Jorge Jesus reagierte auf Cristiano Ronaldos 1.740 Wörter lange Abrechnung zunächst auffallend knapp. Der portugiesische Nationaltrainer erklärte, er habe sich in Leiria das Spiel der U21 angesehen und werde Ronaldos Mitteilung nun lesen. Mehr wolle er dazu nicht sagen. In seinem Instagram-Statement hatte Ronaldo dem Coach unter anderem vorgeworfen, ein gegebenes Versprechen gebrochen zu haben.
Damit scheint ein Konflikt offen auszubrechen, der sich in den vergangenen Tagen bereits angedeutet hatte. Während Jesus den Blick zunächst auf den Nachwuchs richtete, rückte Ronaldo mit seinem Text die Vergangenheit in den Mittelpunkt. Die Spannungen zwischen beiden drohen nun vollends zu eskalieren.
Abschied mit Misstönen statt feierlicher Bühne
Besonders deutlich wird der Kontrast im Vergleich zu Lionel Messi, der sich bei Argentiniens 3:0 gegen Benin würdevoll von der Nationalmannschaft verabschiedete. Ronaldos Erklärung zur vorzeitigen Abreise aus dem Teamquartier liest sich dagegen wie eine scharfe Anklage gegen Jesus.
Der Trainer hatte den Superstar beim 2:1 gegen Norwegen nur auf die Bank gesetzt und überhaupt nicht eingesetzt. Ronaldo verließ danach umgehend das Quartier und kündigte an, sich später ausführlich zu äußern.
Nun schilderte der 41-Jährige, ein Einsatz sei ursprünglich gar nicht geplant gewesen. Erst kurz vor dem Spiel habe Jesus ihn gebeten, für etwa 30 Minuten einzuwechseln. Dazu kam es am Ende nicht.
Ronaldo wirft Jesus Arroganz vor
Nach einem klärenden Gespräch mit Jesus und Sportdirektor Simão Coutinho sei eigentlich vereinbart gewesen, die Angelegenheit auf der anschließenden Pressekonferenz zu entschärfen, so Ronaldo. Stattdessen habe er dort Aussagen und einen Tonfall erlebt, die aus seiner Sicht nicht zu dem vorherigen Gespräch passten.

Ronaldo sprach von einer aggressiven, hochmütigen und arroganten Haltung des Trainers. Eine solche Art habe Jesus ihm gegenüber am Tag zuvor nicht gezeigt.
Lange hatte sich der Rekordnationalspieler zu dem Vorfall nicht geäußert. Dabei kann Ronaldo auf 234 Länderspiele, 146 Tore und den EM-Titel zurückblicken. Währenddessen blieb Portugal in der Nations League sportlich makellos und gewann gegen Wales, Norwegen, Dänemark und erneut Norwegen.
Sportlich läuft es, doch alles dreht sich um Ronaldo
Aus rein sportlicher Sicht spricht derzeit vieles für Jesus. Der 72-Jährige, der Ronaldo in der vergangenen Saison bereits bei Al-Nassr in Saudi-Arabien trainiert hatte, lieferte mit vier Siegen aus vier Spielen beste Ergebnisse.
Dennoch steht wieder einmal nicht der sportliche Erfolg im Fokus, sondern die Personalie Ronaldo.
Rückkehr offen – aber Vertrauen beschädigt
Nach Ronaldos Abgang hatte Jesus betont, der Offensivstar habe weiterhin Chancen auf eine Rückkehr in die Nationalmannschaft. Sollte Ronaldo bei Al-Nassr spielen und wieder dabei sein wollen, sei er bei der nächsten Nominierung ein Kandidat für den Kader.
Ronaldo signalisierte nun grundsätzlich seine Bereitschaft zur Rückkehr. Gleichzeitig machte er aber öffentlich, dass er sich vom Trainer in seinem Vertrauen enttäuscht fühlt.
Zwar räumte er ein, dass das Verlassen des Quartiers ein Fehler gewesen sei und die Verantwortung dafür allein bei ihm liege. Den größten Teil seiner Erklärung nutzte er jedoch, um detailliert die Missverständnisse und die Kommunikation mit Jesus nachzuzeichnen.
Ronaldo erwartet eine Strafe
Er habe den Eindruck gehabt, dass seine Anwesenheit der Mannschaft in diesem Moment eher geschadet hätte, schrieb Ronaldo. Deshalb habe er so gehandelt, wie er es immer angekündigt habe: Wenn er sich nicht mehr nützlich fühle, gehe er.
Für ihn bleibe Wahrheit der wichtigste Bestandteil jeder Beziehung zwischen Menschen. Dass das Verhältnis zwischen ihm und Jesus zumindest schwer belastet, wenn nicht sogar dauerhaft zerstört ist, erscheint nach diesen Aussagen naheliegend.
Ronaldo rechnet nach eigenen Angaben mit einer Sperre durch den Verband. Danach wolle er der Nationalmannschaft aber wieder ganz normal zur Verfügung stehen.
Jesus langfristig gebunden bis 2030
Schon nach der Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada hatte Ronaldo offenbar über ein Ende seiner Karriere im Nationalteam nachgedacht. Laut eigener Darstellung bat ihn der Verbandspräsident noch auf dem Rückflug eindringlich, diese Entscheidung zu überdenken, weil die FPF auf ein Weitermachen hoffe.
Auch bei der Suche nach einem neuen Nationaltrainer sei seine Meinung zu Jorge Jesus gefragt gewesen. Ronaldo habe dem Präsidenten damals mitgeteilt, dass Jesus aus seiner Sicht die richtige Wahl sei.
Jesus besitzt einen Vertrag bis zum Sommer 2030. Damit soll er Portugal nicht nur durch die kommende Nations League und die EM 2028 in Großbritannien führen, sondern auch zur Heim-WM in vier Jahren.
Ob dann sowohl Jesus als auch der dann 45 Jahre alte Ronaldo noch gemeinsam für Portugal arbeiten werden, erscheint nach den jüngsten Ereignissen allerdings immer unwahrscheinlicher.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber