Seit den frühen Morgenstunden läuft in Deutschland und weiteren europäischen Ländern eine groß angelegte Polizeiaktion gegen ein mutmaßliches internationales Geldwäsche-Netzwerk im Umfeld der „Hells Angels“.
Nach Angaben der Behörden sind mehr als 1.000 Einsatzkräfte im Einsatz. Nach dpa-Informationen wurden 14 Haftbefehle vollstreckt. Zudem sollen Vermögenswerte in Höhe von 48,6 Millionen Euro beschlagnahmt werden.
Die Polizei spricht von einem Vorgehen gegen ein internationales Netzwerk von Geldwäschern sowie gegen eine kriminelle Vereinigung. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur handelt es sich dabei um die „Hells Angels“. Insgesamt werden laut Polizei mehr als 100 Objekte durchsucht. Es gibt demnach 71 Beschuldigte. Unter ihnen sind Verantwortliche eines bundes- und europaweit aktiven Geldwäschenetzwerks sowie hochrangige Mitglieder einer Rockergruppierung.
SEK-Einsatz in Duisburg am frühen Morgen
Besonders spektakulär verlief ein Einsatz im Duisburger Norden: Gegen 6.00 Uhr morgens schallte eine Polizeidurchsage durch ein Wohngebiet: „Dies ist eine Maßnahme der Polizei, folgen Sie den Anweisungen der Polizei.“ Kurz darauf waren Knallgeräusche zu hören, als sich Spezialeinsatzkräfte (SEK) den Weg in ein schwer gesichertes Einfamilienhaus bahnten. Das Gebäude soll einem einflussreichen Rocker der „Hells Angels“ gehören.
Zeitgleich durchsuchten Ermittler rund 100 weitere Objekte in Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Bulgarien. Die Aktion gilt nach Behördenangaben als eine der größten Razzien gegen die „Hells Angels“, die es je gegeben hat.
Im Kern geht es um schmutziges Geld
Den Beschuldigten werden laut Ermittlern unter anderem Bildung einer kriminellen Vereinigung, räuberische und gewerbsmäßige Erpressung, banden- und gewerbsmäßiger Betrug sowie gewerbsmäßige Geldwäsche vorgeworfen. Außerdem geht es um Waffendelikte, Körperverletzung und Steuerhinterziehung.
Nach Einschätzung der Ermittler steht aber vor allem die Geldwäsche im Mittelpunkt. Sie sehen in dem Fall ein Beispiel für die enge Verflechtung von Organisierter Kriminalität und internationaler Wirtschaftskriminalität. Durch professionelle Verschleierung würden große Geldsummen in einen künstlichen Wirtschaftskreislauf eingeschleust und mutmaßlich illegal erlangte Vermögenswerte unter anderem in Firmen und Grundbesitz investiert.
Nach Sicht der Behörden stammt ein Teil des gewaschenen Geldes aus Drogenhandel, Schutzgelderpressung und dem Rotlichtmilieu.
Neues Landesamt für Finanzkriminalität spielte zentrale Rolle
Federführend bei den Ermittlungen ist die Staatsanwaltschaft Duisburg. Beteiligt ist außerdem das Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität in Nordrhein-Westfalen (LBF). Die Behörde gibt es seit 2025; dort wurden 1.200 Steuerfahnder aus den Finanzämtern des Landes gebündelt.
Bekannt wurde das LBF zwar vor allem durch eine Taskforce gegen Influencer-Steuerbetrug, doch nach Behördenangaben verfolgten die Spezialisten im Hintergrund auch die Geldspuren im Rocker-Milieu. Ermittlungen der Steuerfahndung lieferten dabei wichtige Ansätze.
NRW-Finanzminister Marcus Optendrenk (CDU) sagte, die Arbeit der Steuerfahndung sei oft der erste Ansatz, um das Dunkelfeld der Organisierten Kriminalität zu erhellen und deren Strukturen aufzubrechen. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) betonte: Wer Organisierte Kriminalität treffen wolle, müsse an das Geld heran. Dort liege ihr Antrieb, aber auch ihre Achillesferse. Wenn der Staat den Tätern die Beute nehme, treffe das sie härter als jede einzelne Hausdurchsuchung.
Zahlreiche Durchsuchungen in NRW und weiteren Bundesländern
Die Polizei sprach von zahlreichen Durchsuchungen in Nordrhein-Westfalen. In Duisburg wurde unter anderem ein Restaurant durchsucht. Weitere Einsätze gab es in NRW auch in Oberhausen, Mülheim an der Ruhr und Moers. Parallel dazu liefen Maßnahmen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Berlin und Bayern. Hinzu kommen Durchsuchungen in Belgien, Bulgarien und den Niederlanden.
Die teils stundenlangen Einsätze sorgten wegen ihres zeitgleichen Ablaufs für besonderes Aufsehen.
Auch Beamte und städtische Mitarbeiter im Fokus
Im Zuge der Ermittlungen in Nordrhein-Westfalen sind inzwischen auch ein Polizeibeamter sowie zwei städtische Mitarbeiter aus Duisburg ins Visier der Strafverfolger geraten. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft besteht der Verdacht, dass sie dienstlich erlangte Informationen an Dritte weitergegeben haben.
Zusätzlich wird gegen einen weiteren städtischen Mitarbeiter aus Duisburg ermittelt. In dessen Fall geht es um den Verdacht der Bestechlichkeit wegen mutmaßlich angenommener Geldzahlungen zur Gewährung von Vorteilen.
Welche Ämter oder Hierarchieebenen betroffen sind, teilten die Behörden zunächst nicht mit. Die Stadt Duisburg erklärte auf Anfrage, sie unterstütze die Ermittlungsbehörden nach Kräften, könne wegen des laufenden Verfahrens aber keine weiteren Auskünfte geben.
NRW-Innenminister spricht von größtem Schlag seit Jahren
In Nordrhein-Westfalen sind die „Hells Angels“ laut Landeskriminalamt der größte Rockerclub. Nach Zahlen aus dem Frühjahr gibt es 29 Charter mit insgesamt 469 Mitgliedern. Nachdem die rivalisierenden „Bandidos“ im Jahr 2021 verboten worden waren, sollen sich viele Rocker den „Hells Angels“ angeschlossen haben.
Mit Blick auf die aktuellen Maßnahmen sprach Reul vom größten Schlag gegen die Organisierte Kriminalität seit mehreren Jahren. Zugleich machte er deutlich, dass aus Sicht der Ermittler nicht nur die sichtbare Rockerstruktur im Fokus steht, sondern auch ein Geflecht aus Firmen und Immobilien, über das mutmaßlich schmutziges Geld in legale Bahnen gelenkt wird.
Ermittlungen laufen wohl seit mehr als vier Jahren
Laut einem Bericht der „Bild“ dauern die Ermittlungen bereits seit über vier Jahren an. Ausgangspunkt soll eine aufsehenerregende Schießerei auf dem Hamborner Altmarkt im Mai 2022 gewesen sein. Bei der Auseinandersetzung in Duisburg mit mehr als 100 Beteiligten sollen damals Rocker und Mitglieder einer türkisch-libanesischen Großfamilie aneinandergeraten sein.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber