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Sensation: Shida Bazyar holt Buchpreis

Diese Entscheidung überrascht: Shida Bazyar gewinnt mit «Die Lücken» den Deutschen Buchpreis.

05.10.2026, 18:41 Uhr

Shida Bazyar wird in diesem Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Geehrt wird die 1988 in Rheinland-Pfalz geborene Autorin für ihren Roman „Die Lücken“. Die Jury bezeichnet das Werk als einen „Roman gegen Gleichgültigkeit“. In ihrer Begründung heißt es, Bazyar mache über die Schicksale einzelner Figuren fast ein Jahrhundert ambivalenten deutschen Lebens sichtbar und finde dafür literarisch überzeugende Strategien.

Der rund 500 Seiten lange Roman spielt im fiktiven Ort Heimesbach im Hunsrück, der an Bazyars Herkunftsort angelehnt ist. Erzählt wird aus der Perspektive einer Toten: Die Ich-Erzählerin kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben und erhält danach Einblick in die Geschichte des Ortes bis in die NS-Zeit zurück. Von „Göttern“ wird sie an jenen Ort zurückgeschickt, an den sie als zehnjähriges Mädchen mit ihrer älteren Schwester und den Eltern als Teil einer Flüchtlingsfamilie gekommen war.

Im Mittelpunkt stehen jüdische Familien, NS-Profiteure sowie kurdische und iranische Menschen, die in Deutschland Schutz suchen. Der Roman beleuchtet verschwiegene Kapitel deutscher Vergangenheit und kreist um Lügen, Rassismus und Verdrängung. Exemplarisch zeigt sich das in Sätzen wie dem Hinweis, niemand habe je zugegeben, „noch immer das Bild des Führers in seiner Schublade liegen zu haben“.

Bazyar verweist in ihrer Dankesrede auf Bedrohungen von Minderheiten

Bei der Preisverleihung im Frankfurter Römer sagte Bazyar, es falle ihr schwer, ungetrübte Freude zu empfinden. Ihr Buch handle schließlich von Menschen, die verfolgt, terrorisiert und ermordet worden seien. Die Freude und Wertschätzung, die sie nun erfahre, sollten deshalb den Menschen gehören, um die es in dem Roman gehe.

Zugleich nutzte sie ihre Rede für einen politischen Appell. Antisemitische Straftaten seien auf einem Höchststand, rassistische ebenfalls, sagte die Autorin. Derzeit gebe es in Deutschland keine Minderheit, die nicht mit großer Sorge auf die Gegenwart blicke. Vor ihren Danksagungen zitierte sie außerdem Hannah Arendt mit einem Satz, der sie nach eigenen Worten beim Schreiben begleitet habe: „Das Problem an 1933 war doch nicht, was unsere Feinde gemacht haben, sondern was unsere Freunde gemacht haben.“

Jury lobt Sprache, Struktur und neuen Blick auf den Heimatroman

Besonders überzeugte die Jury die Form des Buches. Die Sprache verändere sich über die verschiedenen Zeitebenen hinweg und gebe jeder ihren eigenen Ton. Schon bei der Bekanntgabe der Shortlist war zudem hervorgehoben worden, der Roman lote mit seinem transnationalen Blick die Grenzen des Heimatromans aus und definiere ihn neu.

In der endgültigen Begründung betonte die Jury außerdem den Blick der toten Erzählerin und die kaleidoskopische Struktur des Textes. Beides ermögliche Sprünge zwischen Zeiten und ein Spiel aus Nähe und Distanz. Gelobt wurde zudem die enge Verbindung von fiktiven und dokumentarischen Elementen sowie von erfundenen und historischen Figuren, die dem Roman einen starken Nachhall verleihe.

Bereits mit ihrem Debüt „Nachts ist es leise in Teheran“ von 2016 machte Bazyar auf sich aufmerksam. 2021 folgte „Drei Kameradinnen“, das damals auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand.

Ein Buch zur Zeit

Bazyars neuer Roman erscheint in einer Phase, in der die NS-Vergangenheit vieler Familien und ihre Verflechtungen erneut intensiv diskutiert werden. In diesem Jahr hatten mehrere Medien etwa eine neu veröffentlichte Datenbank des US-Nationalarchivs aufgegriffen, mit der sich überprüfen lässt, ob Vorfahren Teil der NS-Maschinerie waren.

Entsprechend wurde „Die Lücken“ mancherorts bereits als „Roman der Stunde“ bezeichnet. Gelobt wurde das Buch als hochaktuell und zugleich zeitlos.

Der Deutsche Buchpreis zählt zu den wichtigsten Auszeichnungen der Branche und wird traditionell am Tag vor der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse vergeben. Im vergangenen Jahr gewann Dorothee Elmiger mit „Die Holländerinnen“.

Neben Bazyar standen noch fünf weitere Autorinnen und Autoren auf der Shortlist: Franziska Gänsler mit „Orca“, Valeria Gordeev mit „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“, Elias Hirschl mit „Schleifen“, Peggy Mädler mit „Selbstregulierung des Herzens“ sowie Dana Vowinckel mit „Anton und Alma“.

Insgesamt sichtete die Jury 205 Titel, die zwischen Herbst 2025 und Anfang September 2026 erschienen sind. Zunächst wurden 20 Bücher für die Longlist ausgewählt, anschließend sechs für die Shortlist. Der Preis ist mit insgesamt 37.500 Euro dotiert. Bazyar erhält 25.000 Euro, die übrigen Finalistinnen und Finalisten jeweils 2.500 Euro.

Für Bazyar bleibt es in diesem Herbst nicht bei dieser Ehrung: Am 7. November erhält sie für „Die Lücken“ auch den Wilhelm Raabe-Literaturpreis, der vom Deutschlandfunk und der Stadt Braunschweig vergeben wird und mit 30.000 Euro dotiert ist. Dort würdigte die Jury den Roman als eines der brisantesten Bücher der Gegenwart. Heimesbach werde zum exemplarischen Schauplatz individueller Verstrickungen in die Verbrechen des Holocausts und einer schleichenden Normalisierung von Antisemitismus, Entrechtung und Ausgrenzung bis in die Gegenwart.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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