Sorge vor dem Almsommer: Älpler in Allgäu und Oberbayern blicken mit Unbehagen auf die Weidesaison
In den Alpenregionen des Allgäus und Oberbayerns beginnt in Kürze wieder der Bergsommer. In den kommenden Tagen und Wochen treiben Hirten und Bauern tausende Tiere aus den Tälern hinauf auf die Weiden in Höhenlagen zwischen 800 und 2.600 Metern. Doch die Vorfreude ist in diesem Jahr getrübt. Christian Brutscher, Vorsitzender des Alpwirtschaftlichen Vereins Allgäu, warnt vor einer wachsenden Gefahr durch Wölfe auf den Weideflächen.
Nach seinen Angaben wurden im vergangenen Winter deutlich mehr Wölfe gesichtet. Gleichzeitig habe auch die Zahl der gerissenen Nutz- und Wildtiere zugenommen. Das Bayerische Landesamt für Umwelt bestätigte zuletzt sogar eine Wolfssichtung mitten in Füssen. Zudem erließen die Landratsämter Ober- und Ostallgäu vor kurzem eine befristete Abschussgenehmigung für einen weiteren auffälligen Wolf. Diesem Tier werden nach Angaben des Landratsamts Ostallgäu drei bestätigte Angriffe auf Schafe zugeschrieben.
Mehr als 700 Alpen im Allgäu betroffen
Brutscher hält es deshalb für denkbar, dass es künftig auch zu Angriffen auf Rinder auf ungeschützten Bergweiden kommt. Sollte das eintreten, hätte das aus seiner Sicht schwerwiegende Folgen für die Alpwirtschaft. In seinem Zuständigkeitsbereich liegen 703 Alpen. Dort verbringen im Sommer rund 29.000 Jungrinder, 2.500 Milchkühe, 300 Pferde, 420 Schweine, 400 Schafe und 250 Ziegen die warme Jahreszeit.
Nach Einschätzung Brutschers könnten Wolfsrisse dazu führen, dass viele Landwirte ihre Tiere nicht mehr auftreiben wollen. Mit sinkender Tierzahl würde es jedoch schwieriger, die offenen Weideflächen zu erhalten. Im Allgäu betrifft das rund 21.000 Hektar, in Oberbayern weitere 17.000 Hektar. Wald- und Ödflächen, die ebenfalls zu den Alm- und Alpgebieten zählen, sind darin nicht enthalten.
Offene Bergweiden als Lebensraum für viele Arten
Wenn weniger Tiere aufgetrieben würden, könnten die Flächen zunehmend verbuschen. Für Brigitte Meier, Geschäftsführerin des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern, wäre das ein erheblicher Verlust für die Artenvielfalt. In ihrem Gebiet werden auf 709 Almen im Sommer etwa 20.300 Jungrinder, 1.300 Mutterkühe, 450 Pferde sowie 2.800 Schafe und 500 Ziegen gehalten.
Meier betont, dass viele geschützte Pflanzenarten heute auf offene Bergweiden angewiesen seien. Ohne diese Flächen hätten sie kaum Überlebenschancen. Zudem verweist sie auf die Bedeutung der traditionellen Kulturlandschaft für den Tourismus. Ihrer Ansicht nach stellt sich durchaus die Frage, wie anziehend die Berge ohne bewirtschaftete Alpen und Almen noch wären. Sowohl sie als auch Brutscher sprechen sich deshalb für einen rechtssicheren Abschuss problematischer Wölfe aus.
Nicht nur Tiere, auch Menschen im Blick
Aus Sicht der Alpwirtschaft geht es dabei nicht allein um den Schutz der Weidetiere. Brutscher weist darauf hin, dass im Allgäu auch sogenannte Kleinhirten auf den Alpen eingesetzt werden – Kinder und Jugendliche zwischen neun und 16 Jahren. Wenn Wölfe in der Nähe seien, bereite das zusätzliche Sorgen.
Hinzu komme, dass Herden in der Nähe von Raubtieren deutlich unruhiger und damit schwerer berechenbar würden. Solche aufgescheuchten Tiere könnten auch für Wanderer und Radfahrer in den Almgebieten gefährlich werden.
Herdenschutzhunde und Zäune kaum praktikabel
Nach Angaben von Brutscher und Meier ist gerade die intensive Freizeitnutzung der Bergweiden ein Grund, weshalb Herdenschutzhunde dort kaum infrage kommen. Diese würden die Tiere nicht nur vor Wölfen, sondern auch gegenüber Menschen verteidigen. Auch Zäune seien in vielen Gebieten keine realistische Lösung, erklärt Meier. Die Flächen seien häufig zu steil und exponiert. Außerdem würde man damit auch Wildtiere aussperren.
Regen lindert zumindest die Wassersorgen
Neben der Wolfsproblematik hatte die Alpwirtschaft zuletzt noch mit einem weiteren Thema zu kämpfen: Wassermangel. Nach Angaben von Brutscher und Meier folgte auf einen schneearmen Winter ein außergewöhnlich trockener Frühling. Starker Wind habe die Böden zusätzlich ausgetrocknet.
Das habe das Wachstum auf den Weiden spürbar gebremst. Inzwischen sorgt der einsetzende Regen jedoch für Erleichterung. Brutscher spricht von einer wichtigen Entlastung für die Weiden. Auch in Oberbayern wird der Niederschlag begrüßt. Laut Meier standen einige Almen bereits kurz davor, Wasser aufwendig auf die Berge transportieren zu müssen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber