Fußball

Wunderheiler der Stars? Müller-Wohlfahrts magische Hände

Bolt, Bono, Neuer – alle vertrauen diesem Arzt. Eine Doku zeigt das verblüffende Geheimnis seiner „sehenden“ Hände.

20.10.2026, 07:08 Uhr

Sky-Doku über Müller-Wohlfahrt: Der Arzt, dem Weltstars seit 50 Jahren vertrauen

Die Praxis von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt wirkt wie ein kleines Museum des Spitzensports. In den Regalen stehen goldene Spikes von Usain Bolt, Boxhandschuhe von Wladimir Klitschko, ein Mini-Helm von Sebastian Vettel und Torwarthandschuhe von Manuel Neuer. An den Wänden hängen Trikots von Stabhochsprung-Star Mondo Duplantis und Eishockey-Profi Sidney Crosby, dazu eine Zeichnung mit persönlicher Widmung von U2-Sänger Bono.

Seit einem halben Jahrhundert setzen Sportgrößen und Prominente auf den deutschen Sportmediziner und Orthopäden, der selbst längst zu einer bekannten Figur geworden ist. Sky widmet dem langjährigen Teamarzt des FC Bayern München und der deutschen Nationalmannschaft die Dokumentation „Müller-Wohlfahrt – Der Arzt der Champions“. In 60 Minuten gibt der Film einen tiefen Einblick in Leben, Denken und Arbeitsweise des Mediziners.

Lob von Weltstars

Im Film kommen zahlreiche Weggefährten zu Wort. Peter Maffay nennt Kopf, Herz und Hände die wichtigsten Werkzeuge des Arztes. Lothar Matthäus spricht von „Magie in seinen Fingern“. Usain Bolt formuliert es besonders deutlich: Er selbst habe das Geschenk des Laufens bekommen, Müller-Wohlfahrt jenes des Heilens.

Diese Bewunderung steht im Kontrast zu seinem lange schwierigen Stand in der klassischen Medizin. Gerade wegen seiner prominenten Patienten und seines besonderen Ansatzes galt er dort über Jahre als Außenseiter und wurde auch angefeindet.

Eigener Weg in der Sportorthopädie

Müller-Wohlfahrt sagt, die Schulmedizin stoße gerade bei Sportverletzungen an Grenzen. In Kliniken lerne man zu wenig über Muskelverletzungen, Funktionstests und Palpation, also das genaue Ertasten körperlicher Strukturen. Stattdessen werde vor allem das Operieren vermittelt.

Auf dieser Grundlage entwickelte er nach eigenen Angaben mit viel Erfahrung und Empirie eine eigene Form der Sportorthopädie. Seine besondere Fähigkeit beschreibt er so, dass er beim Abtasten gewissermaßen durch die äußeren Schichten hindurchblicke: Er sehe nicht die Haut und nicht die Faszie, sondern innerlich Muskeln und Trennlinien wie in einem Anatomiebuch. Er könne mit den Händen quasi sehen.

Seit Jahrzehnten setzt er zudem auf das umstrittene, aus Kälberblut gewonnene Präparat Actovegin. Für Muskelverletzungen bezeichnet Müller-Wohlfahrt es als Mittel der Wahl.

Hohe Belastung für die Familie

Die Dokumentation zeigt auch, welchen Preis diese Berufung privat hatte. Als Müller-Wohlfahrt 1976 von Hertha BSC zum für seine Karriere so wichtigen FC Bayern wechselte, verschwieg er diesen Schritt zunächst sogar seiner Frau Karin.

Sie beschreibt den Neustart in München als harten Einschnitt. Ihr vertrautes Leben in Berlin sei plötzlich weg gewesen, erzählt sie. Sie sei in München zunächst ohne Freundinnen gewesen, hochschwanger, an das Haus gebunden und habe zugleich noch ihr Examen an der Hochschule der Künste in Berlin vor sich gehabt.

Nähe zu den Patienten

Während sie mit dem Neuanfang rang, stand für ihn die Arbeit im Mittelpunkt. Später suchten internationale Stars wie Boris Becker oder Kobe Bryant seine Praxis in der Münchner Innenstadt auf. Manche kamen sogar direkt zu ihm nach Hause. Andere ließen ihn einfliegen – etwa Usain Bolt vor seinem Gold-Triple bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro.

Müller-Wohlfahrt beschreibt seine Haltung so, dass er im Geiste jeden Patienten umarme, der den Raum betrete. Er gehe offen auf die Menschen zu, versuche sofort Vertrauen aufzubauen und zu vermitteln, dass er das Problem erkenne und helfen könne. Im Fußball wurde er meist schlicht „Mull“ genannt. Peter Maffay hebt hervor, dass sich der Arzt nicht nur für die Beschwerden selbst, sondern immer auch für die Geschichte dahinter interessiere.

Der Zoff mit Guardiola

Besonders nachwirkend ist für Müller-Wohlfahrt sein Abschied vom FC Bayern im Streit mit Pep Guardiola. Im Film erscheint der Konflikt als Zusammenstoß zweier Alpha-Figuren aus unterschiedlichen Fußballkulturen. Paul Breitner erklärt, dass bei vielen spanischen Trainern traditionell der Coach entscheide, wann ein Spieler gesund und einsatzbereit sei. In München aber habe in medizinischen Fragen Müller-Wohlfahrt recht gehabt.

Der Arzt erinnert sich, früh gespürt zu haben, dass Guardiola ihm kritisch gegenüberstand und ihm die Arbeit erschweren würde. Im April 2015 eskalierte der Konflikt endgültig: Nach dem 1:3 des FC Bayern im Champions-League-Viertelfinale in Porto wurde die Niederlage im Zuge der Verletztenmisere auch dem Ärzteteam angelastet.

Rückblickend sagt Müller-Wohlfahrt, der Verein hätte ihn nach mehr als 40 Jahren Loyalität und erfolgreicher Arbeit stärker unterstützen müssen. Besonders von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge habe er sich mehr Rückhalt erhofft. Die Enttäuschung sei sehr persönlich gewesen, sagt er – geholfen habe ihm damals niemand. Trotz allem sei seine Bindung an den Club geblieben: Bayern-Fan werde er immer sein.

Rückkehr und kein Gedanke ans Aufhören

Als Guardiola München verließ, kehrte Müller-Wohlfahrt 2017 noch einmal als Mannschaftsarzt an die Säbener Straße zurück. Dem früheren Bayern-Trainer würde er nach eigener Aussage trotz allem auch heute helfen. Er würde die Gelegenheit dann aber nutzen, um über seine Medizin, deren Entwicklung und seine Erfolge zu sprechen – und Guardiola am Ende vielleicht doch noch zu überzeugen.

An Ruhestand denkt der Mediziner weiterhin nicht. Zwar arbeitet mit seinem Sohn Kilian bereits ein möglicher Nachfolger in der Praxis, dem er außergewöhnliche Fähigkeiten bei der Diagnose mit den Händen zuschreibt. Mitunter, sagt Müller-Wohlfahrt, halte er ihn sogar für besser als sich selbst. Doch die tägliche Arbeit mit den Patienten hält ihn nach eigener Überzeugung fit. Den wohl charmantesten Wunsch formuliert Katarina Witt: Müller-Wohlfahrt solle für alle „120 Jahre alt werden“.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen