Manuel Neuer hatte es sich vor dem Länderspiel-Fenster gewünscht, nun ist es offiziell: Jonas Urbig steht im Nations-League-Spiel gegen Serbien am Donnerstagabend (20.45 Uhr/ZDF) erstmals im Tor der deutschen Nationalmannschaft. In der Münchner Allianz Arena beginnt für den 23-Jährigen damit womöglich ein neues Kapitel auf der wichtigsten Position im DFB-Team.
Schon vor dem Anpfiff machte Urbig deutlich, wie viel ihm dieser Moment bedeutet. Es sei für ihn ein „sehr besonderes Gefühl“, sagte der Bayern-Keeper nach den letzten Anweisungen von Bundestrainer Jürgen Klopp. Auf diesen Augenblick habe er sein ganzes Leben hingearbeitet. Besonders freue ihn, dass er im eigenen Stadion auflaufen und mithelfen könne, den ersten Sieg unter Klopp einzufahren.
Neuer hatte dem jungen Kollegen öffentlich die Daumen gedrückt. Der Rekordtorwart des DFB hatte erklärt, er hoffe natürlich auf einen Einsatz von Urbig. Dieser Wunsch geht nun in Erfüllung.
Ruhiger Eindruck vor dem Debüt
Beim Abschlusstraining in Herzogenaurach war von Nervosität kaum etwas zu sehen. Urbig arbeitete konzentriert und unaufgeregt, hechtete den Bällen hinterher wie an jedem anderen Tag auch. Der Torhüter wirkte vor seinem ersten A-Länderspiel bemerkenswert gelassen.
Dass es im dritten Spiel unter Klopp einen Debütanten im Tor geben würde, stand ohnehin fest. Neben Urbig warten auch Finn Dahmen und Noah Atubolu noch auf ihren ersten Einsatz in der A-Nationalmannschaft. Insgesamt hatte Klopp in seinen beiden Kadern gleich fünf Torhüter nominiert und damit auch auf dieser Position eine umfassende Bestandsaufnahme gestartet.
Marc-André ter Stegen, den Klopp „für den Moment“ als Nummer eins sieht, hatte beim 1:1 gegen die Niederlande gespielt. Alexander Nübel kam bei der 0:1-Niederlage gegen Griechenland zum Einsatz. Beide reisten anschließend ab.
Wer steht 2028 im deutschen Tor?
Von einem Torwartproblem will Klopp nichts wissen. Nach seiner Einschätzung ist Deutschland auf dieser Position sehr gut besetzt. Ein möglicher künftiger Titelgewinn werde sicher nicht an den Schlussmännern scheitern.
Die spannendere Frage lautet daher längst: Wer ist Deutschlands Stammtorwart bei der EM 2028? Eine endgültige Antwort dürfte wohl erst im Verlauf der Saison 2027/28 fallen. Schon jetzt aber gilt Urbig vielen Beobachtern als aussichtsreicher Kandidat.
Kompany mit klarer Prognose
Auch beim FC Bayern traut man ihm den Sprung an die Spitze im DFB-Team zu. Vincent Kompany formulierte das besonders deutlich. Wer glaube, dass Urbig nicht irgendwann Deutschlands Nummer eins werde, liege aus seiner Sicht klar falsch. Nur über den Zeitpunkt wollte sich der Bayern-Coach nicht festlegen. Ob das in einem Jahr oder erst in fünf Jahren so weit sei, müsse letztlich Klopp entscheiden.
Bereits im Sommer war Urbig bei der WM in Amerika Teil des deutschen Aufgebots, damals allerdings nur als Trainingstorwart. Für den 23-Jährigen war das trotzdem ein wichtiger Entwicklungsschritt. Er sprach von einer außergewöhnlichen Erfahrung, bei der er Turnierluft schnuppern und viel lernen konnte.
Neuer als Mentor und Maßstab
Seit seinem Wechsel vom 1. FC Köln zum FC Bayern Anfang 2025 profitiert Urbig täglich von Manuel Neuer. Selbst ter Stegen hält diese Konstellation für ideal. Besser als an der Seite von Neuer könne man kaum lernen, zugleich könne sich Urbig noch ohne maximalen Druck entwickeln.
In München bilden der 40 Jahre alte Neuer und der 17 Jahre jüngere Urbig ein enges und harmonisches Torwartduo. Neuer akzeptiert in seiner wohl letzten Saison, dass Urbig immer wieder Einsätze bekommt. Der Jüngere verweist zugleich darauf, dass er trotz aller Konkurrenz im Rhythmus sei: Mehr als 30 Spiele habe er inzwischen für Bayern bestritten.
Urbig spricht mit großer Wertschätzung über seinen prominenten Kollegen. Neuer sei eine Ikone, zu der man automatisch aufschaue. Gleichzeitig habe er schnell gemerkt, dass Neuer niemandem von oben herab begegne, sondern immer auf Augenhöhe bleibe. So sei rasch ein guter Draht entstanden.
Ihr Verhältnis beschreibt Urbig als das von „befreundeten Konkurrenten“. Auffällig ist dabei, dass der junge Keeper nicht nur sportlich, sondern auch im Auftreten vieles von Neuer übernimmt. Schon bei der WM in Amerika waren beide auch abseits des Platzes häufig gemeinsam zu sehen.
Ehrgeiz wie beim Vorbild
Kompany bezeichnete Urbig einmal als „Kampfschwein“ – ein Hinweis auf dessen großen Ehrgeiz. Der Torwart bestätigt dieses Bild selbst mit klaren Worten: Er hasse Gegentore und Niederlagen. Selbst im Training wolle er jeden Ball halten, jeden Schuss blocken und jede Spielform gewinnen.
Das Debüt in München, dazu noch während des Oktoberfests, bietet nun die perfekte Bühne für den nächsten Karriereschritt. Langfristig will Urbig Neuer nicht nur beim FC Bayern, sondern auch in der Nationalmannschaft beerben. Die Debatte um die künftige Nummer eins will er derzeit aber kleinhalten. Sein Fokus liege darauf, jeden Tag an sein Limit zu kommen. Ein starkes erstes Länderspiel wäre dafür das beste Argument.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber