine Wahlempfehlung für München oder Köln/Rhein-Ruhr aussprechen werde. Sympathien äußerte er aber für das Modell aus Nordrhein-Westfalen, weil dort auch Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern eingebunden werden könnten. „Es sind nicht die Spiele von einem Bundesland“, sagte der CDU-Politiker.

Linke und Grüne bleiben bei ihrer Ablehnung

Das Aus der Bewerbung hat mehrere Ursachen. Der schwarz-rote Senat, der das Projekt vorangetrieben hatte, wurde bei der Abgeordnetenhauswahl abgewählt. Wahlsiegerin Elif Eralp von der Linken, die als künftige Regierende Bürgermeisterin gehandelt wird, gehört zu den Gegnerinnen einer Olympia-Bewerbung und hatte Verfahren und Kosten bereits im Wahlkampf kritisiert.

Einen Tag nach der Wahl sagte die 45-Jährige, die Frage einer Bewerbung habe sich erledigt. Aus ihrer Sicht hätten die Berlinerinnen und Berliner mit ihrer Stimmabgabe auch gegen Olympia votiert. Auch die Grünen, die voraussichtlich Teil einer neuen Regierung werden, lehnen das Vorhaben ab. Beide Parteien argumentieren, dass Berlin das Geld an anderer Stelle dringender brauche. Die Austragung der Spiele würde mehrere Milliarden Euro kosten.

Niroomand erneuerte seine Kritik an Eralp. Ein Gesprächsangebot habe sie zunächst abgelehnt, sagte er. Als es später doch zu einem Treffen gekommen sei, habe sie sich nicht umstimmen lassen. Er habe von ihr nicht verlangt, ihre Haltung zu ändern, sagte der 73-Jährige, aber zumindest Zurückhaltung bis zur Abstimmung am Samstag erwartet. Positiv hob er hervor, dass sich Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf in dieser Frage zurückhaltender verhalten habe.

Bereits zuvor hatte Niroomand Eralp vorgeworfen, sie habe „innerhalb von 45 Sekunden die ganze Bewerbung vom Tisch gewischt“ und damit Verbände massiv verunsichert. Wegner sprach mit Blick auf die Entwicklung nach der Wahl davon, dass der Bewerbung „der Stecker gezogen“ worden sei.

Fehlendes Bürgervotum als Knackpunkt

Die Probleme für Berlin hatten aus Sicht vieler Beobachter jedoch schon früher begonnen. Dass die DOSB-Entscheidung so kurz nach der Wahl angesetzt wurde, galt als klarer Nachteil für die Hauptstadt. Hinzu kam, dass die DOSB-Prüfer das Berliner Konzept schlechter bewerteten als die Konkurrenz.

In der Bewertungsmatrix erhielt München 87 von 100 Punkten, Köln/Rhein-Ruhr kam auf 85 Punkte – beide Konzepte wurden mit „sehr gut“ bewertet. Berlin erreichte 74,6 Punkte und damit nur die Note „gut“.

Nach Darstellung der Berliner Verantwortlichen lag das Scheitern nicht am sportlichen Konzept selbst. Als größter Schwachpunkt galt vielmehr das fehlende Bürgervotum. Anders als in München und Nordrhein-Westfalen verzichtete Berlin auf einen Bürgerentscheid. Dafür hätte die Landesverfassung geändert werden müssen. Wegner erklärte, die Grünen hätten deutlich gemacht, für eine solche Verfassungsänderung zugunsten von Volksbefragungen „von oben“ nicht zur Verfügung zu stehen.

Zwar hatte das Abgeordnetenhaus einer Bewerbung mehrheitlich zugestimmt, allerdings noch unter der früheren schwarz-roten Koalition. Deshalb wurde die Wahl zunächst auch als eine Art Stellvertreter-Referendum betrachtet. Allerdings spielte das Thema im Wahlkampf kaum eine größere Rolle. Wegner räumte ein, er hätte sich eine stärkere Debatte über Olympia im Wahlkampf gewünscht, glaube aber nicht, dass dies am Ende ausschlaggebend gewesen sei.

Bewerbung kostete Millionen

Zudem wollten Olympia-Gegner in der Hauptstadt ein Volksbegehren gegen die Bewerbung auf den Weg bringen. Sie hielten unter anderem die Erwartungen des Senats für zu optimistisch, wonach die Spiele zusätzliche Investitionen in den Breitensport und langfristig positive wirtschaftliche Effekte bringen würden.

Für die Bewerbung standen insgesamt sechs Millionen Euro zur Verfügung. Nach Angaben Niroomands floss eine Million Euro in der Sportverwaltung in die Entwicklung des Konzepts. Fünf Millionen Euro kamen aus dem Budget der Innenverwaltung, von denen nach seinen Angaben knapp eine Million Euro zurückgegeben werden soll.

In der Summe machten diese Faktoren einen Zuschlag für Berlin zu einem erheblichen Risiko – auch wenn die Hauptstadt bei ihrer internationalen Strahlkraft Vorteile gegenüber den Rivalen hatte.

Trotz Rückzugs Reise nach Baden-Baden

Trotz des Rückzugs will Berlin am Samstag bei der außerordentlichen DOSB-Mitgliederversammlung in Baden-Baden vertreten sein. „Berlin wird sich weiter beteiligen. Wir wollen, dass die Spiele nach Deutschland kommen“, sagte Wegner.

Damit ist das Kapitel einer Berliner Olympia-Bewerbung vorerst beendet – die Debatte über Kosten, Nutzen und politische Mehrheiten dürfte in der Hauptstadt aber weitergehen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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