Portugals Neustart beginnt mit alten Bekannten
Den Neustart der portugiesischen Nationalmannschaft hatten sich viele Fans wohl anders vorgestellt. Knapp drei Monate nach dem enttäuschenden WM-Aus gegen Spanien kam die Auswahl erstmals wieder zusammen – und im Teamhotel traf der neue Nationaltrainer Jorge Jesus auf Cristiano Ronaldo.
Der Coach ist 72 Jahre alt, Ronaldo 41. Gemeinsam stehen sie sinnbildlich für einen eher ungewöhnlichen Aufbruch. Dabei rückt bereits der Sommer 2030 in den Blick, wenn Portugal Mitgastgeber der nächsten Weltmeisterschaft ist – eigentlich ein Zeitpunkt, der sonst oft für einen klaren Umbruch genutzt wird.
Fabio Silva schwärmt von Ronaldo
Statt eines radikalen Neuanfangs startet die "Seleção" mit reichlich Erfahrung in die Nations League. Zum Auftakt geht es am Donnerstag gegen Wales, anschließend wartet am Sonntag in Norwegen das Duell zwischen Superstar Erling Haaland und Ronaldo.
Borussia-Dortmund-Stürmer Fabio Silva, den Jorge Jesus zurück in den Kader geholt hat, begrüßt das ausdrücklich. Für ihn sei es eine Freude, im Nationalteam zu sein und von Ronaldo zu lernen. Der Kapitän sei für ihn ein echtes Vorbild.
Im fußballverrückten Portugal wächst jedoch die Skepsis gegenüber Ronaldos Dauerrolle in der Nationalelf. Die Sportzeitung A Bola kommentierte die Personalie kritisch unter der Überschrift "Jesus und die Apostel". Dort wurde infrage gestellt, ob Dankbarkeit allein ausreiche, um Ronaldo mit 41 Jahren weiterhin gesetzt zu sehen – zumal er inzwischen in Saudi-Arabien bei Al-Nassr spielt, also in einer Liga, die international nicht zur Spitze zählt.

Hinzu kommt: Jorge Jesus trainierte Ronaldo in der vergangenen Saison bereits bei Al-Nassr.
Die Marke von 1000 Toren als Antrieb
Warum Portugals Rekordspieler nach inzwischen 233 Länderspielen sowie sechs Welt- und sechs Europameisterschaften noch immer weitermacht, darüber wird viel spekuliert. Als Gründe gelten einerseits das enge Verhältnis zum neuen Nationaltrainer, andererseits Ronaldos Jagd auf eine historische Bestmarke: 1000 Tore in Pflichtspielen für Club und Nationalteam. Derzeit steht er bei 979 Treffern.
Jorge Jesus glaubt allerdings, dass Ronaldo dieses Jubiläum eher im Trikot von Al-Nassr als in der Nationalmannschaft erreichen wird. Insgesamt versucht der neue Coach, das Thema möglichst nüchtern zu behandeln. Ronaldo sei für ihn ein Spieler wie jeder andere: Wenn er Leistung bringe, spiele er – wenn nicht, dann eben nicht.
Jorge Jesus folgt seinem eigenen Kurs
Für Jorge Jesus ist es bereits die sechste Trainerstation an der Seite Ronaldos in der Nationalmannschaft – zumindest, wenn man auf die Abfolge der Nationalcoaches seit Ronaldos Debüt 2003 gegen Kasachstan blickt. Seit Luiz Felipe Scolari habe kaum ein Auswahltrainer die öffentliche Meinung so demonstrativ ignoriert wie der selbstbewusste Jesus.
Der Portugiese arbeitet seit 36 Jahren als Profi-Coach und gewann Titel in mehreren Ländern: in Portugal mit Benfica, in Brasilien mit Flamengo, in der Türkei mit Fenerbahce und in Saudi-Arabien mit Al-Hilal und Al-Nassr. Die Arbeit mit der Nationalmannschaft bezeichnete er vor dem Wales-Spiel als das "Sahnehäubchen" seiner Karriere.
Talent im Überfluss – doch noch nicht für die A-Nationalelf
Portugal bringt gemessen an seinen rund elf Millionen Einwohnern seit Jahren außergewöhnlich viele Spitzenspieler hervor. Allein seit 2025 wechselten Talente wie Dário Essugo, Mateus Fernandes, Geovany Quenda und Rodrigo Mora für insgesamt rund 150 Millionen Euro nach England oder Italien.
In der A-Nationalmannschaft sollen sie vorerst allerdings noch keine zentrale Rolle spielen. Stattdessen setzt Jorge Jesus zunächst auf erfahrenere Kräfte. So kehrt etwa João Palhinha zurück, inzwischen 31 Jahre alt und zuletzt beim FC Bayern eher ohne Perspektive.
Jesus machte deutlich, dass er seine eigene Vorstellung von der Mannschaft habe. Jeder Trainer denke anders – und er eben auf seine Weise.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber