VW kündigt zahlreiche Tarifverträge – harter Konflikt mit der Belegschaft zeichnet sich ab
Der Streit um den verschärften Sparkurs bei Volkswagen spitzt sich weiter zu. Der Konzern hat einen Großteil seiner Tarifverträge aufgekündigt, um sie neu zu verhandeln. Damit wächst die Wahrscheinlichkeit eines intensiven Tarifkonflikts im Winter. Für viele Beschäftigte könnten finanzielle und arbeitsrechtliche Einschnitte drohen.
Wie viele Tarifverträge sind betroffen?
Nach Angaben der IG Metall hat VW insgesamt zehn Tarifverträge gekündigt. Ein Unternehmenssprecher nannte keine genaue Zahl. Der Haustarifvertrag des Konzerns setzt sich im Wesentlichen aus rund einem Dutzend Einzelvereinbarungen zusammen.
Worum geht es in den Verträgen?
Der Manteltarifvertrag enthält unter anderem Regelungen zu Arbeitszeit und Urlaub. Nach Darstellung der Gewerkschaft umfasst er außerdem Schutzbestimmungen für ältere Beschäftigte sowie für Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen ihren bisherigen Job nicht mehr ausüben können.
Weitere Verträge betreffen etwa die Eingruppierung in Entgeltstufen, Zuschläge und zusätzliche Vergütungen. Auch Teile des Ausbildungstarifvertrags wurden gekündigt. Dort geht es unter anderem um die Übernahme von Auszubildenden und dual Studierenden. Welche Änderungen VW im Einzelnen anstrebt, ist bislang nicht bekannt.
Wer ist betroffen?
Betroffen sind die Beschäftigten der Volkswagen AG in Deutschland. Dazu zählen die Marke Volkswagen Pkw, die Nutzfahrzeugsparte, der Komponentenbereich sowie zentrale Konzerneinheiten. Insgesamt gilt der Haustarif für etwa 130.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Nicht erfasst sind Tochterunternehmen wie Audi oder Porsche.
Ab wann könnten sich Änderungen bemerkbar machen?
Die Verträge wurden zum 31. Dezember 2026 gekündigt. Allerdings fallen nicht automatisch alle Regelungen sofort weg. Sowohl VW als auch IG Metall verweisen auf die gesetzliche Nachwirkung von Tarifverträgen.
Welche konkreten Folgen es geben wird, hängt letztlich von den Verhandlungen ab. Die Gewerkschaft warnt jedoch, dass sich mögliche Verschlechterungen ab Januar 2027 direkt im Einkommen der Beschäftigten niederschlagen könnten.
Ist eine Kündigung von Tarifverträgen vor Verhandlungen ungewöhnlich?
Grundsätzlich ist es nicht unüblich, Tarifverträge zum Ende ihrer Laufzeit zu kündigen, um Neuverhandlungen zu ermöglichen. Auffällig ist im Fall VW jedoch das Ausmaß. In der Tarifrunde 2024 waren deutlich weniger Verträge betroffen, und der Manteltarifvertrag blieb damals unangetastet.
Was will VW mit diesem Schritt erreichen?
Der Autobauer begründet die Kündigungen mit dem Ziel, wettbewerbsfähiger zu werden und die Kosten zu senken. Nach Unternehmensangaben sollen bestimmte tarifliche Regelungen angesichts des hohen Kostendrucks überprüft und angepasst werden. Die Kündigungen sollen den Spielraum für Verhandlungen vergrößern.
VW will nach eigener Darstellung bereits beschlossene Maßnahmen entschlossen umsetzen und weitere Möglichkeiten für einen sozialverträglichen Personalabbau ausschöpfen.
Personalvorstand Arne Meiswinkel verweist auf ein stark verschärftes wirtschaftliches Umfeld in der Autoindustrie. Die Veränderungen seien tiefgreifend und dauerhaft. Besonders der wachsende Druck durch preisgünstige Exporte chinesischer Hersteller nach Europa spiele dabei eine Rolle. Deshalb müssten die Maßnahmen aus dem sogenannten Zukunftsplan 2030 rasch umgesetzt werden.
