Doku-Hit über Elizabeth Holmes sorgt für Oscar-Gerüchte
Ausverkaufte Vorstellungen, starke Kritiken und bereits Spekulationen über die Oscars 2027: Der fast drei Stunden lange Dokumentarfilm „You Can See Everything“ entwickelt sich derzeit zu einem außergewöhnlichen Kinoereignis.
In den USA gelang dem Film – Konzertdokumentationen ausgenommen – der erfolgreichste Start eines Dokumentarfilms seit Michael Moores „Fahrenheit 9/11“ vor mehr als zwei Jahrzehnten. Der deutsche Kinostart ist für den 3. Dezember angekündigt.
Wie das Branchenmagazin „Variety“ berichtet, gaben rund 80 Prozent der Kinobesucher in Umfragen an, der Film habe ihre Erwartungen sogar übertroffen. Bemerkenswert ist das auch deshalb, weil das Werk vor allem aus Gesprächen besteht und auf klassische Dramatisierung weitgehend verzichtet.
Kameras begleiten die letzten Wochen vor Haftantritt
Der Ursprung des Projekts liegt drei Jahre zurück. Damals bereitete sich die wegen Betrugs verurteilte Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes darauf vor, ihre Haftstrafe von mehr als elf Jahren anzutreten.
Während viele Menschen den letzten Monat vor einer Gefängnisstrafe wohl privat mit ihren Angehörigen verbringen würden, entschieden sich Holmes und ihr Partner Billy Evans, diese Zeit filmen zu lassen. Holmes ist Mutter von zwei kleinen Kindern.
So kam Nathan Fielder ins Spiel, der bereits mit Formaten wie „Nathan For You“ und „The Rehearsal“ bekannt wurde. Darin beschäftigte er sich immer wieder mit der Frage, wie Menschen sich in ungewöhnlichen oder angespannten Situationen verhalten.
Zunächst wurde eine Kamera, später dann zwei weitere, in einem gemieteten Strandhaus in San Diego installiert. Dort verbrachte Holmes mit ihrer Familie die letzten Wochen vor dem Haftantritt.
Fielder sagte kürzlich im Magazin „Wired“, er habe anfangs gar nicht geplant, selbst vor der Kamera aufzutreten. Holmes und Evans hätten ihn jedoch immer wieder angesprochen, sodass er zunehmend Teil des Geschehens geworden sei.
Vom Start-up-Wunder zur verurteilten Betrügerin
Holmes gründete ihr Unternehmen bereits mit 19 Jahren. Ihre Idee: Geräte, die mit nur wenigen Tropfen Blut komplexe medizinische Tests durchführen können. Dafür brach sie ihr Studium an der Eliteuniversität Stanford ab.
Mit diesem Versprechen sammelte Theranos Hunderte Millionen Dollar von Investoren ein und präsentierte sich als künftiger Umwälzer des Gesundheitswesens. Holmes wurde zur gefeierten Unternehmerin, ihr Vermögen wurde zeitweise auf mehr als vier Milliarden Dollar geschätzt.
Später zeigte sich jedoch, dass die Technologie nicht hielt, was sie versprach. Es folgte der Prozess – und schließlich die Verurteilung wegen Betrugs an Investoren.
Ein Film voller Zweifel und Deutungen
Gerade diese Vorgeschichte macht die Begegnung zwischen Fielder und Holmes so spannend. Schon früh stellt er die naheliegende Frage: Warum ausgerechnet ich? Glaubt Holmes vielleicht, ihn leichter beeinflussen zu können, weil er kein klassischer Wirtschaftsjournalist ist?
Holmes weist das zurück. Doch genau solche Momente tragen den Film. Fielders zurückhaltende, trockene und skeptische Nachfragen bilden das Gerüst der Dokumentation.
Für das Publikum entsteht dadurch ein permanentes Rätsel: Beobachtet man hier eine Frau, die weiterhin versucht, andere zu manipulieren? Oder ist Holmes tatsächlich davon überzeugt, nie gelogen und nichts Unrechtes getan zu haben? Und wie funktioniert ihre Beziehung zu Billy Evans, den sie erst nach dem Zusammenbruch von Theranos kennengelernt hatte? Beeinflusst sie ihn – oder umgekehrt? Oder geschieht beides gleichzeitig?
Faszination durch Beobachtung statt Inszenierung
Gerade diese Offenheit dürfte ein Grund für den Erfolg des Films sein. Es gibt kein klassisches Drehbuch, keine deutlich gelenkte Erzählung und größtenteils keine Schauspieler. Stattdessen registrieren die Kameras kleinste Gesten, Blicke und Veränderungen in der Körpersprache.
Das Publikum beobachtet und interpretiert – und kommt womöglich zu ganz unterschiedlichen Schlüssen. Fielder erinnerte sich daran, dass selbst Mitglieder des kleinen Filmteams nach Drehtagen oft völlig verschiedene Lesarten dessen hatten, was sie erlebt hatten.
Überraschungserfolg an den Kinokassen
Nach zwei Wochenenden spielte „You Can See Everything“ in den USA bereits mehr als 50 Millionen Dollar ein. Für das Studio A24 ist das ein voller Erfolg: Laut „Variety“ lag das Budget bei lediglich sieben Millionen Dollar.
Inzwischen wird sogar darüber gesprochen, dass der Film womöglich nicht nur in der Dokumentarfilm-Sparte der Oscars auftauchen könnte. Im Raum steht vielmehr eine Nominierung in der Hauptkategorie „Best Picture“ – ein außergewöhnlicher Schritt für eine Dokumentation.
Elizabeth Holmes bleibt ein Medienphänomen
In den USA ist Holmes ohnehin seit Jahren Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit. Zunächst wurde sie als neue Steve Jobs-Figur des Silicon Valley gefeiert. Nach dem Absturz ihres Unternehmens wurde ihr Fall zu einem der großen True-Crime-Stoffe des Landes.
Der Journalist John Carreyrou, dessen Recherchen im „Wall Street Journal“ entscheidend zum Zusammenbruch von Theranos beitrugen, veröffentlichte später ein Buch über den Fall. Hinzu kamen ein Podcast, eine weitere Dokumentation und eine Fernsehserie, in der Amanda Seyfried Holmes spielte und dafür einen Golden Globe erhielt. Auch rund um den Prozess und ihren Haftantritt war Holmes ständig von Kameras umgeben.
Großes Interesse auch in Deutschland
Obwohl Holmes in Deutschland nie denselben Bekanntheitsgrad wie in den USA erreichte, ist das Interesse an der neuen Doku schon vor dem offiziellen Kinostart ungewöhnlich groß.
Die Yorck-Kinogruppe spricht von einer bislang nicht erlebten Nachfrage: Ein fast dreistündiger Dokumentarfilm habe einen Andrang ausgelöst, wie man ihn sonst eher vom Vorverkauf großer Konzerte kenne.
Die Preview-Vorstellungen Mitte November seien innerhalb von weniger als 30 Minuten ausverkauft gewesen. Besonders die letzten Plätze seien hart umkämpft gewesen. Nach Angaben des Kinobetreibers wollten zeitweise Hunderte Menschen gleichzeitig dieselben wenigen Sitze buchen – mit entsprechend vielen Enttäuschten am Ende.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber