Hessen

Darum wird Sands jetzt mit Friedenspreis geehrt

Was hinter dieser Ehrung steckt: Philippe Sands erhält den Friedenspreis – und setzt den Schlusspunkt der Buchmesse.

11.10.2026, 11:32 Uhr

Philippe Sands erhält Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse ist der französisch-britische Jurist und Schriftsteller Philippe Sands mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Der mit 25.000 Euro dotierte Preis wurde ihm in der Frankfurter Paulskirche in Anwesenheit von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verliehen.

Sands lehrt als Professor in London und arbeitet am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels würdigte ihn als engagierten Humanisten, der sich beharrlich für Gerechtigkeit, Frieden und die Verteidigung des Völkerrechts einsetzt.

In seiner Dankesrede übte Sands scharfe Kritik an Deutschlands Umgang mit Israel. Er warf der Bundesrepublik ein „unanständiges Schweigen“ vor. Völkerrechtsverletzungen müssten klar benannt werden, gerade auch unter Freunden, sagte er. Das sei „nicht antisemitisch“ und „nicht anti-israelisch“, sondern entspreche der Wahrheit.

Die Debatte darüber, ob Israel an den Palästinensern einen Genozid begehe, bezeichnete Sands als wenig hilfreich. Es gebe keine Rangordnung unter den Völkerrechtsverbrechen. Entscheidend sei, Verstöße offen anzusprechen. Wer dies tue, dürfe nicht zum Schweigen gebracht, ausgeschlossen oder bestraft werden, nur weil er von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch mache. Die Beschränkung solcher Debatten in Deutschland nannte er beunruhigend.

Sands sagte weiter, Deutschland habe viele historische Gräuel klar benannt. Beim Blick auf Israel, den Gazastreifen und das Westjordanland sei das Schweigen aber bis heute laut. Andere Staaten hätten Palästina inzwischen anerkannt, Sanktionen verhängt oder das Vorgehen Israels in den besetzten Gebieten als ethnische Säuberung bezeichnet. „Deutschland kennt sich aus mit ethnischer Säuberung. Warum dann das Schweigen?“, fragte er.

Eine echte deutsche Staatsräson müsse dieses Schweigen brechen, sagte Sands. Völkerstraftaten müssten überall benannt werden, unabhängig davon, wer sie begehe – auch dann, wenn es sich um Freunde handele. Zugleich betonte er, die Angriffe der Hamas vom 7. Oktober 2023 seien entsetzlich gewesen und ebenfalls eine schwere Verletzung des Völkerrechts. Israel habe das Recht auf Selbstverteidigung, dieses Recht sei jedoch nicht grenzenlos und müsse im Rahmen des Völkerrechts ausgeübt werden.

Für viel Applaus erhielt Sands auch am Ende seiner Rede, als er aus Leonard Cohens Lied Anthem zitierte: In allem gebe es einen Riss, und durch ihn komme das Licht herein.

Die Laudatio hielt Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München. Sie bezeichnete Sands als Nachfahren einer großen jüdischen Familie aus Lemberg und als einen der wichtigsten Völkerrechtsexperten der Gegenwart. 80 Mitglieder seiner Familie seien ermordet worden, sagte Sands selbst in seiner Rede. Sein Großvater habe in Paris überlebt. Sands wurde 1960 in London geboren und lebt dort mit seiner Frau und drei Kindern.

Als Jurist war er an zahlreichen internationalen Strafverfahren beteiligt. Dabei setzte er sich unter anderem für Palästinenser und Rohingya sowie für die Solomon Islands, Georgien und die Ukraine ein. In der Paulskirche sagte er, die Menschen in der Ukraine bräuchten weiterhin Unterstützung und Solidarität.

Sands ist zudem als Schriftsteller bekannt. Sein Buch Rückkehr nach Lemberg verbindet die Geschichte seiner Familie mit den Ursprüngen des modernen Völkerrechts im heutigen Lwiw. Weitere Werke befassen sich mit konkreten Strafverfahren, etwa Die Verschwundenen von Londres 38 über die Pinochet-Diktatur in Chile.

Auch für die Anerkennung von „Ökozid“ als internationales Verbrechen setzt sich Sands ein. Neben Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Angriffskrieg müsse es aus seiner Sicht einen fünften Straftatbestand geben. Wer Natur zerstöre, solle ebenfalls international zur Rechenschaft gezogen werden. Im kommenden Jahr soll dazu sein neues Buch Das fünfte Verbrechen erscheinen.

Mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels werden seit 1950 Persönlichkeiten aus Literatur, Wissenschaft oder Kunst geehrt, die sich in besonderer Weise für den Gedanken des Friedens eingesetzt haben. Zu den bekannten Preisträgern der vergangenen Jahre zählt auch Salman Rushdie.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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