Was steckt hinter dem Zukunftsplan 2030?
Mit diesem Programm reagiert Volkswagen auf die Probleme in der Branche. Der Aufsichtsrat hat den Kurs des Vorstands gebilligt, der Konzern soll profitabler werden und umfassend umgebaut werden. Vorstandschef Oliver Blume und sein Team haben damit den Auftrag, Milliarden einzusparen.
Weltweit plant VW in den kommenden Jahren den Abbau von rund 50.000 Stellen zusätzlich zu bereits laufenden Programmen. Etwa die Hälfte davon könnte auf deutsche Standorte entfallen. Konkrete Schritte müssen aber noch mit den Arbeitnehmervertretern ausgehandelt werden.
Zudem ist die Zukunft mehrerer Werke über die Jahre 2031 bis 2034 hinaus offen, darunter die Standorte Emden, Hannover und Zwickau sowie bei Audi das Werk in Neckarsulm.
Drohen längere Arbeitszeiten?
Das ist nicht ausgeschlossen. In der Branche wird bereits über eine 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich diskutiert. Nach Informationen aus Konzernkreisen sieht auch das VW-Management in längeren Arbeitszeiten eine mögliche Stellschraube zur Kostensenkung.
Eine konkrete Forderung liegt bisher zwar nicht auf dem Tisch, das Thema könnte aber später noch relevant werden. Derzeit gilt für VW-Beschäftigte in Deutschland die 35-Stunden-Woche.
Bleibt die Beschäftigungssicherung bestehen?
Ja. Der Zukunftstarifvertrag von 2024, der die Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 festschreibt, ist von den Kündigungen nicht betroffen. Betriebsbedingte Kündigungen bleiben damit ausgeschlossen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass es keinen Stellenabbau geben wird. Bereits vereinbart ist ein sozialverträglicher Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen in Deutschland bis 2030, etwa über Altersteilzeit und Abfindungen.
Wie reagieren IG Metall und Betriebsrat?
Die Arbeitnehmerseite bewertet den Schritt als massiven Angriff auf bestehende tarifliche Standards. Der niedersächsische IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger sprach von einem schweren Affront gegenüber der Belegschaft. Aus seiner Sicht versucht das Management, die wirtschaftlichen Probleme des Konzerns auf die Beschäftigten abzuwälzen.
Auch die Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, Daniela Cavallo, kritisierte das Vorgehen scharf. Sie wirft dem Management vor, zunächst mit Werksschließungen zu drohen und anschließend weitere Einschnitte bei den Tarifbedingungen durchsetzen zu wollen.
Wie geht es jetzt weiter?
Das Treffen in Hannover, bei dem VW die Kündigungen offiziell übergab, war kein Tarifgespräch, sondern ein Überprüfungstermin zum Zukunftstarifvertrag. Die Arbeitnehmerseite hatte dieses Gespräch verlangt, weil sie frühere Zusagen durch die verschärften Sparpläne gefährdet sieht.
Beide Seiten wollen in der zweiten Oktoberhälfte weiter sprechen.
Zusätzliche Brisanz erhält der Konflikt dadurch, dass im Winter auch die reguläre Entgeltrunde ansteht. Die IG Metall fordert fünf Prozent mehr Geld. VW hält diese Forderung angesichts der wirtschaftlichen Lage für überzogen und pocht stattdessen auf niedrigere Kosten.
Sind Warnstreiks wahrscheinlich?
Kurzfristig nicht. Die Friedenspflicht läuft erst zum 31. Dezember 2026 aus. Danach wären Arbeitskämpfe möglich – und nach Einschätzung vieler Beobachter durchaus realistisch.
IG Metall sieht in den Kündigungen eine deutliche Eskalation und einen Bruch mit der bisherigen VW-Tradition. Betriebsratschefin Cavallo erwartet, dass die Belegschaft entsprechend verärgert in die anstehenden Verhandlungen gehen wird. Zum Jahreswechsel könnte daher eine besonders harte Auseinandersetzung bevorstehen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber