Drei Wochen lang harrte der Buckelwal in der Wismarbucht vor der Insel Poel aus. Er atmete zwar und zeigte gelegentlich Bewegung, blieb aber die meiste Zeit nahezu reglos. Am Montagmorgen kam dann überraschend Bewegung in die Lage: Mit dem steigenden Wasser setzte sich das Tier in Gang. Zunächst schwamm es unentschlossen hin und her, später wurde es von Booten in Richtung Ostsee gelenkt. Nach rund zwei Stunden stoppte der Meeressäuger jedoch erneut. Aus dem Schweriner Umweltministerium hieß es, man gönne dem Tier nun zunächst eine Ruhephase. Nach ersten Schätzungen legte der Wal am Morgen drei bis fünf Kilometer zurück.
Auf Livestream-Aufnahmen war am Vormittag zu sehen, dass der Wal in der Nähe von Fahrwassertonnen offenbar wieder auf Grund lag. Nach Einschätzung der Helfer auf den Booten konnte sich das Tier aber weiterhin eigenständig bewegen, sagte eine Sprecherin des Ministeriums. Sobald es möglich sei, solle der Wal mit einem Ortungssender ausgestattet werden. So ließe sich seine Position auch dann verfolgen, wenn er in tieferes Wasser abtaucht.
Nach Angaben des Umweltministeriums ist der Ausgang der Kirchsee stellenweise sehr flach. Um aus dem Bereich herauszukommen, müsste der Wal daher einen Umweg nehmen. Das Fahrwasser dort sei etwa 2,5 bis 3 Meter tief, während große Teile der Bucht nur rund 90 Zentimeter bis 1,10 Meter Wassertiefe aufwiesen. Deutlich günstiger seien die Verhältnisse erst in der anschließenden Wismarbucht, deren Fahrrinne mehr als neun Meter tief ist. Durch dieses Gebiet müsste der Buckelwal schwimmen, um wieder die offene Ostsee zu erreichen.
Greenpeace warnt vor extremer Belastung
Am Morgen hatten Boote versucht, den Wal in Richtung offenes Meer zu lotsen. Dabei drehte das Tier jedoch mehrfach wieder um und schwamm zurück in die Kirchsee, an deren Ende Kirchdorf liegt. Nach Einschätzung von Greenpeace steht der Buckelwal unter enormem Stress. Ein Sprecher der Organisation sagte, die Situation bedeute eine massive Belastung für das Tier. Der Wal habe jahrelang kaum Kontakt zu Menschen gehabt und sei nun ständig von Aktivitäten umgeben. Zudem müsse er sich von den vergangenen Tagen erholen und sei zusätzlich Motorengeräuschen ausgesetzt.
Beobachter vermuteten, dass das Hin und Her des Wals darauf hindeuten könnte, dass er geschwächt ist und deshalb die Küstennähe sucht. Eine andere mögliche Erklärung sei, dass das Tier so stark desorientiert ist, dass es den Weg zurück ins offene Meer nicht allein findet.
Privat geplante Rettungsaktion gerät ins Stocken
Dass der Wal am Morgen plötzlich losschwamm, brachte die Pläne einer privaten Rettungsinitiative durcheinander. Vorgesehen war eigentlich, unter dem Tier eine Plane einzuziehen, die zwischen Pontons befestigt ist. Auf diese Weise sollte der Wal aus dem flachen Wasser gehoben und anschließend in Richtung Nordsee transportiert werden. Die Pontons sollten von einem Schlepper gezogen werden. Nach Behördenangaben befand sich die Netzplane bereits im Wasser.
Noch am Sonntag hatten Vertreter der Initiative erklärt, man sei mit den Vorbereitungen gut vorangekommen. Gleichzeitig schlossen sie nicht aus, dass sich der rund zwölf Meter lange Buckelwal aus eigener Kraft befreien könnte. Für diesen Fall habe es einen Alternativplan gegeben: Boote der DLRG sollten bereitstehen, um das Tier zu begleiten und zu lenken, falls es selbst losschwimmt.
Der Unternehmer Walter Gunz, einer der Geldgeber der Aktion, hatte sich schon am Sonntag skeptisch gezeigt, ob sich der Wal im Ernstfall überhaupt führen lassen würde. Nach dem unerwarteten Aufbruch des Tieres sagte er, damit sei nun alles aus dem Takt geraten. Mehr könne man im Moment nicht sagen – jetzt bleibe nur die Hoffnung, dass die Begleitung des Wals gelingt.
Backhaus: "Ich begleite den Wal bis zum Ende"
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus bekräftigte am Montag auf Poel, dass er den Fall weiter eng verfolgen werde. Er werde den Wal bis zum Ende begleiten – egal, wie dieses ausgehe. Zugleich betonte er, dass alle Maßnahmen unterstützt würden, die notwendig seien, um das Tier auf seinem Weg zu begleiten.
Buckelwal wird seit Anfang März beobachtet
Erste Sichtungen des Tieres gab es bereits Anfang März. Am 3. März tauchte der Buckelwal im Hafen von Wismar auf und zog zahlreiche Schaulustige an. Später schwamm er wieder in Richtung Ostsee. In den darauffolgenden Tagen wurde er sowohl vor der schleswig-holsteinischen Ostseeküste als auch vor Mecklenburg-Vorpommern gesichtet. Nach Einschätzung von Fachleuten hatte sich der Wal mehrfach in Netzen verfangen. Einsatzkräfte und Meeresschützer von Sea Shepherd konnten Teile des Materials entfernen.
Am 23. März strandete der Wal erstmals auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand in der Lübecker Bucht. Damals liefen umfangreiche Rettungsversuche, bevor sich das Tier schließlich selbst wieder befreien konnte. Wenige Tage später geriet es erneut in Schwierigkeiten, diesmal auf einer Sandbank in der Wismarbucht. Bei auflaufendem Wasser schwamm der Wal zwischenzeitlich weiter, saß jedoch kurz darauf erneut fest. Seit dem 31. März befand er sich dann wieder in einer misslichen Lage – diesmal in der Kirchsee-Bucht vor Poel.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion